2 Politik

Die Idee der Freiheit: Die Geschichte hinter der Thatcher-Revolution

Viel ist in den vergangenen Tagen gesprochen und geschrieben worden über die Thatcher-Revolution. Selbst nach ihrem Tod bringt Margaret Thatcher noch Gegner und Verehrer gleichermaßen in Wallung. Einig sind sie sich jedoch darin, dass mit der Eisernen Lady ein unerhörter, radikaler Wechsel stattfand. Mehr noch in ihrer Rhetorik als in ihrer tatsächlichen Politik brach sie mit dem jahrzehntelangen Konsens des Großbritanniens der Nachkriegszeit. Wie kam es dazu, dass sie überhaupt gewählt wurde? Und nicht eine einzige Parlamentswahl verloren hat? Und noch die Politik all ihrer vier Nachfolger – Major, Blair, Brown und Cameron – nachhaltig beeinflusste?


Thatcher war nur einer von mehreren Faktoren, die dazu beitrugen, dass es zu der nach ihr benannten Revolution kommen konnte. Ein anderer, weniger bekannter Faktor hat in hohem Maße dazu beigetragen, dass der Boden bereit war.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs entschieden sich mit Ausnahme der Bundesrepublik, die sich der Sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards verpflichtete, fast alle westlichen Länder für eine interventionistische, dirigistische, mithin sozialistische Wirtschaftspolitik. Der „New Deal“, mit dem Präsident Franklin D. Roosevelt in den 30er Jahren auf die Wirtschaftskrise in den USA reagierte, wurde als vorbildlich gesehen.

Auf wissenschaftlicher Ebene wurde diese Politik flankiert von den Theorien des Ökonomen John Maynard Keynes. In dieser Situation trafen sich einige junge Leute in Großbritannien, die diese Tendenz äußerst kritisch sahen. Ihr kühner Plan: Sie wollten sich ins Parlament wählen lassen und dann auf dem politischen Parkett für eine Umkehr kämpfen.

Weil einer von ihnen, Antony Fisher, kurz nach dem Krieg über eine Reader’s Digest-Ausgabe von „Der Weg zur Knechtschaft“ auf Friedrich August von Hayek gestolpert war, wandte er sich an ihn, der gerade an der London School of Economics lehrte. Der Ökonom und Sozialphilosoph, so war sich Fisher sicher, würde ihm noch wertvolle Tipps mit auf den Weg geben können. Hayek hatte aber nur einen einzigen Tipp parat. Und zwar einen, den Fisher wohl so gar nicht erwartet hatte: „Lass die Finger von der Politik!“ Nicht, dass Hayek es dem jungen Mann nicht zutraute – er sah nur die Aussichtslosigkeit dieses Projekts.

Wenige Monate nach der Begegnung mit Fisher veröffentlichte Hayek einen außerordentlich lesenswerten Artikel unter der Überschrift „The Intellectuals and Socialism“. Hier beschreibt er den wesentlichen Beitrag, den Intellektuelle geleistet haben, um dem Sozialismus in der damaligen Zeit zum Durchbruch zu verhelfen. Die Ideale des Sozialismus, seine Verheißung einer besseren Zukunft für alle sprachen sie besonders an. Darum haben sie in ihren unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern für eine Verbreitung dieser Ideen gesorgt: als Journalisten, Professoren, Lehrer, Schriftsteller, Künstler. In allen möglichen Lebensbereichen war die Gesellschaft also mit ihrer vielversprechenden und hellen Zukunftsvision konfrontiert. Das bereitete langfristig den Boden dafür, dass fast die gesamte westliche Welt nach dem Zweiten Weltkrieg sich das sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu eigen machte. Der Liberalismus war gescheitert, weil er sich vollständig im Klein-Klein der Tagespolitik verloren hatte.

Hayeks Empfehlung an Fisher war: „Zieh Deine Lehren aus diesem Phänomen. Wenn Du jetzt ins Parlament einziehst, wirst Du gegen Windmühlen kämpfen, weil die ganze Gesellschaft sozialistisch geprägt ist. Mach es wie sie: Versuche, die Intellektuellen für Deine Ideen zu begeistern. Zieh durch die Lande und halte Vorträge – an Universitäten, an Schulen, in Gemeindesälen. Veröffentliche Artikel, debattiere im Radio und finde Mitstreiter, die dasselbe tun.“

Mitstreiter fand Fisher. Und Fisher beschaffte sich die finanziellen Mittel. Auf einer Reise in die USA im Jahr 1952, wo er sich die Arbeit der Foundation for Economic Freedom anschaute, lernte er auch einiges über moderne Hühnerfarmen. Zurück in Großbritannien eröffnete er eine Hühnerfarm, die ihn in kürzester Zeit zum Millionär machte. 1955 hatte er genug Geld beisammen, um endlich einen Think Tank zu gründen: Das Institute of Economic Affairs.

