Josef Zintl hat mit diesem Artikel den 6. Platz beim Essay Wettbewerb “Zur Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft” von INSM und ZEIT-Verlag gewonnen.
Die Soziale Marktwirtschaft hat in einer globalisierten Welt als Wirtschaftssystem nur Zukunft, wenn sie sich auf die drei Schlüsselbegriffe Effizienz, Ethik und Emotion fokussiert. Vor diesem Hintergrund muss sich die Soziale Marktwirtschaft in ein
Drei-Ebenen-System verwandeln, die Soziale Marktwirtschaft E3.
Wieso Effizienz?
Das kontinuierliche Bestreben, wirtschaftliche Vorgänge möglichst effizient zu gestalten, sichert einer Volkswirtschaft dauerhaft das Überleben. Eine Wirtschaftsverfassung, die auch in Zukunft Bestand haben will, darf daher nicht in ihren steten Bemühungen nachlassen, von denjenigen wirksamen Maßnahmen diejenigen auszuwählen, die mit den geringsten volkswirtschaftlichen Kosten verbunden sind, die also effizient sind.
- Energie- und Ressourceneffizienz nimmt in einer Welt, in der die Rohstoffvorräte kontinuierlich knapper werden, einen zentralen Platz ein. Nur diejenige Wirtschaftsordnung, die die Voraussetzungen dafür schafft, dass ein bestimmter ökonomischer Nutzen mit minimalem Energie- und Materialaufwand erzielt werden kann, schafft die Basis für nachhaltigen volkswirtschaftlichen Erfolg. Die Förderung des Ausbaus der Stromerzeugung aus regenerativen Energieträgern sowie die konsequente Unterstützung der Entwicklung rohstoff-, wasser- und energieschonender Produktionsmethoden sind in diesem Zusammenhang gleichermaßen unverzichtbar.
- Ökoeffizienz wird von einer modernen Wirtschaftsverfassung wie der Sozialen Marktwirtschaft E3 in ganz besonderer Weise honoriert. Ein Produkt ist nur dann wirtschaftlich wertvoll (und damit auch förderungswürdig), wenn die mit ihm verbundenen Umweltbelastungen ökologisch vertretbar erscheinen. Im Geiste der Sozialen Marktwirtschaft E3 zu wirken heißt stets darauf zu achten, nicht die Grundlagen seines eigenen Wirtschaftens zu zerstören. Zu den größten Herausforderungen der Sozialen Marktwirtschaft E3 zählt folgerichtig auch, dazu beizutragen, dass Abfälle möglichst vermieden bzw. wiederverwendet werden, d.h. eine ökosozial intakte Kreislaufwirtschaft entsteht. Nur so kann trotz steigender Kosten für Energie und Rohstoffe der gegenwärtige Lebensstandard dauerhaft bewahrt werden.
- Arbeitseffizienz ist eine weitere tragende Säule einer erfolgreichen Wirtschaftsverfassung. Mit Arbeitseffizienz ist in der Sozialen Marktwirtschaft E3 aber nicht die Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen gemeint. Das Zeitalter der Wissensgesellschaft lebt nämlich vor allem von der außergewöhnlichen geistigen Flexibilität und Kombinationsfähigkeit des menschlichen Gehirns sowie von der singulären Fähigkeit des Einzelnen zu strategischem und kreativem Denken. Diese im eigentlichen Sinne menschlichen Werte, die effiziente Arbeit durch Innovation und Wandel erst ermöglichen, hat eine Gesellschaft, die sich der Sozialen Marktwirtschaft E3 verschrieben hat, durch zukunftsweisende Bildungsinvestitionen nicht nur zu sichern, sondern auch zu fördern. Darüber hinaus – und auch dafür steht der Begriff Arbeitseffizienz – herrscht in der Sozialen Marktwirtschaft E3 das Bewusstsein vor, dass ständige Präsenz am Arbeitsplatz und eine unübersehbare Zahl an Überstunden gerade kein Zeichen für gute und effiziente Arbeit sind. Die Soziale Marktwirtschaft E3 erkennt das Potential an wirtschaftlicher Dynamik, das in einer gesunden Work-Life-Balance als Grundvoraussetzung für effizientes Arbeiten steckt.
Wieso Ethik?
