6 Politik

Biosprit: Teller statt Tank

Nachdem die Vereinten Nationen die US-Regierung dazu gedrängt hat, die staatliche Förderung für die Produktion von Ethanol auszusetzen, hat nun Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel einen Verkaufsstopp für den Biosprit E10 in Deutschland gefordert. Die Diskussion um Biokraftstoffe ist nicht neu, gewinnt aber auf Grund der aktuellen Dürreperiode an Aktualität und Brisanz. Ist der Biosprit für weltweiten Hunger verantwortlich? 


In der Debatte um die Nützlichkeit von Biosprit als Instrument zur Verringerung der schädlichen Emissionen kommen die drei wichtigsten Argumente nur einsilbig zu Wort. Es hilft, die Preisbildung, den Umweltnutzen und ordnungspolitische Maßnahmen zu analysieren, um die Probleme zu verstehen .

Die Ökonomie

Staatlich geförderte Biokraftstoffe bewirken eine Verzerrung der Preisstruktur . Durch staatliche Förderung von Biokraftstoffen kann deren Preis sinken. Dadurch erhöht sich die Nachfrage. Der Welthunger-Index von 2011 identifizierte die wachsende Produktion von Biokraftstoffen als einen entscheidenden Faktor für steigende (und zunehmend volatile) Nahrungspreise.

In den USA, einem weltweit führenden Produzenten und Exporteur von Mais, werden mittlerweile rund 40 Prozent der Maisernte für die Herstellung von Biokraftstoffen verwendet. Es stehen weniger Rohstoffe für Grundnahrungsmittel zur Verfügung und es steigt deren Preis: Preise für Mais, Sojabohnen und Weizen sind seit Juni um 30 bis 50 Prozent gestiegen.

Es gibt natürlich auch andere Faktoren, welche zur Preissteigerung beitragen: Steigende Ölpreise, Dürreperioden und auch die weltweit steigende Nachfrage nach Fleischprodukten sind hier zu nennen. Entsprechende Studien führen allerdings zwischen 20 bis 40 Prozent der Preisanstiege auf Biokraftstoffe zurück, Tendenz stark steigend.

Die Ökologie

Das wesentliche Ziel der staatlichen Förderung von Biokraftstoffen ist es, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Durch die Substitution von fossilen Kraftstoffen durch Biokraftstoffe soll der Ausstoß von Treibhausgasen (CO2) signifikant reduziert werden. Die „Ökobilanz“ von Biokraftstoffen ist allerdings heftig umstritten.

Der Hauptkritikpunkt ist, dass bei der Berechnung der Ökobilanz der Effekt von „indirekter Landnutzungsänderung“ nicht berücksichtigt wird. Als indirekte Landnutzungsänderung wird folgendes Phänomen bezeichnet: Die Lebensmittelproduktion wird durch Biokraftstoffe von den Ackerflächen verdrängt und weicht auf ungenutzte Landflächen aus. Im Zuge der Erschließung dieser Flächen werden hohe Mengen an CO2 freigesetzt, welche allerdings in der Ökobilanz der Biokraftstoffe nicht berücksichtigt werden. Würde die Landnutzungsänderung bei der Berechnung berücksichtigt, wäre der Beitrag von Biokraftstoffen zur Reduzierung von Treibhausgasen deutlich geringer als häufig propagiert.

Sollten diese indirekten Effekte weiterhin unberücksichtigt bleiben, könnten ambitionierte politische Zielsetzungen für Biokraftstoffe letztlich sogar zu einem erhöhten Ausstoß von Treibhausgasen zu führen. Bereits im September 2011 veröffentlichte die Europäische Umweltagentur (EUA) einen entsprechenden Bericht, indem es eindringlich vor den Schäden eines weiteren Ausbaus von Biokraftstoffen warnte:

The Scientific Committee of the EEA is issuing this opinion because several policies inaccurately assess the greenhouse gas consequences of different forms of bioenergy, and because the scope of bioenergy suggested by many policy analyses could have serious adverse consequences on a range of environmental concerns.

