Alexander Sell hat mit diesem Artikel den 5. Platz beim Essay-Wettbewerb “Zur Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft” von INSM und ZEIT-Verlag gewonnen.
Kinder neigen von sich aus nicht gerade dazu, besonders rücksichtsvoll oder solidarisch miteinander umzugehen. Sie beanspruchen immer das größte Stück vom Kuchen für sich, hänseln die Brillenträger und trampeln sich gegenseitig ihre Sandburgen kaputt. Nimmt man daher das rüde Verhalten der Nachkommenschaft zum Maßstab für Aussagen über unsere Spezies insgesamt, sieht man sich doch eher enttäuscht und muss den letzten Rest seines Glaubens an das Gute im Menschen begraben. In Hüpfburgen und Sandkästen gilt das Recht des Stärkeren.
Dennoch zeigen selbst Kleinkinder einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, wenn es darum geht, die Früchte einer gemeinsamen Anstrengung leistungsgerecht unter den Mitstreitern zu verteilen. Eine Forschergruppe um den Entwicklungspsychologen Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat dazu einen überaus aufschlussreichen Versuchsaufbau entworfen. Die Wissenschaftler konstruierten einen kastenförmigen Apparat, in dem vier Murmeln zu sehen waren. Durch diesen Kasten lief ein Seil, dessen Enden an der Vorderseite in etwa zwei Meter Entfernung voneinander heraushingen. Wenn nur an einem Ende des Seils gezogen wurde, tat sich nichts. Wenn man dagegen an beiden Seilenden gleichzeitig zog, wurde im Inneren des Kastens ein Mechanismus ausgelöst, der die Murmel ins Rollen brachte und sie in zwei von außen zugängliche Behältnisse fallen ließ. Allerdings wurden sie nicht gleichmäßig auf die beiden Ausgänge verteilt, sondern drei der Murmeln kugelten zur einen Seite und nur eine zur anderen Seite heraus.
Für die Teilnahme am Experiment wurde nun eine Gruppe von Kindern zwischen zwei und drei Jahren ausgewählt. Als diese in Zweierteams mit der Funktionsweise des Apparats vertraut gemacht worden waren und erwartungsvoll an den beiden Seilenden zogen, sahen sie sich mit einer ungleichen Belohnung ihrer gemeinsamen Anstrengung konfrontiert. Dem vom Glück begünstigten Kind fielen drei Murmeln zu, während seinem glücklosen Partner nur eine einzige Murmel ins Depot kullerte. Wie reagierten nun die Kinder auf die ungleiche Verteilung des Wohlstands? Offensichtlich wurde die Gewinnausschüttung ihren gleichwertigen Anteilen am Erfolg des Unternehmens nicht gerecht. Der Zufall hatte eines der Kinder um seinen legitimen Lohn betrogen. Doch es sollte sich herausstellen, dass schon dreijährige Bengel diese Ungerechtigkeit von sich aus ausglichen und in 75% der Fälle das reich beschenkte Kind dem weniger glücklichen eine von seinen Murmeln bereitwillig abgab.
Diese unverhoffte Bereitschaft zum Teilen erwies sich dagegen als deutlich weniger ausgeprägt, wenn man die Ausgangsbedingungen in einem entscheidenden Detail änderte. Wenn Kooperation nicht erforderlich war und jedes Kind den Mechanismus zur Freigabe der Murmeln selbständig auslösen konnte, waren die Spielkameraden nicht mehr in dem Maße bereit, die ungleiche Verteilung der Murmeln durch freiwillige Transferleistungen auszugleichen. Nur 30% der Kinder entschieden sich zu teilen, wenn der Auslösemechanismus alleine betätigt werden konnte. Bescheidene 5% nur gaben von ihrem Gewinn etwas ab, wenn die Murmeln von Anfang an schon im Verhältnis von 3:1 in ihren jeweiligen Depots auslagen und nicht erst an den Seilenden gezogen werden musste, um sie zu erhalten.
