6 Gesellschaft

Schaffen wir die relative Armut ab!

Was würden Sie sagen, wenn jetzt gleich Ihr Chef zur Tür hereinschaut und allen Ernstes meint: „Guten Morgen. Ach ja, bevor ich’s vergesse, ab sofort bekommen Sie monatlich 400 Euro mehr.“ Und was, wenn dann kurz darauf ein Kollege vorbeikommt: „Hast du schon gehört, dass der Chef gerade durchs Haus geht und allen 500 Euro mehr Lohn verspricht?“ – Gedanken zum heutigen Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut.


Für die meisten von uns würden wohl unerwartete 400 Euro jeden Monat zusätzlich einen wahren Geldsegen bedeuten. Da könnte man sich doch wirklich glücklich schätzen. Und genau das würde man ja auch tun, wenn der besagte Kollege nur die Klappe gehalten hätte. Jeder wäre still für sich nach Hause gegangen und hätte mit seinen Lieben ein gute Flasche aufgemacht und das Datum im Kalender als Glückstag vermerkt.

So aber würden Sie wohl ziemlich sauer heimtrotteln und sich eher arm fühlen. Ihnen wäre elend, weil sie zwar mehr haben, aber weniger mehr. Sie sind, was das Gehaltsgefüge in Ihrem Betrieb betrifft, absolut reicher, relativ jedoch ärmer geworden. Was hängen bleibt, ist der Verlust. Das ist das Dilemma der relativen Beurteilung von arm und reich.

Die relative Betrachtung von Einkommen ist ziemlich unabhängig von der Höhe und zieht nicht ins Kalkül, ob eine Entlohnung ausreichend, angemessen oder verdient ist. Sie setzt es nur ins Verhältnis zu einer mehr oder weniger willkürlichen Bezugsgröße. Und dazu ist man dann entweder ärmer oder reicher. In Bezug auf den Lohn der Kollegen, in Bezug auf das zur Schau gestellte Vermögen des Nachbarn, in Bezug auf das Gewinnglück beim Lotto oder in Bezug auf den Median des Nettoäquivalenzeinkommens. Während man bei den Erstgenannten resignieren kann, jeder ist eben seines Unglückes Schmied, geht uns Letzteres alle an.

Mit der gängigen volkswirtschaftlichen Armutsdefinition – weniger als 60 Prozent des besagten Medians des Nettoäquivalenzeinkommens, also des mittleren Einkommens in einer Gesellschaft – wird das Relativitäts-Bias unseres Denkens, diese Verzerrung unserer Urteile durch Vergleiche, zur Räson des politischen Handelns. So lange es aber wie auch immer geartete Einkommensunterschiede gibt, herrscht dann unweigerlich auch immer (relative) Armut.

Dabei kann es verantwortungsvolle Politik freilich nicht einfach bewenden lassen. In unserem Wertesystem bedingt der Begriff Armut selbstverständlich Solidarität, erfordert also politisches Eingreifen. Solches hat sich hier und heute systematisch im umverteilenden Sozialstaat ausgeprägt. Mit einer Regelgröße wie dem relativen Armutsbegriff muss dann das Sozialsystem unmittelbar nach weitestgehender Gleichheit der Einkommens- und Besitzverhältnisse streben. Andernfalls würde ja immer definierte Armut bleiben. Der relative Armutsbegriff ist der Steigbügel zum Egalitarismus.

Genau deshalb ist Armut auch in einem wohlhabenden Land wie Deutschland nach wie vor ein vernehmlicher Schlachtruf der sozialistischen Demagogie. Relative Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Und so kommt es zum Beispiel dem DGB-Chef Michael Sommer ganz leicht über die Lippen, von Arbeit im Armutssektor zu sprechen (vorgeblich ein Viertel alle Arbeitsverhältnisse). Oder von der Zunahme von Armutslöhnen – das relativ geflissentlich unterschlagend.

Bei den ideologischen Heißmachern aus dieser Ecke wird daraus dann schnell auch die „inflationär fortschreitende Verarmung und Verelendung immer größerer Teile unserer Bevölkerung“ in Deutschland. Und auch Sommer selbst orakelt des Öfteren von Massenverelendung in unseren Landen, so zum Beispiel vor dem Start der Hartz-Reformen, bei denen tatsächlich, entgegen der landläufigen Meinung, die Transferzahlungen erheblich ausgeweitet wurden; sieben Milliarden zusätzliche Ausgaben für Arbeitslosen- und Sozialhilfe bereits im ersten Jahr.

