Vier Jahre nach der Lehmann-Pleite glauben immer noch viele, der US-amerikanische Staat hätte die Bank nur retten müssen, dann wäre uns eine Weltwirtschaftskrise erspart geblieben. Doch der Mythos muss entzaubert werden, weil sonst falsche, fatale Konsequenzen gezogen werden.
Vor knapp vier Jahren gab die US-amerikanische Bank Lehman Brothers bekannt, dass sie Insolvenz beantragen werde. Die Bush-Regierung, insbesondere Finanzminister Henry Paulson, traf die Entscheidung, die Bank nicht zu stützen. Damit wurde eine Insolvenz unabwendbar. In der Folge kam es zu einer schweren Krise am Interbankenmarkt, massive Refinanzierungsprobleme und etliche weitere Bankenpleiten waren die Folge.
Die Lehman-Pleite, so die Lesart, der man häufig begegnet, habe die Finanzkrise zum Ausbruch gebracht. Implizit schwingt dabei natürlich der Vorwurf mit, die Entscheidung, den Strauchelnden nicht aufzufangen, sei eine fatale Fehlentscheidung gewesen. Wie weit das von der Realität entfernt ist, wird dem klar, der sich ausführlicher mit dem Funktionieren des Finanzmarktes auseinandersetzte.
Die Lehman-Pleite hat nicht etwa das globale Finanzsystem angesteckt, wie es häufig dargestellt wird. Vielmehr war dieses Ereignis, um im medizinischen Bildkontext zu bleiben, das erste deutlich sichtbare Symptom einer Krankheit, die sich bereits lange zuvor im Finanzsystem eingenistet hatte.
Doch diese Interpretation erfreut sich natürlich keiner großen Beliebtheit in den Kreisen, die maßgeblich mitverantwortlich waren für die jahrelangen Fehlentwicklungen. Die politische Steuerung von Kreditvergaben wie bei den Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, die unrealistische Bevorzugung von Staatsanleihen als risikofreie Einlagen im Basel-II-Abkommen, die expansive Geldpolitik der US-Amerikanischen Notenbank FED – all das waren Maßnahmen, welche die Kontrollfunktion des Marktes außer Kraft gesetzt haben und so zum unverhältnismäßigen Wachstum einer Blase beigetragen haben. Indem der Mythos in die Welt gesetzt wurde, die Lehman-Pleite habe das Finanzsystem in die Turbulenzen gebracht, wurden die eigentlichen Akteure exkulpiert. Der Mythos Lehman war geboren.
In der Folge der Finanzkrise kam es zur Staatsschuldenkrise, die insbesondere den Euro-Raum erfasst hat. Griechenland, so viel stand im Frühjahr 2010 fest, war pleite. Gefährlich war diese Situation ganz besonders für etliche Großbanken, die massenhaft griechische Staatsanleihen als Sicherheiten gehortet hatten. Eine griechische Staatspleite hätte ihnen massive Verluste in die Bilanzen eingebracht.
Um das zu vermeiden, wurde der Mythos Lehman wieder ausgegraben. Eine Pleite Griechenlands würde ähnlich wie – oder noch viel schlimmer als – der Fall des Hauses Lehman das globale Finanz- und Wirtschaftssystem in eine tiefe Krise stürzen. Ließe man nämlich Griechenland pleitegehen, sei die logische Konsequenz, dass sich auch andere Euro-Staaten nicht mehr refinanzieren könnten. Keiner würde mehr Portugal, Spanien oder Italien Geld leihen, wenn klar sei, dass auch ein Euro-Staat in die Insolvenz gehen könne.
Dies- und jenseits des Atlantiks wurde immer wieder massiv gewarnt, es dürfe keinen zweiten Fall Lehman geben. Schäuble, Juncker, Trichet und viele andere Granden der europäischen Politik wiederholen diese Aussage seit zwei Jahren wie ein Mantra. Und kaum einer wagt es, diesen Mythos Lehman zu hinterfragen. Dabei gibt es durchaus plausible Gründe, daran zu zweifeln, ob, erstens, diese These überhaupt stimmt, und zweitens, ob es überhaupt wünschenswert ist, diese Entwicklung zu vermeiden.