Das heißt, das bloße Faktum einer ungleichen Verteilung des Glaskugelwohlstands ließ die Kleinen keineswegs eine Notwendigkeit zur Umverteilung erkennen. Erst wenn dem Gewinn eine gemeinsame Anstrengung vorangegangen war, sahen sie ein, korrigierend eingreifen zu müssen und nachträglich für die egalitäre Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands zu sorgen. Vielleicht mit dem Hintergedanken, den tüchtigen aber glücklosen Partner durch die Zuwendung bei Laune zu halten, um sich damit seiner Mithilfe auch in Zukunft zu versichern, gab das „reichere“ Kind dem „ärmeren“ dann etwas von seinem Gewinn ab. Allein die Affen, die zweite Testgruppe des Versuchs, wollten das partout nicht einsehen. Vollkommen gleichgültig gegenüber den berechtigten Ansprüchen des Anderen nahm sich hier jeder, was er kriegen konnten.
Was hat nun das Leipziger Experiment zur Hänfling- und Affenökonomie mit Ludwig Erhard und dem Modell der Sozialen Marktwirtschaft zu tun? Die Leipziger Evolutionspsychologen schlossen aus dem Resultat ihres Versuchs, dass die Bereitschaft zum Teilen beim Menschen schon in jüngsten Jahren deutlich stärker ausgeprägt sei als beim Schimpansen, weil die menschliche Welt ganz wesentlich vom Prinzip der Arbeitsteilung bestimmt ist. Die schlichte Einsicht, dass geteilte Mühe zu geteiltem Lohn führen muss, ist Voraussetzung und Funktionsprinzip dieser Gesellschaft. Niemand würde mit einem Typen zusammenarbeiten wollen, der immer den größten Teil des des gemeinsam erwirtschafteten Gewinns für sich behalten wollte. Die Sensibilität für Fragen der Gerechtigkeit kennzeichne daher einen evolutionären Vorteil des Menschen als bios politikos, als ein auf die Kooperation in der Gemeinschaft angewiesenes Wesen.
Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, wie es von Erhard als gesellschaftspolitische Grundordnung der menschlich werdenden Bundesrepublik etabliert wurde, basiert auf weitgehend analogen Prämissen. Walter Eucken – neben Alfred Müller-Armack und Franz Böhm einer der prominentesten akademischen Ideengeber Erhards – hatte sich zum Leitmotiv seiner wissenschaftlichen Tätigkeit die Fragestellung gemacht, „wie der modernen industrialisierten Wirtschaft eine funktionsfähige und menschenwürdige Ordnung gegeben werden“ könne. Man kann diese Frage als die Grundfrage des Modells der Sozialen Marktwirtschaft verstehen. Sie verweist auf die beiden zentralen Zielvorgaben des Ordnungsprinzips unseres Staates: Die Soziale Marktwirtschaft ist als ein politisches System zu verstehen, das funktionsfähig und menschenwürdig, marktwirtschaftlich und sozial zugleich sein soll. Was soll das heißen?
Die marktwirtschaftliche Komponente des Entwurfs gründet zunächst auf der Grundüberzeugung, wonach allein der Interessenausgleich am Markt gewährleisten kann, dass knappe Ressourcen dort zur Verwendung kommen, wo sie letztlich den größten Nutzen stiften. Es gibt kein staatliches Organ, kein Planungsamt, das so hellsichtig wäre, die Preise für Waren auf der Grundlage einer lückenlosen Kenntnis von Angebot und Nachfrage für alle verfügbaren Güter festlegen zu können. Die Erfahrungen der sozialistischen Länder hat vielmehr gezeigt, dass übermäßige staatliche Kontrolle der Wirtschaft notwendigerweise mit einer menschenunwürdigen Reglementierung sämtlicher Lebensbereiche einhergehen muss. Das freie Spiel der Kräfte am Markt steht daher nicht nur im Dienst verfahrenstechnischer Effizienz, sondern erlaubt jedem Einzelnen, seine schöpferischen Fähigkeiten frei zu entfalten und ein Leben in Eigenregie zu führen. Insofern dient die Marktwirtschaft der Freiheit und ist die allein angemessene Wirtschaftsform einer offenen Gesellschaft.
