2 Ökonomik

Der Elfenbeinturm als WG: Welche Ökonomen bewundern Ökonomen?

Die meisten Ökonomen sind scheu und treten öffentlich nur selten in Erscheinung – dem Klischee nach köcheln sie fernab der realen Welt ihr Süppchen im Elfenbeinturm. Doch wer hat drin, im Elfenbeinturm, eigentlich das Sagen? Es zeigt sich, je ferner man in die Vergangenheit blickt, desto eher werden die Vordenker für revolutionierende Ideen jedweder Art bewundert. Je mehr der Fokus in die Gegenwart geht, umso mehr Sympathien gibt es für Ökonomen, die der eigenen Einstellung zu Markt und Staat am nächsten sind.


Wenn man sich den Elfenbeinturm als Ökonomen-WG vorstellt, wie sieht es darin aus? Gibt es ein Alphatier unter den Mitbewohnern? Welcher Vordenker wird von den Mitbewohnern am meisten geschätzt? Welche Journals werden am häufigsten gelesen? Gibt es mehr Sozialdemokraten oder Konservative? Wer schreibt Beiträge in Blogs und welcher Blog wird am häufigsten von den Kollegen gelesen? Auf diese Fragen haben vier Forscher aus den Vereinigten Staaten Antworten von hunderten Ökonomen .

Demnach bezeichnen sich zum Beispiel 56 Prozent aller US-Ökonomen als „Democratic“ – in unserem Vokabular kommt dem „sozialdemokratisch“ am nächsten. 20 Prozent ordnen sich den konservativen Republikanern zu und 5 Prozent fühlen sich  als „Libertarians“, was bei uns „liberal“ heißen würde.

Das ist kein neues Ergebnis (Klein und Stern bieten eine schöne Übersicht über die Studien zu politischen Einstellungen von Ökonomen). Interessant wird es, wenn man betrachtet, wie sich die Einstellungen zu den Vordenkern der Ökonomie verändert – je nachdem, nach welcher Epoche man fragt.

Im Folgenden fragten die Forscher nach den ökonomischen Vordenkern, die vor 1900 gelebt haben und heute am meisten bewundert werden. Dabei durften insgesamt drei Stimmen abgegeben werden. Einer der Urliberalen gewinnt diese Abstimmung mit großem Vorsprung – Adam Smith. David Ricardo und Alfred Marshall belegen Platz zwei und drei. Obwohl in der Grundgesamtheit der Befragten eher die linken „Democrats“ in der Überzahl sind, werden insgesamt liberale Ideen bewundert: Die Idee der unsichtbaren Hand, ein großer Außenhandelstheoretiker und der Entdecker des Marktgleichgewichts. Karl Marx, härtester Gegner des freien Marktes, folgt erst auf Platz fünf.

Dieses Bild verschwimmt, wenn man nach dem Wirken späterer Denker fragt: Unter den verstorbenen Ökonomen des 20. Jahrhunderts liegt der staatsliebende John Maynard Keynes auf dem ersten Platz zehn Stimmen vor dem Marktideologen Milton Friedman, der eher keynsianistische Paul Samuelson folgt auf Platz drei und etwas abgeschlagen der liberale Friedrich Hayek auf dem vierten Platz. Auf 4,6 Stimmen von Demokraten für Keynes kommt 1 republikanische oder libertäre Stimme – Staatsaktivität liegt mit dem Keynsianismus weit vor Friedman und dem freien Markt.

Ein noch stärkeres Bild zeichnet sich bei den lebenden Ökonomen über 60 ab: Paul Krugman (Vertreter des Keynsianismus) gewinnt weit abgeschlagen vor dem konservativen Gregory Mankiw. Krugmans Beliebtheit lässt sich allerdings hier deutlich an der Parteizugehörigkeit festmachen: Auf 12 demokratische Stimmen für Krugman kommt nur noch eine der Republikaner und Libertären.

Bei den am besten bewerteten Fachzeitschriften zeigt sich: Es lässt sich keine besondere Vorliebe durch politische Gruppen unter den Ökonomen erkennen. Ähnlich zu den klassischen Journalrankings wie dem vom Handelsblatt oder dem Ranking von Combes und Linnemer liegen die American Economic Review, das Journal of Political Economy und  Econometrica unter den Top Fünf.