Erstens. Ökonomische Entwicklungen folgen nicht einer vollständig berechenbaren Logik. Ökonomie funktioniert nicht wie ein Naturgesetz. Und auch Naturwissenschaftler würden nicht aus einem einmaligen Ereignis ein Gesetz formulieren
Dass es bei einer griechischen Staatspleite zu vergleichbaren Ansteckungseffekten kommen könnte wie bei der Pleite von Lehman, ist eine Hypothese wie die gegenteilige, dass die Effekte verhältnismäßig gering bleiben werden. Je länger sich die Krisensituation hält, desto unwahrscheinlicher wird dieses Szenario. Denn mittlerweile haben die Regierungen anderer Krisenstaaten mit Reformen begonnen, die durchaus von den Finanzmärkten honoriert werden könnten. Zugleich haben die Banken einen Großteil ihrer gefährdeten Staatsanleihen in die EZB auslagern können. Schließlich konnten in den vergangenen zwei Jahren alle beteiligten Akteure entsprechende Vorbereitungen für eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands treffen – anders als im Fall Lehman, der für die meisten Marktteilnehmer überraschend kam. Insofern könnte eine Insolvenz Griechenlands durchaus wesentlich weniger dramatische Auswirkungen haben als die Lehman-Pleite. Könnte …
Zweitens. Angenommen, eine griechische Insolvenz hätte doch die Konsequenzen, die in düsteren Bildern an die Wand gemalt werden. Zweifellos wäre das eine für alle Beteiligten unangenehme Situation, wenn plötzlich mehrere Euro-Staaten massive Refinanzierungsschwierigkeiten hätten. Eine globale Rezession könnte dann durchaus ein realistisches Szenario sein. (Insbesondere dadurch erklärt sich der massive Druck der Obama-Administration, deren Finanzminister seinem deutschen Kollegen schon in den Urlaub nachreist.)
Doch schauen wir uns die Situation noch einmal genau an: Mehrere Länder haben zum Teil jahrzehntelang auf Pump gelebt. Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien haben von Zinsen profitiert, die nicht etwa ihr reales Wirtschaftswachstum abgebildet haben, sondern sich an dem Wachstum in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder Österreich orientiert haben. Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt. Genauso wie jene unzähligen US-Bürger, die im Vorfeld der Finanzkrise über politisch gesteuerte Kredite Häuser gekauft haben, die sie sich realistischer weise nicht hätten leisten können.
Mit anderen Worten: Wir haben in Europa eine Blase produziert. Die Kreditaufnahme öffentlicher und privater Haushalte hat sich zum Teil massiv von dem entfernt, was finanzierbar ist.
Wenn Griechenland, und in der Folge auch weitere der sogenannten PIGS-Staaten, pleitegehen würden, wäre das nichts anderes als das Signal, dass sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Das ist für alle Beteiligten sehr unangenehm. Aber was ist die Alternative? Besagte Staaten müssten aus den Schulden herauswachsen. Dafür wären massive Strukturreformen notwendig. Genau daran wird aber schon seit Jahrzehnten gebastelt, seitdem diese Länder Mitglied der EWG, EG und EU sind. Die Ergebnisse sind, offensichtlich, mager. Mager sind deshalb wohl auch die Aussichten, dass sich dieses Phänomen jetzt schlagartig ändert.
Deshalb gibt es eigentlich keine Alternative zu einem Crash, euphemistisch gesagt: zu einem Gesundschrumpfen. Wir haben in der Welt in den vergangenen Jahrzehnten einen beispiellosen Boom der Lebensverhältnisse erlebt. Nie zuvor in der Geschichte ist der Wohlstand weltweit so stark gewachsen. Dieser Boom war einerseits dem technischen Fortschritt geschuldet, hängt aber andererseits auch mit dem enormen Wachstum staatlicher und privater Kreditaufnahme zusammen. Hier ist eine Blase entstanden, aus der die Luft hinauswill.
Wir können diesen Crash nur hinauszögern, nicht vermeiden. Mit dem Hinauszögern wächst allerdings auch die Blase.
Was die Bush-Administration im Fall Lehman gemacht hat, war goldrichtig. Denn im Prinzip hat sie nichts anderes getan als die Realität walten zu lassen. Die Rettung von Banken und von Staaten ist nichts anderes als Realitätsverweigerung. Die Realität ist bisweilen bitter.
Die Rezession, die der Weltwirtschaft bevorsteht, wenn die jahrzehntelang genährte Kreditblase platzt, wird bitter werden, für manche Beteiligten auch existenziell beeinträchtigend. Aber sie wird das Verhältnis von wirtschaftlicher Leistung und Konsum wieder in die Realität zurückholen. Und damit werden sich neue Chancen eröffnen, nicht zuletzt für jene unserer Mitmenschen, die bisher nicht in dem Maße am Wohlstandswachstum teilhaben konnten, weil sie nicht über die gleichen Instrumente der Kreditschöpfung verfügen.
Es gilt, den Mythos Lehman im öffentlichen Diskurs zu entzaubern. Denn er dient lediglich den kurzfristig denkenden Akteuren, die auf ihren unmittelbaren – ideellen oder materiellen – Nutzen aus sind, auf Kosten der anderen, denen eine Scheinrealität vorgegaukelt wird, die sie oder ihre Kinder bitter bezahlen müssen.
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