Das einzige wirkliche Elend dabei ist die Schuldenfinanzierung dieses sich aufblähenden Sozialstaats (von 2004 auf 2005 – vor und nach den Hartz-Reformen – stieg die Staatsverschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden um 60 Milliarden Euro).

Für die tatsächliche Wohlfahrt ist die relative Armut jedoch vollkommen irrelevant. Die hängt allein vom absoluten Niveau ab. Sehen wir uns dazu zum Beispiel das auch im relativen Armutsbegriff verwendete Nettoäquivalenzeinkommen an. Eine um Haushaltstruktureffekte bereinigte Pro-Kopf-Kenngröße des Einkommens, netto, das heißt nach Steuern und nach Sozialabgaben (also nach Abzug der Pflichtbeiträge für Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung).

Der mittlere Werte, der Median dieses Nettoäquivalenzeinkommens steigt in Deutschland stetig; laut den auf Wikipedia aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragenen Werten von 13.439 Euro pro Jahr 1995 auf 18.797 Euro 2010. Für die zuletzt verfügbaren Daten 2011 laut statistischem Bundesamt liegt der Median des jährlichen Nettoäquivalenzeinkommens bei 19.043 Euro.

Sowohl die Entwicklung als auch der absolute Stand des mittleren Personeneinkommens deuten also eher auf eine prosperierende Gesellschaft, als auf drohende Massenverelendung. Selbst wenn man diesen willkürlichen Schwellenwert von 60 Prozent für die Grenze zur Armut nimmt, steht da ein doch ganz erkleckliches Pro-Kopf-Einkommen von rund 950 Euro. Für eine Familie mit einem Kind ab 14 Jahren wäre das ein Netto-Haushaltseinkommen von 1900 Euro, zudem alle krankenversichert und für Pflege, Arbeitslosigkeit und Rente vorversorgt. Sicher wenig Luft für große Sprünge, aber doch alles andere als arm.

Genaugenommen ist es eine unverschämte Herabwürdigung dieser Menschen, die ja fraglos hinter dem Einkommen stehende Leistung arm zu nennen. So werden sie sich aber bald wirklich fühlen. Nicht von sich aus, es wird ihnen schlechterdings aufgedrängt, wenn in den Nachrichten wieder einmal der aktuelle Armutsschwellenwert berichterstattet wird. Ach, hätten die nur einmal die Klappe gehalten.

Ad absurdum gerät die relative Armmacherei, wenn Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft feststellen, dass jeder sechste (relativ) Einkommensarme seine Armutslücke für mindestens zehn Jahre durch eigenes Vermögen schließen könnte (WirtschaftsWoche Global, 2/2013). Oder wenn man mal überlegt, wer eigentlich die geschätzten 343 Milliarden Euro jährlich (2012) aus Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung verdient. Oder schließlich wenn wir uns mit nächsten europäischen Nachbarn vergleichen: Mehr als neunzig Prozent der Polen, Tschechen und Slowaken haben einen Jahresverdienst aus Vollzeitarbeit unterhalb unseres mittleren Nettoäquivalenzeinkommens.

Und geht man nur wenige Kilometer weiter, nach Rumänien, Bulgarien oder in die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens dann erreichen über neunzig Prozent mit ihrem Verdienst nicht unsere Armutsgrenze. Annähernd die ganze Bevölkerung in diesen Ländern ist also relativ zu unseren relativ Armen arm.

Noch ein weiterer relativer Kronzeuge wird in der Umverteilungs-Demagogie regelmäßig aufgerufen: die aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich. Erst jüngst im Wahlkampf hat das zum Beispiel der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wieder einmal zum Thema gemacht und die bürgerlich-liberale Koalition für das Aufgehen dieser Schere verantwortlich geschimpft.

Ein häufig verwendetes Maß ist hier der Gini-Koeffizient des Nettoäquivalenzeinkommens. Eine Kennzahl zwischen Null und Eins für die Verteilung der Einkommen. Sie tendiert gegen Null, umso gleicher die Einkommen sind, umso näher also ein Großteil der Verdienste am mittleren Wert liegt. Und je größer die Ungleichheit zwischen den Einkommen ist, umso mehr geht der Gini-Koeffizient auf die Eins zu.

Abgesehen davon, dass der Gini-Koeffizient des Nettoäquivalenzeinkommens in Deutschland nach einem Anstieg Anfang der Zweitausenderjahre nunmehr seit acht Jahren annähernd konstant bei 0,29 liegt und wir damit international zwar nicht überragend, aber doch ganz ordentlich etwas über dem OECD-Durchschnitt liegen, handelt es sich dabei eben wieder um ein relatives Maß. Das absolute Niveau bleibt vollkommen unbeachtet.