Die Warnung der EUA wurde von über 200 internationalen Wissenschaftlern in einem öffentlichen Brief an die EU Kommission bestätigt, in welchem die Kommission aufgefordert wurde ihre bisherige Politik zu überdenken:
Without addressing land use change, the European Union’s target for renewable energy in transport may fail to deliver genuine carbon savings in the real world. It could end up as merely an exercise on paper that promotes widespread deforestation and higher food prices.

Die Ordnungspolitik

In der Umweltpolitik verfügt die EU über weitreichende Kompetenzen. Da sich viele Umweltprobleme nicht von den Mitgliedstaaten lösen lassen, ist es grundsätzlich angemessen, die entsprechenden Kompetenzen an die EU zu übertragen. Zumindest für den Klimawandel sehe ich hier keinen unüberwindbaren Konflikt mit dem Subsidiaritätsprinzip. Der tatsächliche Umgang mit den Kompetenzen ist jedoch fragwürdig.

Das Ziel der Europäischen Klimapolitik ist es, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf höchstens 2°C zu beschränken. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich die EU verpflichtet ihre Treibhausgasemissionen bis 2020 um mindestens 20 Prozent zu reduzieren.

Anstatt sich auf die erforderliche Rahmensetzung zu konzentrieren (zum Beispiel durch Verbesserung des Emissionshandels, wie auch Econwatch auf diesem Blog darlegt)  betreibt die EU mit Ihren willkürlichen Zielvorgaben für Energieeffizienz und den Anteil erneuerbarer Energieträger Planwirtschaft. Durch die mit diesen Vorgaben verknüpften Gesetzen und Subventionen schreibt die EU den Mitgliedstaaten letztlich vor, mit welchen Methoden (Produkten) die Verringerung der Treibhausgasemissionen erreicht werden soll.

Biosprit, Energiesparlampen und Solarstrom werden vom Wettbewerb mit anderen Produkten weitgehend isoliert. Dabei ist nicht sicher, ob es sich bei diesen Produkten um gute Lösungen handelt oder ob vielversprechendere Alternativen zu Verfügung stehen. Die Frage, welchen Beitrag ein Produkt zur Reduktion von Emissionen leisten soll, kann (eine adäquate Rahmensetzung vorausgesetzt) am zielsichersten vom Markt (sprich, uns, als Konsumenten) entschieden werden.

So ist es, neben der bereits erwähnten Verzerrung der Preisstruktur,  ein großer Nachteil dieser Politik, dass alternative Strategien und technischen Lösungen unterdrückt werden. Gerade im Bereich der Umweltpolitik, für welchen ein hohes Maß an Unsicherheit charakteristisch ist und in dem es keine Patentrezepte gibt, wäre es aber sinnvoll, möglichst viele Lösungsansätze (parallel) auszuprobieren. Hier könnte der Markt seine Funktion als Entdeckungsverfahren besonders gut entfalten, was allerdings durch die Vorgaben der EU erschwert wird. Ich halte daher die 2006 vom Centrum für Europäische Politik (CEP) ausgesprochene Empfehlung noch immer für zutreffend:
Nötig sind rigorose Vorgaben der zulässigen CO2 -Mengen. Wo und wie die Verringerung der Emissionen eintritt, sollte über den Handel mit Emissionszertifikaten dem Markt überlassen bleiben. Ein solcher Ansatz wäre sowohl ordnungs- als auch klimapolitisch vorzuziehen.

Fazit

Auf Grundlage der angerissenen Aspekte sollte der ökologische und ökonomische Beitrag, welchen Biokraftstoffe für den Klimaschutz leisten können hinterfragt werden. Ein Indiz zur Notwendigkeit einer kritischeren Auseinandersetzung mit diesem Thema kann darin gesehen werden, dass in dem diese Woche präsentierten Arbeitsprogramm des neuen Bundesumweltministers ein klarer Bezug zur Bedeutung von Biokraftstoffen fehlt. Es gibt viele offene Fragen, daher wäre es zu begrüßen, wenn die Diskussion um Biokraftstoffe wieder etwas mehr Aufmerksamkeit erhält.

