- Ökonomik

William Wilberforce: Kämpfer für die Freiheit

1759 in einem privilegierten Elternhaus geboren, widmet Wiliam Wilberforce sein Leben dem Kampf gegen die Sklaverei. Auf dem Sterbebett erfährt er, dass die Abschaffung der Sklaverei im Parlament durchkommt. Die Geschichte der ersten Graswurzelbewegung.


“Wir müssen den Aufbau einer freien Gesellschaft wieder zu einem intellektuellen Abenteuer machen, zu einem Akt des Mutes. Was uns fehlt, ist eine liberale Utopie, ein Programm, das weder eine bloße Verteidigung bestehender Verhältnisse ist noch ein verwässerter Sozialismus, sondern ein wirklich liberaler Radikalismus, der die Mächtigen nicht schont, der nicht allzu pragmatisch ist, und der sich nicht auf das beschränkt, was heute politisch durchsetzbar erscheint. Wir brauchen intellektuelle Führungspersönlichkeiten, die bereit sind, sich für ein Ideal einzusetzen, mögen die Aussichten auf ihre baldige Umsetzung auch noch so gering sein. Es müssen Menschen sein, die bereit sind, an ihren Prinzipien festzuhalten und für deren volle Verwirklichung zu kämpfen, mag der Weg auch noch so lang erscheinen.” / Friedrich August von Hayek

 

Denkt man an große Gestalten der Geschichte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, so kommen einem wahrscheinlich Napoleon, Washington oder Metternich in den Sinn, vielleicht auch Robespierre und Nelson. Kaum einer aber würde an William Wilberforce denken. Dabei sollte dieser Mann den Lauf der Geschichte verändern und weit mehr für Freiheit und Menschlichkeit tun als irgendeiner seiner obenstehenden Zeitgenossen.

Im Jahr 1759 in einer privilegierten Familie aus Yorkshire geboren war Wilberforce ein charmanter und begabter junger Mann, der einer vielversprechenden politischen Karriere in den höchsten Kreisen entgegensehen konnte.

In seinen späten Zwanzigern kam er allerdings in die Gesellschaft einer ganz anderen Art von Leuten als die, mit denen er gewöhnlich Umgang pflegte. Er begann, sich anzufreunden mit der Gesellschaft, vor allem aber mit den Ideen von evangelikalen Sonderlingen und Quäker-Querköpfen.

Nicht gerade die vielversprechendsten Mitstreiter, aber – so empfand er – endlich einmal Menschen, die von etwas überzeugt waren. Diese Leute sollten ihm im Laufe der Zeit Ideen in den Kopf setzen, die aus heutiger Sicht etwas sonderbar erscheinen: So setzte er sich zum Beispiel ein für Gesetze gegen exzessiven Alkoholkonsum, Pornographie oder Sonntagszeitungen. Auf der anderen Seite trat er aber auch gegen die Todesstrafe ein und gründete die „Gesellschaft zur Verhinderung von Tierquälerei“. All dies aber ist unbedeutend verglichen mit dem bahnbrechenden Wandel, den er für die Menschheit herbeiführte.

Eines der Anliegen, das seine eigenartigen Freunde wieder und wieder aufbrachten, war der Sklavenhandel. Der Handel mit Männern und Frauen aus Afrika machte damals zusammen mit dem Handel mit von Sklaven produzierten Gütern einen Löwenanteil des britischen Außenhandels aus.

Bis zu vierzigtausend Sklaven wurden in einem Jahr über den Atlantik gebracht. Wilberforces neue Freunde wurden nicht allein von der perversen Tatsache zutiefst abgestoßen, dass hier Menschen wie Besitz behandelt und verkauft wurden. Auch die Zustände auf den Sklavenschiffen waren von unvorstellbarer Grausamkeit. Schließlich waren diejenigen, die die Tortur der Überfahrt überlebt hatten, auf den Inseln der Karibik entsetzlichen und tödlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt.

Dennoch war Sklaverei damals in weiten Teilen der Welt etwas völlig Normales. Scheinbar nahm nur ein Häuflein frommer Spinner daran Anstoß. Es schien ein aussichtloses und weltfremdes Unterfangen, den Sklavenhandel bekämpfen zu wollen – ein von Beginn an verlorenes Anliegen. Sklaverei war ein Grundpfeiler der britischen Wirtschaft – so sah es zumindest auf den ersten Blick aus und so wurde es dargestellt.

Seit 1787 beackerten diese Leute das ganze Land und warben für die Abschaffung des Sklavenhandels. (Sie waren überzeugt, dass nach Abschaffung des Handels auch das Problem der Sklaverei selbst rasch verschwinden würde. Es schien aber taktisch klüger, nicht sofort mit der Tür ins Haus zu fallen.)

Zum ersten Mal in der Geschichte machte sich eine Graswurzelbewegung an die Arbeit: Männer und Frauen aus jedem Stand sammelten Beweise für die Grausamkeiten auf den Sklavenschiffen; sie hielten öffentliche Reden und Versammlungen; überzogen das Land mit Pamphleten und Flugblättern; sie fluteten Zeitungen mit Leserbriefen; sie organisierten Boykotte; und in den folgenden Jahren bekamen sie hunderttausende von Unterschriften zusammen für ihre Petitionen an das Parlament.