Seine Mitstreiter: Ralph Harris, Sohn eines Eisenbahninspekteurs, leitete das Institut über dreißig Jahre hin. Arthur Seldon, früh verwaister Sohn russisch-jüdischer Flüchtlinge aus bitterarmen Verhältnissen, unterstützte ihn dabei inhaltlich. Oliver Smedley, der sich dem Kampf für den Freihandel verschrieben hatte und in den Sechziger Jahren einen Piratensender vor der Küste Englands betrieb, sorgte für weitere Finanzierung. Vier Männer, die alles andere als klischeehafte Liberale waren. Ebenso wie Thatcher entstammten sie nicht dem Establishment. Die Motivation und auch die Begeisterung jener Pioniere lassen sich sehr gut nachvollziehen in dem Film „Tory! Tory! Tory!“ des BBC.

Unermüdlich beackerten diese Idealisten ihre Heimat. Lange Zeit standen sie allein auf weiter Flur. Nachdem sie in jahrelanger Arbeit den Boden bereitet hatten, gesellten sich auch andere Think Tanks hinzu. So wurde 1974 (unter anderem von Thatcher) das Centre for Policy Studies gegründet und 1977 das Adam Smith Institute. Die oft mühsame und vergeblich erscheinende Arbeit machte sich schließlich bezahlt, als Margaret Thatcher im Jahr 1979 mit einem klaren Sieg bei den Wahlen den Wandel einläutete. Damit war das Ende von über drei Jahrzehnten de facto sozialistischer Politik in Großbritannien besiegelt. Freilich wäre das nicht möglich gewesen, wenn nicht die engagierten Idealisten um Antony Fisher über lange Zeit hinweg die liberalen Ideen verbreitet hätten.

Wie wichtig das ist, hatten sie von Hayek gelernt. Er hatte sie darauf hingewiesen, dass es nicht die Taten sind, die den Lauf der Geschichte verändern, sondern die Ideen. Keine Tat, keine politische Entscheidung wird im luftleeren Raum gefällt. Ihnen gehen immer Ideen voraus. Wer langfristige Änderungen herbeiführen will, muss hier ansetzen. Man braucht dafür Geduld und langen Atem, man braucht dafür Idealismus. Aber viele der wesentlichen Errungenschaften für die Freiheit sind auf diesem Wege zustande gekommen, dafür stehen Namen wie William Penn, William Wilberforce, Martin Luther King oder Karol Wojtyla.

Nachdem die Arbeit des Institute of Economic Affairs in erfolgreiche Bahnen gelenkt worden war, machte sich Fisher daran, das Erfolgsmodell auszubauen. Zunächst gründete er mehrere Think Tanks in den USA, bis er 1981 seinem Lebenswerk die Krone aufsetzte mit der Gründung der Atlas Foundation. Wie der Name schon suggeriert, handelt es sich dabei um ein weltumspannendes Netzwerk, das Liberale aus der ganzen Welt in Dialog und gegenseitige Unterstützung bringt. Und so hat jenes kurze Gespräch zwischen Hayek und Fisher im noch kriegszerstörten London inzwischen globale Wirkung entfaltet. Fisher starb 1988, Hayek 1992. Ihre Ideen aber leben fort in der „social change theory“ und im Einsatz vieler Menschen in allen Teilen der Welt für die Idee der Freiheit.

In seinem Artikel „The Intellectuals and Socialism“ schrieb Hayek am Ende:
„Wir brauchen intellektuelle Führungspersönlichkeiten, die bereit sind, sich für ein Ideal einzusetzen, mögen die Aussichten auf ihre baldige Umsetzung auch noch so gering sein. Es müssen Menschen sein, die bereit sind, an ihren Prinzipien festzuhalten und für deren volle Verwirklichung zu kämpfen, mag der Weg auch noch so lang erscheinen.“

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Autor

Clemens Schneider

Clemens Schneider ist Mitbegründer des freiheitlichen Think Tanks "Prometheus - Das Freiheitsinstitut" und arbeitet in Katholischer Theologie an einer Dissertation über den englischen Historiker Lord John Acton.

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