Laut OECD in Zahlen und Fakten 2013 hält zum Beispiel Slowenien den Spitzenplatz der Gleichverteilung mit einem Gini-Koeffizienten von 0,24. Der durchschnittliche Nettoverdienst in Slowenien ist aber gerade einmal etwas mehr als ein Drittel des entsprechenden deutschen Wertes. Die Slowenen sind also tatsächlich alle gleich arm.

In seiner Relativität ist der Gini-Koeffizient des Nettoäquivalenzeinkommens ein reiner Neidfaktor. Oder, positiver ausgedrückt, er zeigt an, wie viel Luft nach oben ist. Die Ungleichheit von Einkommen offenbart ja auch, dass es anderen gelungen ist, im selben Land mehr zu verdienen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat zum Beispiel die Entwicklung der Durchschnittseinkommen von 2005 bis 2010 in den unterschiedlichen Einkommens-Dezilen untersucht. Betrachtet man jeweils denselben Personenkreis zeigen sich gerade in den unteren Einkommensstufen erhebliche Zuwächse. Das heißt von der jeweiligen Ungleichheit sind in unterschiedlichen Jahren unterschiedliche Personen betroffen. Die einen arbeiten sich hoch, andere fallen zurück. (Wie gerecht ist Deutschland, IW Köln, 2013) Die Ungleichheit ist in dem Sinne durchaus Ausdruck für die Lebendigkeit einer Gesellschaft und für die Chancen, die sie seinen Mitgliedern bietet.

Am 17. Oktober ist der UN-Welttag zur Überwindung der Armut. Was Deutschland betrifft, wäre da mit zwei Federstrichen viel getan. Der erste Streich gilt der relativen Armutsdefinition. Stattdessen bedarf es einer absoluten, der laufenden öffentlichen Diskussion unterliegenden Solidaritätsgrenze. Nur aus der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung lässt sich ein Existenzminimum definieren, jenseits dessen man im kulturellen Selbstverständnis eines Gemeinwesens als arm gilt. Eine solche Solidaritätsgrenze wird höchstwahrscheinlich auch relative Variablen zur Bestimmung brauchen, etwa Verhältnisse zu herrschenden Kosten, aber eben nicht dazu, wie viel irgendjemand anderes gerade mehr verdient.

Eine solche kulturelle Solidaritätsgrenze wird zudem sensibel in Bezug auf die Verantwortlichkeit für die Armut sein. Erwerbsfähigkeit, erziehende oder pflegende Verantwortung für Familienangehörige oder die Betroffenheit von unverschuldeten Schicksalsschlägen sind wesentliche Parameter der menschlichen Beurteilung von Armut und lassen sich fraglos monetär bewerten. Arm ist in erster Linie der, der sich nicht mehr selber helfen kann. Und eben den müssen wir auch so nennen, dass dann die selbstverständliche Notwendigkeit der mitmenschlichen Solidarität offensichtlich wird.

Der zweite Ansatz muss die unselige Scheren-Metapher korrigieren. Der Abstand zwischen hohen und niedrigen Einkommen und vor allem dessen Entwicklung ist sicher von gesellschaftspolitischer Relevanz. Aber es muss dabei das Niveau berücksichtigt werden. Der Abstand zwischen 10.000 und 100.000 Euro und zwischen 110.000 und 200.000 Euro ist beides Mal 90.000. Nimmt man die Zahlen als Jahreseinkommen klafft doch aber in der realen Beurteilung die „Schere“ im ersten Fall viel, viel weiter auf. Nur zur Veranschaulichung: Würde man den Abstand jeweils zum unteren Wert ins Verhältnis setzen, wäre der eine Abstand 9 (10.000/10.000=1 zu 100.000/10.000=10) und der andere 0,8 (110.000/110.000=1 zu 200.000/110.000=1,8), also viel geringer. Ungleichheit ist auf höherem Niveau viel leichter verträglich, als auf niedrigem Niveau.

Was kümmert es mich, wenn es mir gut geht, dass es anderen besser geht. Ein Turm wäre da zum Beispiel ein schöneres Bild als die Schere. Da bleiben zwar auch die absoluten Höhenunterschiede zwischen oben und unten, reich und arm, aber es wird dann wenigstens erkennbar, dass man gegebenenfalls unten auch schon ganz gute Aussichten hat.

Mit weniger eingeredeter wird es auch weniger gefühlte Armut geben. Auch das ist ein Weg zur Überwindung von Armut. Bei uns.

