Im Jahr 2009 hat die deutsche Industrie Metalle im Wert von 22 Milliarden Euro importiert. Ein Beleg, wie wichtig diese Rohstoffe sind. Doch der weltweite Kampf um die so genannten Seltene Erden wird schärfer. Die deutsche Industrie schmiedet deshalb Allianzen.
Das Klima auf den Rohstoffmärkten ist in den vergangenen Jahren rauer geworden. Mehrere Nationen schachern um Rohstoffvorkommen am Nordpol, China greift nach Rohstoffvorkommen in Afrika und Rohstoffe, insbesondere Seltene Erden , werden als strategisches Handelsinstrument eingesetzt.
Steigender Druck auf Preise und zunehmende Spannungen erhöhen den Druck auf Industrieländer, die eigene Rohstoffversorgung sicherzustellen. China verfügt über neunzig Prozent der jährlichen Weltproduktion von Seltenen Erden und hat angekündigt, Exporte kürzen zu wollen. Zudem hat China die Produktion angeblich um zwanzig Prozent gekürzt.
Wenn China vom Exporteur zum Importeur Seltener Erden wird, stellt dies das bisherige Welthandelssystem für Rohstoffe vor enorme Herausforderungen.
Auch für die deutsche Industrie ist die Versorgungssicherheit mit Rohstoffen essentiell, um in Zukunft weiterhin die eigenen Produkte wettbewerbsfähig herstellen und auf dem Weltmarkt absetzen zu können. Ob Windturbinen, Plasmabildschirme, leistungsstarke Batterien, Hochleistungs-Magneten, elektrische Motoren, moderne Waffen oder fluoreszierende Lichtbirnen: Alle Produkte brauchen mindestens eins der 17 Metalle, die zu der Gruppe der Seltenen Erden gehören. Alleine im Jahr 2009 hat die deutsche Industrie Metalle im Wert von 22 Milliarden Euro importiert.
Angesichts der zu erwartenden schwieriger werdenden Versorgungslage hat die Bundesregierung Schritte unternommen. Schon 2007 wurde ein erster Entwurf einer Rohstoffstrategie für Deutschland formuliert, um neue Märkte zu erschließen. 2010 wurde dann die Rohstoffagentur Dera gegründet, welche die Bundesregierung und Industrieunternehmen bei Rohstoffprojekten beraten soll. Zuletzt hat die Bundesregierung mit der Mongolei und Kasachstan erste bilaterale Abkommen zu „Rohstoffpartnerschaften“ geschlossen, die Rohstoffprojekte durch deutsche Industrieunternehmen ermöglichen sollen. Darüber hinaus gab es Gespräche mit Kanada, Chile und Australien, die sich für ein Engagement deutscher Unternehmen bei der Erschließung neuer Rohstoffe stark gemacht haben.
Dennoch reicht diese politische Flankierung zur Zugangssicherung zu wichtigen Rohstoffen offensichtlich nicht aus: Die Industrie ist selbstständig tätig geworden. Zehn Industrieunternehmen haben jetzt eine Rohstoffallianz gegründet. Gründungsmitglieder dieser Allianz sind unter anderem Bayer, BASF, Bosch, Evonik, Thyssen Krupp, BMW und Daimler.
Zur Bewahrung der Rohstoffsicherheit der deutschen Industrie will sich die Rohstoffallianz an Projekten wie der Erschließung von Rohstoffvorkommen beteiligen. Ziel: Nachfragemacht auf den Rohstoffmärkten gewinnen.
In kleineren Projektgesellschaften innerhalb der Allianz sind gemeinsame Beteiligungen an Schürfprojekten und der Kauf von Bezugsrechten für Minen geplant. Insbesondere sollen Förderprojekte von einzelnen Gesellschaftern weiterverfolgt werden, die diese allein nicht durchführen könnten
Die als GmbH gegründete Allianz hat das erste gemeinsame Projekt noch für dieses Jahr angekündigt, weitere sollen 2013 folgen. Im Gespräch ist unter anderem die Auflage eines Rohstofffonds mit Gesamteinlagen von bis zu einer Milliarde Euro.
Später soll sich aus der Allianz eine global agierende Rohstoffgesellschaft mit Gewinnorientierung entwickeln. Sie soll Vorkommen erkunden, sich an Explorationen beteiligen, „marktübliche Renditen“ erwirtschaften und der deutschen Industrie einen unabhängigen Zugang zu kritischen Rohstoffen verschaffen.
Viele Fäden bei dieser Initiative scheinen über den Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) zu laufen, der zwar nicht unmittelbar an der Finanzierung und der operativen Arbeit beteiligt ist, jedoch den Dialog zur geforderten politischen Flankierung vorantreiben will. Weitere Unterstützung kommt vom Bundesministerium für Wirtschaft, dem Auswärtigem Amt, dem Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der GIZ.
Es wird spannend zu sehen sein, welche Projekte diese privatwirtschaftlich-organisierte Initiative in Zukunft in Angriff nehmen wird und wie es ihr gelingt, Einfluss auf den Rohstoffmärkten geltend zu machen. Das vorerst geplante Investitionsvolumen von eine Milliarde ist ein Anfang, angesichts der immensen Herausforderungen allerdings alleine für sich nicht sonderlich beeindruckend. Bis jetzt beteiligen sich die Mitglieder nur mit jeweils mehreren Hunderttausend Euro, bei späteren konkreten Explorationsprojekten sind jedoch ganz andere Summen nötig.
Die zentrale Frage ist allerdings, ob es der Weltgemeinschaft in den nächsten Jahrzehnten gelingen wird, den Freihandel für Rohstoffe einigermaßen aufrechtzuerhalten oder ob der Rohstoffmarkt von bilateralen Abkommen – aller Wahrscheinlichkeit nach zum Nachteil der meisten Nationen, auch Deutschland – geprägt sein wird.
Wäre das Zusammenspiel von Rohstoffallianz und politischer Flankierung früher als entgegen der Prinzipien der freien Marktwirtschaft gesehen worden, so wird dies heute als moderne Industriepolitik bezeichnet. Dementsprechend scheint die Gründung der Allianz zur Rohstoffsicherung durch Industrieunternehmen und die politische Flankierung dieser durch Bundesregierung und Ministerien eine erste Bemühung Deutschlands zu sein, nicht tatenlos bei der Veränderung des globalen Rohstoffmarktes zuzusehen und verstärkt im weltweiten Rennen um Rohstoffe aktiv zu werden.
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