Eine moderne Wirtschaftsordnung stellt sich ganz vorrangig in den Dienst des Menschen. Die Soziale Marktwirtschaft E3 ist mithin ethisch. Damit ist sie einerseits auf die Bedürfnisse, Wünsche und Werte des Einzelnen ausgerichtet. Denn: Menschliche Wertschätzung erzeugt ökonomische Wertschöpfung. Andererseits stehen in der Sozialen Marktwirtschaft E3 in ganz vordringlicher Weise die gesellschaftlichen Kosten des Wirtschaftens im Fokus. Der Einzelne erkennt, dass im Gegensatz zur Kapitalrendite vor allem die „Sozialrendite“ das Fortkommen der Gesellschaft als Ganzes sichert. In der Soziale Marktwirtschaft E3wirtschaftet jeder nach der Einsicht, dass eigener Erfolg und gesellschaftlicher Fortschritt untrennbar miteinander verbunden sind. Es geht also – ganz im Gegensatz zu dem auf reine Finanz- und Gewinnkennzahlen bezogenen spekulativen „Kurzfristkapitalismus“ – darum, langfristig Werte zu maximieren, indem die Interessen der Gesellschaft und des Einzelnen gebündelt werden. Die Soziale Marktwirtschaft E3 führt damit einen neuen Gewinnbegriff ein: „Gewinne“ sind nur noch solche Vermögensmehrungen, die neben betriebswirtschaftlichen Überschüssen zugleich gesellschaftlichen Fortschritt mit sich bringen. Reine Spekulationsgewinne am Finanzmarkt sind demnach keine Wertschöpfung im Sinne dieser neuen Sichtweise. Gewinne bzw. Wertzuwächse im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft E3 sind dagegen beispielsweise und vor allem diejenigen Vermögensmehrungen, die im Zusammenhang mit denjenigen wirtschaftlichen Aktivitäten stehen, die einen Wertbeitrag zur Lösung der drängendsten Probleme der Weltgemeinschaft (z.B. Wassermangel, Energieversorgung, demographischer Wandel, Urbanisierung in den Entwicklungsländern) leisten.
Die Soziale Marktwirtschaft E3 baut als ethische, wertorientierte Wirtschaftsordnung im 21. Jahrhundert auf sanktionierbaren Regeln und Gesetzen auf. Sie bietet den verderbenden Auswüchsen des Turbokapitalismus und der weitgehend ungesteuerten Renditeorientierung die Stirn. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Wirtschaften tritt an die Stelle ungebremster Gier. Der Begriff „Leistungsgerechtigkeit“ rückt wieder in den Mittelpunkt. In der Sozialen Marktwirtschaft E3 steht die Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg der breiten Bevölkerung zu, also denjenigen Menschen, welche zunehmende Produktivität und fortschreitenden Wohlstand durch ihren täglichen Arbeitseinsatz generieren.
Eine Wirtschaftsverfassung wie die Soziale Marktwirtschaft E3 wendet sich – und auch dies ist Ausdruck ethischer Verantwortung – gegen staatliches Schuldenmachen, Wachstum auf Pump und private Überschuldung. Denn: Gesellschaften in der Menschheitsgeschichte brachen nie deshalb zusammen, weil sie zu wenig produzierten, sondern weil sie zu lange über ihre Verhältnisse gelebt haben. Und: Das Prinzip der intergenerationellen Solidarität, das einen konstitutiven Bestandteil der Sozialen Marktwirtschaft E3 bildet, verbietet, dass die Bedürfnisse der Gegenwart auf dem Rücken der kommenden Generationen befriedigt werden.
Wieso Emotion?
