4 Gesellschaft

Afrika helfen. Aber wie?

Extreme Armut hat sich weltweit gesehen in den vergangenen zwei Jahrzehnten um die Hälfte reduziert. Die positive Entwicklung ist aber vor allem auf den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zurückzuführen. Afrika bleibt der Problem-Kontinent, was Antworten auf die Frage verlangt: Welche Entwicklungshilfe lindert Leid und fördert nachhaltiges Wachstum?


Die Zahl der Menschen weltweit, die unter extremer Armut leiden, hat sich nach Schätzungen der Weltbank in der Zeit von 1990 bis 2010 halbiert. Damit erreicht die UNO das Millennium-Entwicklungsziel in der Armutsbekämpfung fünf Jahre früher als geplant. Gleichwohl leben in den Ländern der Subsahara immer noch 47 Prozent der Gesamtbevölkerung in extremer Armut. Das Einkommen pro Kopf hat in dieser Region erst im Jahr 2008 wieder den Stand der siebziger Jahre erreicht.

Die weltweite Halbierung extremer Armut ist somit kein gleichmäßiger Trend  über alle Entwicklungsländer, sondern sie ist vor allem auf das chinesische Wirtschaftswunder und die insgesamt positive wirtschaftliche Entwicklung im asiatischen Raum zurückzuführen. Afrika bleibt damit die vorrangige soziale Frage in unserer globalisierten Welt. Was die Frage aufwirft,  wann Entwicklungshilfe in der Vergangenheit zu einer nachhaltigen Entwicklung geführt hat und was wir daraus für die Zukunft lernen können.

Schulausbildung, Gesundheitsversorgung und landwirtschaftliche Entwicklung sind die drei zentralen Säulen der Entwicklungsarbeit vor Ort. Die weithin bekannte Idee hinter diesen drei Säulen ist die Hilfe zur Selbsthilfe: Eine gut ausgebildete, gesunde und nicht hungernde Bevölkerung kann unternehmerisch aktiv werden und ihr Land eigenständig aufbauen.

Die ersten beiden Säulen Bildung und Gesundheit sind wahre Erfolgsgeschichten in Afrika. Der Anteil der subsaharischen Kinder, die eine Schule besuchen, stieg von 58 Prozent im Jahr 1990 auf über 76 Prozent im Jahr 2010. Im gleichen Zeitraum fiel beispielsweise die Kindersterblichkeit in den Ländern der Subsahara von 176 Toten pro 1000 Lebendgeburten auf 121 Tote im Jahr 2010. In der Landwirtschaft hingegen konnte die afrikanische Nahrungsmittelproduktion seit 1990 kaum gesteigert werden, während sie sich in Asien im gleichen Zeitraum fast verdoppelte. Der Versuch, die Landwirtschaft in Afrika zu fördern, kann somit als vorerst gescheitert betrachtet werden.

Obschon die Länder der Subsahara bereits große Erfolge im Bereich der Bildung und Gesundheit erreicht haben, ist es ihnen überraschenderweise nicht gelungen, einen nachhaltigen Entwicklungspfad einzuschlagen. Warum? Politiker, Hilfsorganisationen und Entwicklungsökonomen wie Daron Acemoglu, James Robinson und William Easterly sehen einen wesentlichen Grund in der geringen Qualität der Verwaltung afrikanischer Staaten. Schlechte Behörden sind in zweifacher Hinsicht problematisch: Einerseits betonen Acemoglu und Robinson, dass eine gute öffentliche Verwaltung und ein funktionierendes Rechtssystem die notwendige Grundlage für den Schutz von Eigentumsrechten bilden. Erst wenn Eigentumsrechte in ausreichendem Maße geschützt sind, werden Einheimische und ausländische Investoren unternehmerisch aktiv, investieren in das Land und schaffen somit Wachstum. Andererseits hebt der Ökonom William Easterly hervor, dass Gesundheitsfürsorge, Schulbildung, Nahrungsmittelversorgung und Rechtssicherheit gleichzeitig in hinreichendem Maße gewährleistet sein müssen, um einen nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklungsprozess in Gang setzen zu können. Um ein solches Umfeld zu erzeugen, reichen jedoch vereinzelte lokale Entwicklungsprojekte von Hilfsorganisationen nicht aus. Gute staatliche Behörden sind erforderlich, um lokal erfolgreiche Projekte auf nationaler Ebene umzusetzen und so die Grundlage für Wirtschaftswachstum zu legen.

Die Erkenntnis, dass Gesundheit, Bildung, gute Ernährung und ein verlässlicher Rechtsstaat die Basis für ein funktionierendes Wirtschaftssystem sind, ist einleuchtend, aber in gewisser Hinsicht auch tautologisch, wie der Ökonom William Easterly warnt. Allzu sehr besteht der Verdacht, dass diese Feststellung gleich bedeutend ist mit der Aussage: Ein entwickeltes Land ist ein entwickeltes Land.