Dann wird der Blick wieder frei, das wirkliche Elend in dieser Welt zu sehen und anzupacken:

Bei alledem ist eigentlich kein Raum mehr, dass man sich auch noch zusätzlich um relative Armut kümmern könnte. Also schaffen wir sie ab.

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  • Thoralf Kalweit

    Kleine Korrektur: Armut beginnt erst bei 40% des Midians, die 60%-Marke definiert lediglich den Beginn der ArmutsGEFÄHRDUNG. Deshalb sind in Deutschland auch nicht wie oft behautet 15% der Bevölkerung arm, sondern “nur” gut 3%.
    Das ist EU-Festlegung.

    • Gerd Maas

      Stimmt schon, allerdings spricht auch die Bundesregierung im 4. Armuts- und Reichtumsbericht nicht von “Gefährdung”, sondern wörtlich von “Armutsrisikoquote/-grenze/-schwelle”; das impliziert, dass unmittelbar jenseits der 60% Armut herrscht. Und genauso wird in der tendenziösen und oberflächlich medialen Kurzfassung, dann aus relativer Gefährdung absolute Armut.

      • Thoralf Kalweit

        Genau das meine ich. Dieser Mangel an Genauigkeit, der leider sehr häufig auftritt (gewollt oder ungewollt) schadet unserem Gemeinwesen jedoch. Inhaltlich teile ich Ihre Auffassungen voll und ganz. Wem nützt es einen Armuts(gefährdungs)begriff zu erschaffen in dem bei Verdopplung aller Löhne und Gehälter immernoch genauso viele Menschen “arm” sind?

  • Rundregelsatz

    Schon pervers wie das Soziale (das was Geld kostet) hier mit Worten aus dem Land gejagt wird. Der Begriff “Arm” wird vermenschlicht und es wird suggeriert, dass wir uns nur anders fühlen sollten, dann wären wir auch nicht arm.

    Zitat: “Mit weniger eingeredeter wird es auch weniger gefühlte Armut geben. Auch das ist ein Weg zur Überwindung von Armut. Bei uns.”

    Wenn Frau Merkel (am Besten vor den nächsten Bundestagswahlen) oder Die Tafeln diesen Satz übernimmt und öffentlich Ausspricht, dann glaub ich es auch. Mir scheint, der Autor dieses Textes ist wohl eher durch Zahlen in Kontakt mit Armut gekommen, als durch das wahre Leben. So ganz nebenbei: wie viele Menschen erreichen denn tatsächlich 950 € Einkommen im Monat?

    Mein sarkastischer Vorschlag hierzu: Akademiker wie Arbeiter verdienen alle nun nur noch knapp 1000€ im Monat. Auch dann ist niemand arm in Deutschland.

    Zitat:” Dann wird der Blick wieder frei, das wirkliche Elend in dieser Welt zu sehen und anzupacken:”

    - Weltweit verhungert alle zehn Sekunden ein Kind, 862 Millionen Menschen leiden insgesamt Tag für Tag Hunger.

    Aber wir brauchen deren riesige Flächen für Nutzpflanzen um die heimische Wirtschaft mit benötigten Rohstoffen zu versorgen

    - über eine Milliarde Menschen leben in extremster Armut mit weniger als 1,25 US-Dollar Kaufkraftparität am Tag.

    Aber es soll, auch deutsche Unternehmen, geben, die sich partout weigern angemessene Löhne zu zahlen um sich dann kostengünstig irgendwelchen Image-verbessernden Kampagnen anzuschließen. Wir haben es in der Hand.

    - in 58 Staaten herrschten 2012 Kriege oder bewaffnete Konflikte

    Aber nur “gut”, dass Deutschland zu den größten Waffenexporteuren weltweit zählt. Stimmt, wir können was ändern. Aber wer ersetzt dann die Arbeitsplätze?

