Die Exzesse im Finanzsektor sind die Folge von zu wenig und nicht von zu viel Markt. Deregulierung alleine wird das Problem aber dennoch nicht lösen. Wegen der negativen externen Effekte von Bankenpleiten. Deswegen diskutieren Ökonomen die strikte Trennung der Bankenfunktionen, nämlich Zahlungsverkehr, Einlagengeschäft und Kreditgeschäft. Eine gute Idee?
Schaut man sich die gegenwärtigen Regulierungsbemühungen auf den Finanzmärkten an, dann sind sich Wissenschaft und Politik anscheinend einig: Die Finanzkrise ist das Resultat fehlender Haftung von Kreditinstituten sowohl auf der Ebene der Aktionäre, als auch auf der Ebene von angestellten Managern (Stichwort „pay-without-performance“). Die größte Finanzinnovation der letzten Jahre war das „Originate and Distribute“. Da wurden Kredite, zum Teil schon sehr angefault, zusammengepackt und als „strukturierte Papiere“ weiterverkauft. Damit entfiel die Haftung der ursprünglichen Kreditgeber, denn das Ausfallrisiko wurde prächtig verschleiert weitergegeben. Es lag jetzt bei den Käufern der verbrieften Kredite, in Deutschland insbesondere Banken der öffentlichen Hand, die die Risiken dieser Papiere offensichtlich nicht verstanden hatten.
Die Erklärung fehlender Haftung ist im Grundsatz richtig. Ein Großteil der Exzesse ist auf das Fehlen von Marktdisziplin zurück zu führen. Ohne Haftung werden Risiken aus dem eigenen Handeln – zumindest teilweise – auf Dritte abgewälzt. Dies setzt Anreize, hohe Risiken einzugehen, die Gewinne zu privatisieren und die Verluste unter dem Deckmantel der „Alternativlosigkeit“ („To Big To Fail“) und/oder „Solidarität“ der Allgemeinheit vor die Füße zu werfen. Wir hatten also nicht zu viel, sondern zu wenig „Markt“ im Finanzsektor – auch wenn das nach mehr als einem Jahrzehnt „neo-konservativer“ Deregulierungspolitik paradox erscheint.
Allerdings erweist sich die Durchsetzung des Haftungsprinzips auf den Finanzmärkten im Allgemeinen und im Bankensektor im Speziellen als äußerst schwierig. Denn wenn Banken Pleite gehen, entstehen negative Externalitäten. Aus der Insolvenz einer Bank entstehen unbeteiligten Dritten Kosten, die nicht in die betriebswirtschaftliche Kalkulation der Banken eingehen. So besteht die Gefahr, dass die ungeordnete Insolvenz eines Kreditinstitutes eine systemische Krise auslöst – die Gründe hierfür habe ich an anderer Stelle bereits ausgeführt. Ohne eine Regulierung, die diese Folgen internalisiert – also die negativen Folgen dem Verursacher zuordnet und anlastet, ist die Ressourcenallokation auf Märkten ineffizient. Aber Banken sind komplex, innovativ und in vielen Teilmärkten vollständig globalisiert. Daher ist es unplausibel anzunehmen, dass eine Regulierung allein jemals eine vollständige Internalisierung riskanten Handelns von Banken erreichen kann. Kreditinstitute werden daher immer ineffizient hohe Risiken eingehen, was die Gefahr von systemischen Krisen signifikant erhöht.
Für die Realwirtschaft (Haushalte und Unternehmen) ist ein Zusammenbruch des Bankensektors als Ganzes verheerend. Dabei geht es weniger um den Vermögensverlust, sondern vielmehr um die Unterbrechung notwendiger Dienstleistungen, ohne die eine moderne Volkswirtschaft nicht funktionieren kann. Denn Banken verbinden grundsätzlich drei volkswirtschaftliche wichtige Funktionen miteinander.
