Zwölf Außenminister europäischer Staaten haben jüngst ihre Vision für die Zukunft Europas skizziert. Sie wollen ein “engeres Europa”. Doch Europa braucht weder Großmannssucht, noch mehr Zentralisierung. Die konsequente Anwendung des Subsidiaritätsprinzips ist die bessere Alternative.
„Wenn Sie Visionen haben, dann gehen Sie zum Arzt!“ – Dieser berühmte Ausspruch Helmut Schmidts wurde vielfach, zustimmend wie ablehnend, zitiert. Unzweifelhaft hat er aber einen wahren Kern: Die Mahnung, bei allen politischen Projekten und Ideen nicht die Bodenhaftung und jeden einzelnen Menschen als Maß aller Dinge aus den Augen zu verlieren.
Einen solchen Realitätsverlust muss man aber bei den eu(ro)phorischen Eliten befürchten. Jüngstes Indiz dafür ist die Erklärung von elf Außenministern (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal und Spanien). Unter der niedlichen Bezeichnung „Zukunftsgruppe“ haben diese kürzlich in einem zwölfseitigen Bericht ihre Vision für die Zukunft Europas skizziert.
In dem Bericht wird im Wesentlichen die bekannte Forderung nach einem „engeren Europa“ bzw. nach einer „politischen Union“ wiederholt, die bereits von der sogenannten „Reflektionsgruppe“ erhoben und durch den van-Rompuy-Bericht bekräftigt wurde. Beim Fortschreiten auf dem Weg zum europäischen Superstaat sind der Zukunftsgruppe zwei Schritte besonders wichtig.
Erstens soll die Wirtschafts- und Währungsunion gestärkt werden. Hinter dieser freundlichen Formulierung verbergen sich ganz und gar unsanfte Maßnahmen wie die Überwachung nationaler Haushalte, die Vergemeinschaftung von Staatsschulden und verbindliche wirtschaftspolitische Absprachen. Doch eine einheitliche, zentral geplante Wirtschaftsstrategie kann den unterschiedlichen Wirtschafts- und Sozialmodellen in Europa nicht gerecht werden. (Mehr dazu hier.) Dies wird von europhorischen Eliten leider hartnäckig ignoriert. Anstatt also auf dem bisherigen Weg der Zentralisierung fortzuschreiten, wäre eine konsequente Anwendung des Subsidiaritätsprinzips eine vielversprechende Alternative. Doch Fehlanzeige: die Zukunftsgruppe beschränkt sich diesbezüglich auffallend auf Lippenbekenntnisse.
Der zweite Wunsch der Europhoriker ist es, die EU zu einer stärkeren Akteurin auf der Weltbühne zu machen. Doch haben diese Weltbeherrschungsphantasien nicht mehr viel gemein mit dem Wohl der durchschnittlichen Bürgerin und des durchschnittlichen Bürgers oder dem ursprünglichen Ziel der europäischen Einigung, der Sicherung von Frieden und Wohlstand. Angesichts der Verheerungen, die zwei schnell aufeinanderfolgende Weltkriege angerichtet hatten, sollten die Zeiten stark ausgeprägter Nationalismen überwunden werden. Dabei war es nicht das Ziel, die Nationalstaaten zu überwinden, sondern die bestehenden Unterschiede zu akzeptieren und „in Vielfalt geeint“ zusammenzuarbeiten.
Doch mehr und mehr wird offenbar, dass die frühere Großmannssucht, derzufolge man ein gewisses Gewicht in der Welt haben müsse, und die Überzeugung, dass am deutschen Wesen die Welt genesen müsse, keinesfalls überwunden wurden. Vielmehr wurden sie auf die EU-Ebene verschoben, und heute sagt man politisch korrekt: es geht um die Durchsetzung „europäischer Interessen“ in der Welt.
Dazu sei eine Stärkung der Kommission erforderlich, „damit sie ihre Rolle als Motor der Gemeinschaftsmethode in vollem Umfang und wirksam ausfüllen kann“. Der Verdacht, dass demokratische Legitimation nicht zu den wichtigsten Prinzipien der Europhoriker gehört, bestätigt sich beim Weiterlesen, wenn etwa die Möglichkeit von Vertragsänderungen durch Mehrheitsbeschluss herbeigesehnt wird. Bisher ist dafür die Zustimmung aller Staaten erforderlich. Das ärgert offenbar diejenigen Außenminister, die sich für klüger halten als alle anderen.
Insgesamt sind solche Vorschläge aber leider charakteristisch für europhorische Eliten. Die Grüppchen mit den tollen Namen beschreiben die immer engere Union als alternativlos. Dabei wird stets betont, dass „die Herausforderungen, die vor uns liegen, [...] zu groß [sind], als dass ein europäisches Land sie alleine lösen könnte.“ Um „die Entwicklungen jenseits unserer Grenzen“ beeinflussen zu können, ist der europäische Superstaat unumgänglich, wie es sinngemäß im Bericht der Reflektionsgruppe heißt.
Eine gewagte These, welche sowohl schwer zu belegen als auch schwer zu entkräften ist. Entscheidend ist aber die Frage, warum und mit welchem Ziel die „Entwicklungen jenseits unserer Grenzen“ überhaupt beeinflusst werden sollen. Fühlen wir uns von anderen Regionen bedroht? Müssen wir den Rest der Welt zu seinem Glück zwingen?
Das wäre eine Vision, die tatsächlich ärztlicher Behandlung bedürfte. Allerdings muss man sich dabei auf eine längere Behandlungszeit einstellen. Denn nicht nur die Menschen jenseits der EU-Grenzen dürfen über ihr Schicksal selbst entscheiden. Dieses Recht gilt – und das ist für manche Patienten mit Eurovisionen nur schwer zu ertragen – auch für die Menschen in der EU.
Daher sollten am Ende der Grundsatzdebatte nationale Referenden stehen, in welchen die Bürgerinnen und Bürger darüber abstimmen können, zu welchem Grad der Integration sie bereit sind. Für die europhorischen Eliten könnte die Abstimmung eine heilsame Wirkung haben, ganz im Sinne einer Gruppentherapie. Wir wünschen: Gute Besserung.
Dieser Text ist von Dagmar Schulze Heuling und Oliver Treidler.
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