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  • http://twitter.com/woksoll Wolfgang Ksoll

    Marktinterventionen des Staates und das Marktgeschehen sollten immer beobachtet werden und evaluiert werden auch ohne Hype in den Medien. Wie jetzt beim Mais für Biokraftstoffe (flüssig und gasförmig).

    Dem Artikel fehlen aber wichtige Aspekte.

    Trotz Welthunger seit Jahrzehnten wurden in Deutschland landwirtschaftliche Flächen stillgelegt mit Prämien von der EU, da in den Hungergebieten keine effizienten Märkte vorhanden waren, um die EU-Überschussproduktion abzunehmen. Wenn diese stillgelegten Flächen in Deutschland nun mit Mais für Energie rekultiviert werden, dann hat das mit Hunger nichts zu tun.

    Pure Deregulierung führt nicht zu effizienten Märkten. Auf den Philipinen ging der örtliche Maisanbau durch den Beitritt zur WTO um 1/3 zurück, weil Importe aus den USA zu illegalen Dumpingpreisen auf den Markt geworfen.

    Wenn nun in den USA die Ernteerträge wegen Dürre durch Ererwärmung steigen, dann fehlt in den Philipinen die stillgelegte heimische Produktion. Preise steigen, Hunger steigt.

    In den USA gibt es noch andere Probleme. Die Bauern haben durchgesetzt, dass es komfortable Versicherungen des Staates gegen Ernteausfälle gibt. Wenn wegen Erderwärmung und Trockenheit, Teile der Ernte ausfallen, ist es ökonomischer, die Versicherungsbeiträge zu kassieren als für eine effektivere Bewässerung zu sorgen.

    Wir haben also durch staatliche Interventionen und durch Eigendynamiken versagender Märkte erhebliche Störung in der Maisproduktion. Die schwächsten in der Kette werden dann einfach am Hunger verrecken.

    Wenn nun der steuersparende Teppichhändler meint, der Staat müsse kurzfristig in die Märkte eingreifen und die Ernten zentralistisch durch Verwaltungswirtschaft zuordnen (je nach Gusto, wo es schöne Teppiche Zu kaufen gibt, die man mit großer Amtsmacht wie ein Mafiosi am Zoll vorbeischmuggelt unter Beteiligung zahlreicher Behörden (AA, BND, usw.), dann ist das keine Problemlösung, sondern ein neues Problem.

    Um Hunger geht es auf jeden Fall nicht. Der war der FDP und Niebel in den drei Jahrzehnten zu vor als wir Ackerflächen in Deutschland stilllegten auch piepegal. FDP und Marktwirtschaft passt nicht zusammen.

  • dondolo06

    Na ja Herr Ksoll,
    Ihre Argumente gehen irgendwie an der Realität vorbei. Wenn ich mir bei uns in Süddeutschland ansehe, welche Flächen jetzt mit Maiswüsten zugepflastert sind – das sind nicht die stillgelegten Brachen, sondern das sind hochwertige großflächige Ackerflächen, die vorher als Getreide- oder zum Teil sogar als Weideflächen genutzt worden waren.
    Auch sonst steckt Ihr Beitrag voll Widersprüche: “Illegale Dumpingpreise” haben nichts mit Deregulierung zu tun, die gibt es vielmehr verstärkt in regulierten Märkten (siehe China). Auch das Thema “Versicherungen in den USA” ist kein Thema, das durch die Deregulierung oder Marktwirtschaft bestimmt ist, sondern das eben ein Problem irregeleiteter “staatlicher Fürsorge” ist (staatlich oder staatlich geregelt).