- Sie funktionieren durch ihr Kreditgeschäft als Finanzintermediäre, die eine effiziente Allokation der Ersparnisse für Investitionen sicherstellen. Dabei darf eine Bank die kurzfristigen Gelder für die langfristige Kreditvergabe einsetzen (näheres siehe 2. Funktion). Diese Fristentransformation beinhaltet das Risiko der Illiquidität, wenn viele Einleger plötzlich misstrauisch werden und ihr Geld abheben wollen. Damit dieses Risiko eines „Schaltersturms“ nicht zu groß wird, müssen die Banken einen Teil ihrer Einlagen als (Bar-) Reserven vorhalten, daher spricht man auch von einem Teilreservesystem. Die institutionelle Absicherung gegen „Bank Runs“ wird durch die Einlagensicherung und die „Lender of Last Ressort“ Funktion der Zentralbank übernommen.
- Banken fungieren als sicherer Aufbewahrungsort für Geldvermögen und daraus abgeleitet als Zahlungsverkehrsdienstleister. In einer systemischen Bankenkrise verlieren nicht nur die Einleger ihr Geld, sondern es bricht auch der Zahlungsverkehr zusammen. Tatsächlich gehören Bankkonten und Zahlungsverkehr eng zusammen – ohne Konto sind keine Buchungen möglich. Insofern sollte man sich klar machen, dass normale Girokonten eigentlich keine Ersparnisse i. e. S. sind, sondern weitgehend die notwendige Liquidität der Haushalte und Unternehmen darstellen. Daher gibt es auf Girokonten auch i.a.R. keine Zinsen. „Richtiges“ Sparen geschieht meistens durch andere Anlageformen – beispielsweise durch Festgeld, Anleihen und Aktien. Da erhält man für den Verzicht auf Liquidität einen Sparzins beziehungsweise bei Aktien eine Dividende, in der Höhe abhängig von den damit verbundenen Ausfallrisiken.
- Banken „erschaffen“ durch ihre Kreditschöpfung Geld – und zwar den überwiegenden Teil der Geldmenge. Vergibt eine Bank einen Kredit und schreibt den korrespondierenden Betrag dem Kreditnehmer auf seinem Konto gut, dann entsteht damit neues Giralgeld. Denn obwohl das Geld auf den Konto eigentlich nur eine kurzfristige Forderung gegen die Bank ist, wird diese Giralgeld allgemein als gesetzliches Zahlungsmittel akzeptiert. Zwar können Kreditinstitute nicht unbegrenzt Geld „schöpfen“, da Ihnen durch Reservesätze der Zentralbanken (im Euroraum derzeit allerdings nur 1 %) sowie regulatorische Anforderungen bei der Kreditvergabe (Eigenkapitalanforderungen) Grenzen gesetzt werden, aber solange Banken bereit sind, neue Kredit zu vergeben, solange steigt auch die Geldmenge. Trüben sich die Geschäftsaussichten im Bankensektor ein, sinkt die Geldmenge. In einem solchen System ist die Geldmenge keine exogene, von der Zentralbank gesetzte, sondern eine endogene durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken bestimmte Größe. Geht man davon aus, dass die Erwartungsbildung auf Finanzmärkten vergangenheitsbezogen ist und zyklischen Schwankungen unterliegt (Hyman Minskys „Finanical Instability“ Hypothese), folgt daraus eine zyklische Ausweitung und anschließende Kontraktion der privat geschaffenen Geldmenge. Diese Schwankungen der Geldmenge aufgrund der Geldschöpfung durch Kreditvergabe spiegeln bzw. verstärken damit den Konjunkturzyklus.
Die genannten drei Funktionen sind die Ursache, warum systemische Bankenkrisen eine derart verheerende Wirkung auf die Realwirtschaft haben. Geht eine Bank in die Insolvenz, brechen nicht nur das Kreditgeschäft, sondern auch der Zahlungsverkehr und die Geldschöpfung zusammen. Das ist auch der Grund, warum in den letzten Jahren der Bankensektor so massiv gestützt worden ist. Der Versuch, die Haftung im Bankensektor durch Insolvenz durchzusetzen, hat während der Großen Depression zu Deflation und dem Zusammenbruch der Realwirtschaft erheblich beigetragen. Rettung wiederum verführt aber zu „Moral Hazard“ und somit zum Eingehen höherer Risiken. Wenige bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit.