    - täglich werden 23.000 Menschen zur Flucht gezwungen, 45,2 Millionen sind es insgesamt

    Aber ich bin mir sicher, auch in Deutschland werden arme Menschen zur (Wohnungs-, Arbeits-) Flucht gezwungen. Aber nein, die bilden sich bestimmt nur ein, dass der “liebe” Fallmanager sie vor die Wahl stellt: Umzug oder Entziehen der Lebensgrundlage? Oder warum nochmal muss jemand aus z.B. Slowenien/Polen etc. nach Deutschland kommen um hier jemanden zu pflegen? Weil der, der hier die Arbeit nicht hat davon auch nicht leben könnte? Oder weil der der die Arbeit hat sich dadurch entwurzeln muss? Natürlich könnte man nun Argumentieren, dass Arbeiten im Ausland ja durchaus Vorteile bringt, doch die Vorteile gibt es nur, wenn man auch Wissen und Erfahrung mitnehmen kann. Außer dem Wissen einer miesen Bezahlung wird da wohl aber nicht viel bleiben. Na egal, sollen sich solche Menschen doch einfach anders fühlen, dann passt das scho mit der Armut…

  • Axel Sänger

    Herr Maas, dass stets und immer “relative Armut” nach Ihrer Definition besteht, ist wahr genau dann, wenn die “relative Armut” auf dem Hintergrund des “unbedingt notwendigen Wachstums” reflektiert wird. Systemisch bedingt das eine das andere, und, solange die Ideologie des Wachstums nicht überwunden wird, wird ihr die Diskussion über die “relative Armut” unabdingbar anhängen. Es geht dabei auf Aristoteles zurück, der – trivial gesagt – das Gewinnstreben in Geld als “in der untersten Schublade” und mit dem Erlangen der Glückseligkeit durch Tugendübungen unvereinbar angesehen hat. Weder die Armutsdiskussion, noch das angestrebte Wachstum, noch der Anspruch der Unternehmer, “das Gros der sozialen Verantwortung zu tragen”, führen die Menschen zur Selbstzufriedenheit. Allerdings war es unter den Zeitgenossen Aristoteles auch üblich, sowohl die Arbeit, als auch die Führung der Wirtschaft den Sklaven zu überlassen. Sie sehen also, sowohl der Unternehmer, als auch der Arbeitnehmer finden sich hier als Arbeitssklaven wieder. Die (Betriebs-) Wirtschaften in aristotelischer Zeit geschahen unter dem Ideal der Autarkie des einzelnen “Betriebs”. Heute grassiert die Unsitte, alles und jedes zu großen Teilen fremd zu finanzieren und diese Fremdfinanzierungen auch noch zu “entlohnen”. Was dann “Ertrag” in Bezug auf die eingesetzten Mittel betrifft, finden sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einträchtig in der “antiken Rolle der Arbeitssklaven” wieder und wissen nicht einmal etwas davon. Das ist die Crux, die uns allesamt längst in die Postmoderne katapultiert hat, während wir einander noch immer sehnsüchtig – koste es, was es wolle – den einzelnen Vorstellungen der Moderne nachhängen, die als solche keinen Anspruch darauf stellen können, wahr zu sein. Wenn wir uns aber das Wesen des Tauschmittels “Geld” ansehen, dann kommt daraus unvermeidbar die Frage hervor, wer denn nun “Herr”, und wer “Knecht” sei. Und, bitteschön, dieser Frage dürfen wir um den Preis nicht ausweichen, um den die Erkenntnis dessen zu erlangen ist, in welchem grundlegenden Irrtum wir alle miteinander befangen sind.

  • http://endlessgoodnews.blogspot.de/ Dan Chris

    “Der zweite Ansatz muss die unselige Scheren-Metapher korrigieren….”
    Das beschriebene Beispiel zeigt ja, dass die relative Armut sinnvoll ist. Denn sie machen genau die Rechnung auf, die in ähnlicher Weise zur Bestimmung der relativen Armut gemacht wird. Ansonsten hinkt das Beispiel, da der Gesamtwohlstand steigt von vorher 200 kEUR auf 300 kEUR. Ein Vergleich der Armuts- und Reichtumsverteilung muss von sich auf einen Wohlstandszustand beziehen der gleich ist, sprich die Basis muss gleich bleiben.

    Ein paar Punkte noch. Die relative Armut ist nicht mit der absoluten zu vergleichen. Dennoch hat sie einen Einfluss. Nachgewiesen sind eine kürzere Lebenszeit, mehr Krankheiten, etc. der ärmeren Bevölkerung. Das ist der zusätzliche soziale Stress. Starke Ungleichheit sorgt dann sogar dazu, dass die Gesamtgesellschaft leidet (bezogen auf reiche Länder wie Deutschland). Alle leben kürzer, sind unzufriedener, etc. D.h. selbst für die Reichsten in unserer Wohlstandsgesellschaft ist es sinnvoll eine “gleichere” Gesellschaft zu haben. Es hebt ihre Lebensqualität.

Autor

Gerd Maas

ist Unternehmer im oberbayerischen Landkreis Rosenheim, Publizist und bloggt regelmäßig Neues aus Absurdistan.

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