    • http://twitter.com/woksoll Wolfgang Ksoll

      “”Illegale Dumpingpreise” haben nichts mit Deregulierung zu tun, die gibt
      es vielmehr verstärkt in regulierten Märkten (siehe China).”
      Sie irren. Vor dem WTO-Beitritt war der philippinische Markt für Mais-Importe nicht zugänglich. Mit dem WTO-Beitritt mussten diese Handelshemmnisse dereguliert und beseitigt werden. Als das dann geschah, strömte zu Dumpingpreisen Mais aus den USA auf frisch geöffneten und deregulierten den Markt. Das illegale Dumping wurde aber nicht bekämpft, so dass die einheimische Maisproduktion zurückging und heute bei schlechten Ernteaussichten in den trägen, fetten US-Anbaugebieten (Minderernte gefördert durch US-Staatsintervention) zu Hunger führt. Aber man kann sich die Ernteausfälle der USA auch schön reden und die Bauern in Bayern beschuldigen, dass die für Sprit und nicht gegen den Hunger in Phillipinen Anbau und so gesetzestreu waren, dass die sie Stilllegungsgebote der EU befolgt haben, statt illegal Mais anzubauen und nach den Phillipinen exportiert haben, weil dort durch den WTO-Beitritt der heimische ökonomische Anbau kaputt gemacht wurde. Möglicherweise sehen das Teppichhändler, die nicht mal einen ordnungsgemäße Versteuerung ihrer Teppichimporte gebacken bekommen, trotz Unterstützung durch Geheimdienst. Aber ich rede lieber mit gesetzestreuen Bürger, da ich möchte, dass auf den Märkten eine funktionierende Ordnung herrscht und nicht mafiöse Strukturen und Chaos von Plünderern im Staatsamt.

  • P.Heinzmann Eppingen

    Hungersnot gab es schon immer auch ohne biosprit.Ausbeutung ist auch ei wesendlicher teil der hungersnot Wenn bei uns die lebensmitt.-preise steigen steigt auch das einkommen.Nur bekommen menschen in einigen teilen der erde noch nicht einmal soviel am tag das sie ein brot davon kaufen können.Und DANN muß man wohl Hungern.Großkonzerne verseuchen ganze landstriche dort können die bauer dann nichts mehr anbauen.Nur das es bei uns billig ist leiden leider viele menschen.

  • CB

    Diesem an sich guten Artikel fehlen über die bereits erfolgten Kommentare hinaus noch ein paar wissenschaftliche Aspekte. (Und ja, es gibt über die Wirtschaftswissenschaften hinaus noch ein paar andere ernstzunehmende Wissenschaften.)
    Auf einen davon will ich die Aufmerksamkeit richten: Biokraftstoff ist nicht gleich Biokraftstoff. Ethanol kann auf mehr als nur eine Art und Weise gewonnen werden.
    Oder Buthanol: ein wesentlich besserer Energieträger, noch dazu in der Verbrennung vergleichsweise “sauber”, ließe sich aus Cellulose – quasi aus Abfällen – mithilfe von Mikroorganismen herstellen. Ein Verfahren, das im übrigen nahezu hundert Jahre alt ist.

    Aber wozu in große Anlagen investieren, wenn es doch so viel günstiger/einfacher/gewinnträchtiger ist, Nahrungsmittelpotentiale zu verfeuern?

  • Jeanny Ki

    Der “Biospritt” wure ins Leben gerufen,trotz Welthunger.Er ist also nicht verantwortlich für den Welthunger. Aber die jenigen,die sich den Mist haben einfallen lassen,sind verantwortlich!
    Warum tun wir uns diese Verarsche eigendlich noch an?
    Mobilität würde längst nicht mehr von der Ölindustrie abhängen,wenn die Öllobby nicht alles ausbremsen würde,was unabhängig vom fossilen Brennstoff ist!
    Verdienen sich dumm und dämlich an uns und wollen uns dann auch noch nen schlechtes Gewissen einreden…
    Die ganze Thematik ist einfach unglaublich!!!

Autor

Oliver Treidler

ist externer Doktorand am Lehrstuhl für VWL, insbesondere Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik an der Universität Würzburg.

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