Easterly beschreibt daher die Entwicklungspolitik des Westens als eine sich immer weiter drehende Spirale: Nachdem Projekte im Gesundheits-, Bildungs- oder Landwirtschaftsbereich für sich alleine nicht erfolgreich waren, versuchte man gezielt die einzelnen Projekte in Regionen zu koordinieren. Als auch dies nicht zu der gewünschten Entwicklung führte, suchte man die Ursache für diesen Misserfolg darin, dass Projekte nicht flächendeckend durchgeführt wurden, die örtlichen Behörden die Projekte nicht richtig auf nationaler Ebene übertragen oder nicht in ausreichendem Maße Rechtssicherheit herstellen. Mit jeder Spirale wurden neue Gründe für die Misserfolge gesucht und gefunden – mit der Folge, dass die Entwicklungskonzepte ausgedehnt und damit der finanzielle sowie organisatorische Aufwand immer größer wurde. Dabei sollte es das Ziel von Entwicklungspolitik sein, den Anstoß zu einer selbstständigen Entwicklung zu geben und nicht der planwirtschaftliche Aufbau von Ländern und Wirtschaftssystemen.

Dass Länder, wie zum Beispiel Mauritius und Botswana, die kaum in den Genuss von westlicher Hilfe kamen, besonders stark gewachsen sind, scheint ein Beleg für die These zu sein, dass Wachstum nicht von außen geplant werden kann, sondern sich meist aus einer inneren Dynamik in den Staaten selbst entwickelt.

Die geografische Lage eines Landes und Zufälle, die eine Nation zeitweise im Vergleich zu anderen Wirtschaftsstandorten begünstigen, sind aus Sicht des Entwicklungsökonomen Jeffrey D. Sachs für den Erfolg der meisten nachhaltig wachsenden Entwicklungsländer verantwortlich. Beispielsweise wurde Botswana durch die Entdeckung von Diamantvorkommen auf den Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung gebracht, Vietnam durch seine strategisch günstige Küstenlage in der Nähe von aufstrebenden Wirtschaftsnationen wie China. Aber auch diese Erkenntnis eignet sich nur beschränkt, um Empfehlungen für eine bessere Entwicklungspolitik abzuleiten. Schließlich sind die Geografie eines Landes und Zufälle kaum beeinflussbare Größen.

Die Botschaft, dass Entwicklung und Wirtschaftswachstum nur begrenzt steuerbar und zum Teil zufällig sind, kann uns jedoch helfen, einen anderen Blick auf die Entwicklungshilfe zu gewinnen: Der Erfolg oder Misserfolg von Entwicklungspolitik misst sich nicht allein daran, ob es gelingt, nachhaltiges Wirtschaftswachstum auszulösen. Er misst sich daran, ob das Leid der Menschen vor Ort gelindert werden kann, ohne bestehende lokale Wirtschaftsstrukturen zu zerstören. Und er misst sich daran, ob es gelingt die Weichen so zu stellen, dass die Menschen vor Ort die Möglichkeit haben, wirtschaftliche Chancen, die sich ihnen bieten, zu nutzen. Wenn es uns gelingt, die schlimmsten Folgen der Armut wirksam zu bekämpfen und einen ersten Ordnungsrahmen für wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen, dann mag nach und nach der Zufall einzelne Länder im Vergleich zu anderen Wirtschaftsstandorten begünstigen und wir können uns sicher sein, dass dort Menschen darauf warten, diesen Zufall für sich zu nutzen, um ihr Land auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad zu führen.

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  • Volker Seitz

    Botswana ist nicht nur wegen der Diamanten eine Erfolgsgeschichte sondern das Land wird gut geführt, ist ein Rechtsstaat (noch nie gab es politische Gefangene). Und last not least wird die Bildung gefördert.Die Bildungsmisere ist die
    Ursache der Probleme vieler afrikanischer Staaten, weil die Regierungen nicht in
    die menschlichen Fähigkeiten investieren. Würden sie das tun, bräuchten sie
    vermutlich viel weniger Hilfe. Aber für viele afrikanischen Machtpolitiker
    hat Allgemeinwohl und damit eine Erhöhung des Bildungsniveaus keine
    Priorität. Aus Verantwortungslosigkeit verfallen die Bildungseinrichtungen und
    die Eliten leisten sich teure Privatschulen für ihre Kinder. Die jüngsten Kinder
    des kamerunischen Präsidenten Biya gehen in der Schweiz in die Schule. Dann
    studieren die Kinder in Europa oder den USA. Mit dem Abschluss in der Tasche
    geht es in die Heimat zurück, um dort möglichst schnell möglichst viel Geld zu
    machen. Und wie macht man in Afrika schnell Geld? Indem man Rohstoffe und
    Bodenschätze an die Industriestaaten – einschließlich China – verschachert.
    Dafür werden einfachste Alltagsgüter, die oft auch im Lande hergestellt werden
    könnten aus China eingeführt. Volker Seitz, Autor “Afrika wird armregiert”

