Wir sind Nobelpreis, schreibt das SZ-Magazin. Jeder EU-Bürger, die Politiker tun es bereits, darf sich ein wenig von den Lorbeeren des Friedensnobelpreises anstecken. Aber hat die Europäische Union den Preis wirklich verdient?
Wir brauchen ein neues Wort für „Warnung“ – für jene Warnung, die ausgesprochen wird, ohne warnen zu wollen, und zudem gegenüber jenem Gewarnten, der nicht bereit ist, sich warnen zu lassen. So etwas wie „die Zeichen der Zeit lesen“ in einem einzigen Wort, ein Siehst Du nicht dort? des sterbenskranken Kindes, bloß mit politischem Ausmaß. Dieses Wort würden wir denn auch jetzt verwenden angesichts der Entscheidung des Nobelkomitees, den Friedensnobelpreis 2012 der Europäischen Union zu verleihen. Endlich dürfen 500 Millionen Europäer das tun, was sie am besten können: Wir alle besingen uns selbst und unsere Union auf allen Leitersprossen der Subsidiarität – Presse, Politiker, Bürokraten und Bürger vereint im sternengesäumten Halleluja!
Das Süddeutsche Zeitung-Magazin postete alsbald auf Facebook: „Wir sind Nobelpreis“, das ZEIT-Magazin frohlockte: „Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises wird es in diesem Jahr etwas enger werden als sonst“, Angela Merkel ließ als-ob staatsmännisch mahnend, in Wahrheit doch zynisch verkünden: „Die Auszeichnung der Europäischen Union ist Ansporn und Verpflichtung zugleich, auch für mich ganz persönlich.“ Und der FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher kommentierte durchweg opportunistisch: „Der Friedensnobelpreis sollte den Bürgern des Kontinents Mut machen. Für die EU ist er Würdigung und Ermutigung zugleich, die Einigung des Kontinents fortzusetzen.“
Also Obacht: Wer ab heute die Fenster in Europa aufmacht, um seinen miteuropäischen Nachbarn Freude schöner Götterfunken zuzurufen und Schillers Ode eine halbe Milliarde Mal widerhallen zu hören, der muss auch den Geruch dieses größtmöglichen Eigenlobes in Kauf nehmen. Denn die Eitelkeit der europäischen Geschichtsschreibung ist berauschend. In der Begründung des Komitees heißt es gleich zu Beginn: „Die Union und ihre Vorgänger haben für über sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden, Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen.“
Wir halten dagegen: Die Europäische Union hat keinen Frieden in Europa gefördert – denn das waren die USA und die Sowjetunion, die Europa aufteilten und ihre Kriegsschauplätze von diesem innerhalb weniger Jahrzehnte zweifach „bis zur Unfruchtbarkeit mit Eisen und Blut vergifteten Boden“ (François Truffaut, Jules et Jim) nach Afrika, Südamerika und Asien verlegten.
Es ist dies eine Frage der Aufrichtigkeit – einer im Übrigen nicht besonders europäischen Tugend: Wenn nämlich in der Europäischen Union kein Krieg mehr möglich ist, und dieselbe Europäische Union sich auf die Fahnen schreibt – wofür sie ja nun gefeiert wird: – für Frieden einzustehen, dann muss die Union gerade dort für diesen Frieden sorgen, wo ihr Einfluss ehedem am größten war. Trauriges Scheitern aber bewies die Europäische Union in ihrem Friedensdrang, indem sie bald schon siebzig Jahre – jene Osloer „über sechs Jahrzehnte“ – tatenlos und dafür bemerkenswert schamlos zusieht, wie sich ihre alten Kolonien in Afrika und Asien bekriegen, sich gegenseitig morden, verstümmeln, vergewaltigen: der Indochinakrieg, aus dem der Vietnamkrieg und die kambodschanischen Bürgerkriege erwuchsen, im französischen Indochina; die afrikanischen Kriege mit ihrer Kulmination, als niederländische Blauhelme um Hilfe riefen und niemand sie hörte – nicht in Brüssel (und nicht in New York), bis dass auch der Boden von Ruanda vor Blut unfruchtbar geworden war. Von Unions-nahen Regionen einmal abgesehen: die Kriege auf dem Balkan – und die Europäische Union schaut zu. Der Bürgerkrieg in Syrien (95 Kilometer von EU-Mitglied Zypern entfernt) – und die Europäische Union schaut zu. Stichwort Menschenrechte: Weißrussland. Stichwort Versöhnung: Nordirland und Baskenland. Die Liste lässt sich fortsetzen.
Es klingt daher mitunter hämisch, wenn das Nobelkomitee sagt: „Die stabilisierende Rolle, die die EU spielt, hat dazu beigetragen, beinahe ganz Europa von einem Kontinent des Krieges zu einem Kontinent des Friedens zu machen.“ Ein Frieden um jeden Preis schwingt in dieser Aussage mit, wie ihn Alfred Toynbee dem Frankreich des Vichy-Regimes unter Maréchal Pétain anerkannte. So wie Frankreich sich eine relative Ruhe durch die Kollaboration erkaufte, so haben wir uns unseren Frieden in der Europäischen Union blutig erkauft durch lauter Kriege außerhalb der Union.
Nun aber soll der Friedensnobelpreis Kraft spenden, zumal sich Europa 2012 in einer ihrer schwierigsten Krisen befindet: der selbstverschuldeten Schuldenkrise. Und daher zeigt sich die Unmündigkeit der preisgekrönten Königstochter insbesondere in ihrer allumfassenden, unpersönlichen Preisverleihung. Jeder Bürger darf sich ein wenig von den Lorbeeren anstecken – die Politiker tun es schon –, und so wird mit Recht bereits die Frage aufgeworfen: Wohin mit dem Preisgeld?
Wir alle in der Europäischen Union wissen, dass mit dem Friedensnobelpreis keine Staatsschulden beglichen werden können. Vielleicht also hält Oslo der Europäischen Union just den bitteren Spiegel der Ironie vor: eine Million Euro Preisgeld geteilt durch 500 Millionen Bürger. Wir machen uns stark dafür, das Preisgeld an jeden Bürger der Europäischen Union tatsächlich auszuzahlen. Denn diese 0,2 Eurocent sind der individualisierte und reale Wert des Friedensnobelpreises 2012.
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