Wenn aber Regulierung grundsätzlich nicht hinreichend sein kann, um Krisen zu verhindern, wäre es dann nicht die beste Lösung die verschiedenen Funktionen des Bankensektors zu trennen? Eine Möglichkeit wäre es, die Zahlungsverkehrsfunktion und das Einlagengeschäft (Funktion 1 und 2) vom Kreditgeschäft (Funktion 3) weitestgehend zu trennen – das sogenannte „Narrow Banking“. Die extremste Form einer solchen Trennung wäre ein System, bei dem die Einlagen von Banken jederzeit vollständig mit Bar- und/oder Zentralbankgeld zu hinterlegen wären – eine 100 % Reservehaltung. Banken wären dann nur noch Aufbewahrungsort und Zahlungsverkehrsdienstleister; die aus dem Kreditgeschäft resultierende Geldschöpfung wäre vollständig eliminiert. Die Finanzintermediation würde dann über den Kapitalmarkt stattfinden, idealerweise über Aktienmärkte, um zu verhindern, dass kurzfristige Verbindlichkeiten von Unternehmen als Geldsubstitute fungieren. Kleinanleger würden dann nicht mehr über ihre Bank sparen, sondern über den Kauf von Aktien – direkt oder z. B. über Investmentfonds.
Tatsächlich wurde und wird dieser „100 % Money“ Ansatz zuerst im Zuge der Großen Depression von einer Gruppe Chicagoer Professoren gemacht, weswegen er auch als „Chicago Plan“ bekannt ist. Seine historischen Wurzeln aber hat der Vorschlag in der „Currency School“ des frühen 19. Jahrhundert. Er ist von vielen prominenten Ökonomen befürwortet worden, unter ihnen Irving Fisher, Milton Friedman und James Tobin. Im deutschsprachigen Raum hat vor allem der Soziologe Joseph Huber von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ähnliche Vorschläge unter dem Begriff „Vollgeld“ in die Diskussion eingebracht – und das schon lange vor der Krise.
Durch die Presse aber ging der Vorschlag aber erst, nachdem zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) den Vorschlag im Rahmen eines Arbeitspapiers aufgriffen und in einem „state of the art“ – Gleichgewichtsmodell untersuchten. Das Papier des IWF beruft sich auf Iriving Fisher in seiner Darstellung der Vorteile des 100 % Money-Ansatzes:
- Die endogene Geldschöpfung der Banken würde verhindert. Damit würde eine wesentliche Dämpfung des Kredit- und Konjunkturzyklus erzielt.
- Es gäbe keine Schalterstürme („bank runs“) mehr. Das Sicherheitsnetz für Kreditinstitute, soweit es Einlagen betrifft, könnte entfallen und Regulierung abgebaut werden.
- Da der Staat die gesamte Geldschöpfung übernehmen würde, fiele der gesamte Seigniorage (Gewinn aus der Geldausgabe) auch der Allgemeinheit zu. Dieser Gewinn könnte dazu genutzt werden, Staatsschulden zu reduzieren sowie Steuern zu senken.
- Da die Geldschöpfung in einem 100 % Money-System keine private Verschuldung mehr voraussetzt (Banken schaffen Geld ja durch Kreditvergabe), würde das Verschuldungsniveau der Volkswirtschaft dramatisch sinken.
Würde der 100 % Money-Ansatz halten, was sich Fisher und andere davon versprechen, wäre er gerade unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten erstrebenswert. Denn an die Stelle immer komplexerer Regulierung könnten einfache Regeln treten, deren Überwachung und Durchsetzung vergleichsweise simpel ist. Aber was ist mit den Auswirkungen? Würde man in einem solchen System zwar Stabilität schaffen, aber Effizienz einbüßen? Eine definitive Antwort darauf gibt es nicht, aber der 100 % Money-Ansatz ist plausibel. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das Papier des IWF, auch wenn die positiven Effekte erheblich von dem gewählten Modell und seiner Kalibrierung abhängen. Aber unabhängig von der Einschätzung des praktischen Nutzens führt die Beschäftigung mit dem 100 % Money-Ansatz zu einem besseren Verständnis der grundlegenden Funktionen des Bankensektors und den damit einhergehenden Gefahren.
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