Fazit: Die Lebensleistung von ökonomischen Vordenkern von der Größe eines Adam Smith ist nicht einfach einer Denkrichtung zuzuordnen, denn: Die Grundgesetze der Märkte zu entdecken, bedeutet für die Forschung scheinbar viel mehr als  die Einstellung zur aktuellen Politik. Erst wenn der Fokus in die Gegenwart rückt und Tagespolitik bewertet werden soll, werden den Ökonomen die Forscher der eigenen Couleur am wichtigsten. Vielleicht aber auch die lautesten Schreihälse.

Hinweis: Die wichtigsten Blogs aus der Studie finden sich auch in unserer Blogroll (in der rechten Spalte). Neu dabei sind Bradford DeLong (University of Berkely) und das Blog EconLog.

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  • http://www.facebook.com/florian.j.hoffmann Florian Josef Hoffmann

    Der Beitrag ist vor allem in einer Beziehung aufschlussreich:
    Deutsche Wissenschaftler der 19. Jahrhunderts glänzen mit Abwesenheit, d. h. das anglo-amerikanische Denken donimiert nicht nur, es hat ein Monopol. Vergessen ist, dass die ganze Welt vor dem 1. Welkrieg nach Deutschland gereist ist, um den phänomenalen Daueraufschwung zu bewundern und ihre Denker dazu: Gustav von Schmoller (Gründer des Vereins für Sozialpolitik), Friedrich List (‘Durch Wohlstand zur Freiheit’), u. a.
    Wenn man sich den Zustand der US-amerikanischen Wirtschaft oder auch den englischen betrachtet, müssten die Mehrheit der Nobelpreisträger für Ökonomie eigentlich ihre Preise wegen Unfähigkeit und Versagen zurückgeben. Aber nein, die großen Vordenker/Versager werden weiter glorifiziert, weil man nichts anderes kennt und nichts anderes mehr gelernt hat. Ich empfehle die Wiedereinführung des Fachs Wirtschaftsgeschichte bzw. Geschichte der Wirtschaftstheorien, um eine geistige Auffrischung zu bewirken. Einen Anfang habe ich in meinem neuen Buch ‘occupy economics’ gemacht.

    • julius_wvk

      Lieber Herr Hoffman!
      Ich habe sofort nach Lesen ihres Kommentars die Studie verlinkt (erster
      Link). Der fehlte und wird Ihnen sicher Aufschluss geben, dass auch in
      den USA Vordenker Europas (und nicht nur Raum Großbritannien) Beachtung
      finden, dazu einige kurze Ausführeungen:

      In der Gruppe der
      Ökonomen vor dem 19. Jhdt unter anderem Karl Marx, Carl Menger und Knut
      Wicksell. Die Top 15 der verstorbenen Ökonomen des 20. Jhdts führen
      Freidrich Hayek (4.) und Joseph Schumpeter (5.), sowie Ludwig van Mises
      (14.) in der Liste. List würde ich persönlich für den deutschen
      Liberalismus dazu wählen. Wirtschaftsgeschichte wird noch gelehrt, an
      meiner Universität Fribourg in den Fächern Wirtschaftsgeschichte und
      Dogmengeschichte. Absolut notwendig für das Verständnis von
      Volkswirtschaft, ich stimme Ihnen zu. Vielleicht würde auch nicht so
      viele schreckliche Ringvorlesungen zu Marx geben, wenn man sich wieder
      auf Kernwissen der Ökonomie besinnt. Dazu gehören die genannten Fächer.

      Vergessen
      wir aber eines nicht: Für die Studie wurden nur amerikanische Ökonomen
      befragt. Ich würde mich nicht wundern, wenn das Ergebnis für Europa
      anders ausfallen würde – sicherlich nicht so beschränkt auf den
      Kontinent Nordamerika und Großbritannien.

Autor

Julius Weddigen von Knapp

studiert Volkswirtschaftslehre im Masterprogramm an der Freien Universität Berlin und ist studentischer Mitarbeiter der INSM.

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