  • Marius Osterfeld

    Vielen Dank für Ihren wichtigen Hinweis! Ich habe mich sehr darüber gefreut. Botswana wird auch von Acemoglu und Robinson und Sachs kontrovers diskutiert. Acemoglu und Robinson (Why Nations Fail) erklären den Erfolg Botswanas durch gutes Regierungshandeln. Sachs pflichtet dem bei, kritisiert in seiner Rezension in Foreign Affairs jedoch, dass Acemoglu und Robinson nicht auf die Entdeckung von Diamantvorkommen hinweisen und deren Einfluss auf die Entwicklung in Botswana. Länder mit vergleichbar guten Institutionen aber schlechteren geografischen Bedingungen würden weiter in Armut verharren. Beides ist aus meiner Sicht gut vereinbar. Gutes Regierungshandeln, Bildung und Gesundheit schaffen gute Ausgangsbedingungen für Wachstum. Ereignisse wie der Fund von Diamanten können dann eine Initialzündung für einen besonders schnellen Entwicklungsprozess sein. Allerdings bringt Sachs in seinem Foreign Affairs Artikel nicht Ihren Punkt ein, dass natürliche Ressourcen in korrupten Ländern meist einfach von einer Elite ausgebeutet wird – dafür gibt es sicherlich etliche negative Beispiele. Neben diesem Punkt habe ich auch in Sachs Artikel vermisst, dass er nicht die Gefahr der “holländischen Krankheit” durch den Fund großer natürlicher Ressourcen disutiert. Aber das mag für Entwicklungsländer ein weniger gravierender Punkt sein. Auf jeden Fall finde ich die Diskussion darüber sehr spannend. Für lange Winterabende sind sicher Ihr Buch und die Bücher von den drei anderen Autoren eine interessante Lektüre.

  • Markus

    Wie Statistiken mal wieder alles verschönern können… Entwicklungsländer zahlen heute für jeden 1$ “Entwicklungshilfe”, 13$ an Schulden an Industrienationen zurück, will heißen wir haben es geschafft uns erfolgreich von den Nationen finanzieren zu lassen die eigentlich Hilfe nötig hätten! Desweiteren werden weiterhin durch dämliche SAP’s der World Bank Bildung, Infrastruktur, Gesundheitswesen etc. privatisiert, was einer humanistischen Katastrophe gleichkommt!

  • Marius Osterfeld

    Vielen Dank, Markus, für Deinen Kommentar! Ich würde mit der
    Kritik an den Statistiken an anderer Stelle ansetzen. Die Zahlen haben sich
    zwar in allen Bereichen deutlich verbessert, jedoch wäre es falsch deshalb zu
    glauben, die Arbeit wäre getan. Eine viel zu große Zahl von Menschen lebt noch in
    extremer Armut. Und auch die Menschen, die mehr als einen Dollar pro Tag zur
    Verfügung haben, sind arm und leben unter für uns unvorstellbaren Bedingungen. Die SAPs sind tatsächlich nicht erfolgreich gewesen. Dies legen auch die
    statistischen Schätzungen der wirtschaftswissenschaftlichen Fachliteratur nahe,
    obwohl die verfügbaren Daten in diesem Bereich kaum ausreichen, um überzeugende, belastbare Schätzungen zu machen. Die existierende Empirie und anekdotische Evidenz weist jedoch eindeutig in diese Richtung. Mit Blick auf die Schulden und Privatisierung möchte ich als Denkanstoß geben, dass Schulden durchaus gut sein können, wenn damit sinnvolle Entwicklungsmaßnahmen finanziert werden, die eine höhere (soziale) Rendite abwerfen als die Zinszahlungen. Auch
    Privatisierungen können gut sein, wenn private Unternehmer effizienter und
    zuverlässiger arbeiten als der Staat. Beides ist also an sich nicht immer
    zwingend schlecht. Aber mit Blick auf den Kommentar von Volker Seitz scheitern
    hier wohl viele dieser Maßnahmen in der Praxis aufgrund von Korruption.

Autor

Marius Osterfeld

promoviert am Lehrstuhl für Makroökonomie der Universität Freiburg Schweiz mit Forschungsschwerpunkt im Bereich der Bildungsökonomie.

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