Wilberforce war 29 Jahre alt, als er am 21. Mai 1789 das erste Mal im englischen Unterhaus eine Rede hielt, in der er die Abschaffung des Sklavenhandels forderte. Zwei Jahre später brachte er erstmals einen Gesetzentwurf ein – und scheiterte damit deutlich. Die Zeitumstände damals waren ihm nicht gewogen. Die Französische Revolution hatte den Konservativen in England Auftrieb gegeben. Viele fürchteten, dass Reformen England letztlich auf den französischen Weg führen würden. Außerdem hatten die Sklavenhändler und diejenigen, die von Sklavenarbeit profitierten, eine mächtige und wohlhabende Lobby, die ihnen dabei half, zu verhindern, dass ihre grausamen Profite ruiniert würden.

In den folgenden Jahren brachte Wilberforce wieder und wieder Gesetze ein. Und wieder und wieder unterlag er. Häufig drohten er und seine Mitstreiter  in Resignation zu verfallen, sie ruinierten ihre Gesundheit und mussten öffentliche Demütigung ertragen.

Nach einem vielversprechenden Anfang waren das Jahre der Bitterkeit. Aber die Sache war ihnen zu wichtig, als dass sie die Hoffnung aufgegeben hätten. Unter Aufopferung ihrer Gesundheit und ihres Wohlergehens hielten sie durch. Fast achtzehn Jahre nachdem Wilberforce erstmals seine Stimme gegen den Sklavenhandel erhoben hatte, wurde am 23. Februar 1807 das Gesetz zur Abschaffung des Sklavenhandels vom englischen Parlament verabschiedet. Britische Schiffe, die einen großen Teil des weltweiten Sklavenhandels abwickelten, sollten nie wieder Menschen über den Atlantik bringen als wären sie billige Ware.

Leider löste das Ende des Sklavenhandels nicht das vollständige Ende der Sklaverei aus, wie es sich viele der Abolitionisten erhofft hatten. Darum setzten sie ihre Bemühungen fort, die Sklaverei in Großbritannien und seinen Kolonien vollständig auszurotten.

Als Wilberforces Gesundheit sich zunehmend verschlechterte, setzten jüngere Leute seine Arbeit und sein Kampf für die Menschlichkeit fort. Wilberforce lag auf dem Sterbebett, als er im Sommer 1833 erfuhr, dass ein Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei im Parlament durchkommen würde. Das Gesicht dieser Welt zu verändern hatte buchstäblich sein ganzes Leben aufgezehrt. Die Geschichte mag dieses Opfer vergessen haben, sie mag die Namen von James Ramsay, Thomas Clarkson und William Wilberforce verweht haben. Aber sie und all die sonderlichen Querköpfe um sie herum haben für die vielleicht größte Geißel der Menschheit das Totenglöcklein geläutet. Ihre Statuen sollten auf den Plätzen unserer Städte stehen, nicht die der Kriegstreiber und Tyrannen der Vergangenheit.

Auch heute herrscht in allen Teilen der Welt noch Unrecht in verschiedenster Gestalt. Der Krieg gegen die Drogen etwa kostet jährlich Zehntausende in den armen Gegenden der Welt das Leben – nachweislich mit keinem Erfolg. Landwirtschaftssubventionen und andere Arten des Protektionismus hindern große Teile der Weltbevölkerung daran, aus bitterer Armut zu entkommen. In vielen Ländern werden Homosexuelle verfolgt – nicht nur von den anderen Mitgliedern ihrer Gesellschaft, sondern auch durch staatliche Einrichtungen und Gesetze. Und das drängendste Thema überhaupt ist wohl die Migrationsfrage. Genauso wie vor über zweihundert Jahren der Sklavenhandel ein welterschütternder Skandal für Wilberforce und seine Mitstreiter war, so ist die Abschottungshaltung des Westens gegenüber Migranten der größte Skandal des 21. Jahrhunderts.

Die Welt braucht wieder „Wilber-forces“, die bereit sind, ihr Leben in den Dienst des Kampfes gegen Unrecht und für Freiheit zu stellen. Viele unserer Mitmenschen brauchen dringend jemanden, der bereit ist, sich für sie einzusetzen. Das schließt freilich die Bereitschaft mit ein, Scheitern, Feindseligkeiten und Spott zu ertragen. Es setzt ein sehr hohes Maß an Geduld und Beharrungsvermögen voraus. Es erfordert die innere Stärke, nicht auf die hereinzufallen, die einen entmutigen wollen mit ihren scheinbar pragmatischen und vernünftigen Argumenten. Kleingeistigkeit war immer ein Feind der Freiheit. Die Sache der Freiheit und Menschlichkeit braucht Träumer und Idealisten wie William Wilberforce. Am Ende haben sie immer obsiegt – zum Besten der Menschheit.

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Autor

Clemens Schneider

Clemens Schneider ist Mitbegründer des freiheitlichen Think Tanks "Prometheus - Das Freiheitsinstitut" und arbeitet in Katholischer Theologie an einer Dissertation über den englischen Historiker Lord John Acton.

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