Die Soziale Marktwirtschaft E3 definiert sich nicht nur über das Effiziente und Ethische, sondern auch und vor allem über das Emotionale. Eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung versteht es, die Menschen nicht nur zu motivieren, sondern für den wirtschaftlichen Erfolg und das ökonomische Fortkommen der Gesellschaft richtiggehend emotional zu begeistern. In der Sozialen Marktwirtschaft E3 herrscht (wieder) gesellschaftliches Vertrauen in das Wirtschaften jedes Einzelnen und in jeden Einzelnen – egal ob Global Player oder regionaler Handwerksbetrieb, Unternehmer oder Arbeitnehmer. Nur dadurch werden die Menschen leidenschaftlich auf dem Weg in die Zukunft mitgenommen. Und: Nur so werden diejenigen gewaltigen Produktivkräfte in der Gesellschaft freigesetzt, die letztendlich Fortschritt bedeuten. Gerade die Privatunternehmen als tragender Pfeiler und Kristallisationspunkt der Sozialen Marktwirtschaft E3 müssen sich vor diesem Hintergrund stetig darum bemühen, ihre Attraktivität und emotionale Bindungskraft als Arbeitgeber durch das Angebot von solchen Leistungen zu stärken, die die Gesellschaft auf lange Frist nicht (mehr) erbringen kann. Die Entwicklung flexibler Kinderbetreuungsmöglichkeiten oder innovativer Gesundheitssysteme für die Beschäftigten eines Unternehmens, eine solide unternehmensinterne Altersvorsorge sowie das kontinuierliche Bemühen, mehr Frauen in die Wertschöpfungskette zu integrieren, zählen zu den zukunftsweisenden Aufgaben, deren Erfüllung die Soziale Marktwirtschaft E3 nach Kräften fördern muss. So und nur so wird trotz der globalen Herausforderung einer national zunehmend entgrenzten Zukunft ein soziales Geflecht geschaffen, in dem sich der Einzelne aufgehoben, ja geborgen fühlt, aber trotzdem autonom denkt und handelt. Persönliche Achtung, gelebte Mitmenschlichkeit, Solidarität und Vertrauen schaffen den emotionalen Bezug der Menschen zu „ihrer“ Sozialen Marktwirtschaft E3.
Das volle Leistungspotential jedes Einzelnen wird schließlich umso besser entfesselt, je ausgewogener die Wirtschaftsordnung das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit ausbalanciert. Die politische und wirtschaftliche Führung muss also einerseits das menschliche Sicherheitsstreben befriedigen, d.h. sich um Transparenz bei komplexen (wirtschaftlichen) Sachverhalten bemühen und dort unterstützend und solidarisch eingreifen, wo sich der Einzelne nicht (mehr) selbst helfen kann. Andererseits hat die Soziale Marktwirtschaft E3 die ständige Ausdehnung staatlicher Zuständigkeiten zurückzudrängen. Oftmals nämlich sind die Menschen selbst viel besser in der Lage, wirtschaftliche Fragestellungen eigenverantwortlich zu lösen als dies der Staat jemals könnte. In letzter Konsequenz schenkt die Soziale Marktwirtschaft E3 dem einzelnen Menschen also ein großes Maß an Freiheit. Die Soziale Marktwirtschaft E3 vertraut – ganz im Gegensatz zur Steuerung durch eine autoritäre Staatsbürokratie – darauf, dass jeder Einzelne die Chancen nutzt, die ihm seine persönliche Freiheit bietet. Freiheit aber ermöglicht Identifikation. Und nur Identifikation löst bei Menschen diejenigen positiven Emotionen aus, die erforderlich sind, um die Soziale Marktwirtschaft E3 kraftvoll in der Gesellschaft wirken zu lassen. Denn: Keine erfolgreiche Wirtschaftsordnung und damit auch keine Soziale Marktwirtschaft E3 ohne Menschen, die bereit sind, leidenschaftlich und emotional für sie einzutreten.
Fazit
In einer Welt, in der die Menschen schon bald mit dem Shuttle ins Weltraum-Hotel fliegen werden und eine Lebenserwartung von 120 Jahren oder mehr keine Seltenheit mehr sein wird, in einer Welt, in der die Menschheit 24 Stunden global vernetzt sein wird, in der Computersoftware mit künstlicher Intelligenz allgegenwärtig sein wird und in der weltumspannende Energienetze bestehen werden, kommt es darauf an, die Soziale Marktwirtschaft für die ungeheuren technischen Fortschritte sowie gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft fit zu machen. Die Soziale Marktwirtschaft muss sich wandeln, sie muss in das Zentrum eines Dreiecks aus Effizienz, Ethik und Emotion rücken. Dieser Wandel sollte auch sprachlich seinen Niederschlag finden. Deswegen muss die Soziale Marktwirtschaft zur Sozialen Marktwirtschaft E3 werden. Die Menschen werden sie lieben und sich für sie mit Herz und Verstand engagieren!
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