- Politik

Die Macht unwahrscheinlicher Ereignisse: Der schwarze Schwan als Herausforderung für Demokratien

Ereignisse, die selten vorkommen, lassen sich häufig schwer prognostizieren. Das hat Folgen – auch für die Politik. – Ein Post über schwarze Schwäne und was diese mit Wahlversprechen zu tun haben.   


Der skeptische Empiriker Nassim Nicholas Taleb (geb. 1. Januar 1960) hat in seinen jüngsten Werken die Figur des „schwarzen Schwans“ entwickelt (Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse; Black Swan and Domains of Statistics, The American Statistician, August 2007, Vol. 61, No. 3). Bevor Australien entdeckt wurde, so argumentiert er darin, hatte man rein durch Beobachtungen festgestellt, dass alle Schwäne weiß seien. Nach der Entdeckung des neuen Kontinents musste man diese Sichtweise revidieren, weil man dort auch schwarze Schwäne vorfand.

Mit dem Ausdruck „schwarzer Schwan“ bezeichnet Taleb daher auch im übertragenden Sinne Ereignisse, die

  1. vermeintlich unvorhersehbar sind,
  2. nur selten vorkommen,
  3. große Auswirkungen zeitigen und
  4. in der Rückschau eigentlich höchst plausibel sind.

In der jüngeren Geschichte lassen sich beispielsweise Ereignisse wie der 11. September 2001 oder die Finanz- und Wirtschaftskrise hierzu zählen, aber auch die Energiewende in Deutschland.

Dass etwa ein Übermaß an Liquidität, verbunden mit einer mangelnden persönlichen Haftung, über kurz oder lang zu einer Krise führen muss, erscheint im Nachhinein nur allzu logisch. Gleiches gilt für die Logik einer weit verbreiteten Atomkraftphobie  nach einem nuklearen Unfall in einem hochentwickelten Industrieland.  Das letztgenannte Ereignis thematisierte Taleb zwar noch nicht, meinte aber genau derlei Vorkommnisse.

Trotz der Aufzählung dieser überwiegend Angst einflößenden Beispiele darf nicht unerwähnt bleiben, dass es sehr wohl auch positive „schwarze Schwäne“ gibt. Der im Vergleich mit anderen Ländern äußerst robuste deutsche Arbeitsmarkt während der Krise mag hierfür ein passendes Bild abgeben.

Ein weiterer Pfeiler von Talebs Gedankengebäudes besteht darin, seinen Blick auf das Nichtwissen zu wenden und nicht auf die Dinge, die klar zutage liegen. Dieses beschreibt er anhand einer medizinischen Untersuchung nach einer offenbar erfolgreichen Krebsbehandlung. Wenn der Arzt sagt, dass er in der besehenen Stichprobe keine bösartigen Zellen mehr gefunden habe, sage dieses nichts über die restlichen Zellen aus, die lediglich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit frei von Krebs seien. Somit lässt die Stichprobe „schwarze Schwäne“ außer Acht.

Auch die vermeintlich eindeutige Zurechenbarkeit von Ursache und Wirkung lehnt Taleb ab. Dieses beschreibt er anhand eines Schiffsunglücks. Hier hätten alle Überlebenden vor Antritt der Reise gebetet und begründeten ihre Rettung mit ihrer Frömmigkeit. Die ertrunkenen Personen könne man aber nicht fragen, ob sie nicht auch gebetet hätten, sodass diese rein oberflächliche Beobachtung der Frömmigkeit für Taleb als Ursache für die Rettung ausfällt.

Gleiches gilt etwa für erfolgreiche Gastronomen. Auch wenn ihr Erfolg, und die Berichterstattung zum Nacheifern einlädt, weiß man nichts über die große Zahl der gescheiterten Existenzen, die eine andere Entscheidung nahelegen würden.

Diese Sicht der Dinge ist auch für die Politik interessant. Zum Einen müssen Wahlversprechen vor diesem Hintergrund als höchst unglaubwürdig erscheinen, da man nie wissen kann, welche „schwarzen Schwäne“ einer Nation im Laufe der Legislaturperiode über den Weg fliegen. Hätte beispielsweise George W. Bush vor dem 11. September 2001 das Versprechen geäußert, dass es unter seiner Regentschaft keinen Krieg geben würde, er wäre im Nachhinein als Lügner dagestanden.

In Deutschland hat man den „schwarzen Schwan“ hautnah im Bereich der Energiepolitik miterleben dürfen: Nachdem die Laufzeiten für Kernkraftwerke gerade erst verlängert worden waren, verkündete die Bundesregierung den radikalsten Ausstieg aus der Atomenergie, den man sich vorstellen konnte.

Fazit: Da es immer „schwarze Schwäne“ geben kann, sind Wahlversprechen höchstens, wie der Name schon sagt, Versprechen, auf die einzelne Interessensverbände nach der Wahl nicht pochen können, wenn sich die Situation durch ein unvorhergesehenes Ereignis radikal geändert hat (was freilich in den meisten Fällen eine Auslegungssache ist).

Weiterhin sollten Politiker sehr vorsichtig sein, sich die Erfolge ihrer Reformpolitik selbst auf die Fahnen zu schreiben. Eine reine Ursache-Wirkungs-Kette verneint Taleb in nachvollziehbarer Weise und steht hiermit u.a. in Kontinuität mit Wilhelm Röpke, der 1954 seinen Aufsatz „Die Rechnung ohne den Menschen“ (Hennecke 2009, Marktwirtschaft ist nicht genug) und “Homo Oeconomicus oder Homo kulturalis – aktuelle Herausforderungen für das ordoliberale Menschenbild“ (in: Ordo Band 63, S. 135-156, von Wörsdörfer, Manuel/Dethlefs, Carsten, 2012) veröffentlichte.

Gleichwohl werden wir – und insbesondere im Jahr einer Bundestagswahl – nicht um dieses Schauspiel herumkommen, was auch seine Vorteile hat. Denn die Einstellung, ohnehin nichts oder nicht eindeutig etwas bewegen zu können, würde zu einer verheerenden Schicksalsergebenheit führen, die aus Sicht des Verfassers abzulehnen ist.

Im Übrigen: Taleb schreibt der Ökonomie jedwede Berechenbarkeit und theoretischer Fundierung ab, was hier ebenfalls keine Zustimmung finden kann. Was man von diesem Gedanken jedoch übernehmen sollte, ist eine höhere Sensibilität gegenüber den vermeintlich unsichtbar vor sich gehenden Prozessen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Denn: wie schwarz und somit unvorhersehbar ein Schwan ist, liegt immer im Auge des Betrachters.

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Autor

Carsten Dethlefs

ist Promovend des Promotionskollegs "Soziale Marktwirtschaft" der Konrad-Adenauer-Stiftung. Webseite von Carsten Dethlefs

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