Im Gegensatz zu schrankenlosem Marktradikalismus ist jedoch das Modell der Sozialen Marktwirtschaft von der anthropologischen Gewissheit geprägt, dass nicht alle Menschen mit denselben Ressourcen erfolgreicher und unabhängiger Lebensführung gesegnet sind. Ein allzu emphatischer Freiheitsbegriff, der jedermann zu seines Glückes Schmied machen will, muss als illusorisch verworfen werden, wenn wir unsere Natur als soziale Wesen berücksichtigen. Niemand kann sich die Familie aussuchen, in die er zu seiner völligen Überraschung hineingeboren wird. Der silberne Löffel im Mund des Säuglings ist unmöglich seiner erfolgreichen Behauptung am Markt zuzuschreiben. So wie im Leipziger Experiment der Zufall bestimmt, welches Kind wie viele Murmeln erhält, stattet Fortuna uns Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen und Kapazitäten zu gelingender Lebensführung aus. Wie kann also von einem offenen Wettbewerb die Rede sein, wenn schon der Startplatz in diesem Rennen durch die Herkunft bestimmt wird? So frei ist der Markt eben nicht, wenn unverschuldete Geburt mit einer schwer zu kompensierenden Zugangsbeschränkung einhergehen kann.
Dieser ungleichen Prämierung durch die Wundertüte des Lebens will das ordnungspolitische Konzept der Sozialen Marktwirtschaft Abhilfe leisten. Dem Staat kommt hier die verbindliche Aufgabe zu, allgemein zugängliche Bildungs- und Ausbildungsstätten zu schaffen, die alle Bürger mit den grundlegenden zivilisatorischen Techniken ausstatten, welche ihnen die Entfaltung ihrer individuellen Talente und Begabungen ermöglichen. In genau diesem Sinne ist der Staat gleichheitsverpflichtet: er muss Chancengleichheit institutionell garantieren, um so die ungleiche Verteilung von Chancen qua Geburt zu kompensieren. Leider ist ein solcher Transfer von Ressourcen immer mit der Gefahr verbunden, den Auftrag zur Korrektur natürlicher Gerechtigkeitslücken unzulässig auszuweiten und den Staat mit der Pflicht zur Kompensation sämtlicher Widrigkeiten des Lebens zu überfrachten. Zwar ist die Solidargemeinschaft bemüht, jedem ein menschenwürdiges Auskommen zu gewährleisten, doch eine umfassende staatliche Absicherung gegen sämtliche Wechselfälle des Lebens würde die Bereitschaft zu Eigeninitiative verkümmern lassen und damit den Quell individueller Freiheit und wirtschaftlicher Dynamik zum versiegen bringen. Das Versprechen sozialer Gleichheit, das dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft inhärent ist, zielt deshalb auf die Gleichheit der Chancen, nicht auf die Gleichheit der Lebensverhältnisse.
Wenn wir heute über die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft diskutieren, wird das Soziale gerne beiläufig als karitativer Wurmfortsatz des Marktes abgetan. Diese Verkürzung wird der Idee Ludwig Erhards aber nicht gerecht. Sein Ziel war es gerade die Zweiteilung von Wirtschafts- und Sozialverfassung aufzulösen und durch eine einheitliche Gesellschaftsordnung zu ersetzen. Marktwirtschaftliche Effizienz und sozialer Ausgleich sind hier eben nicht als Widersprüche gedacht, sondern als komplementäre Komponenten eines insgesamt erfolgreicheren Staatsmodells. Das Ergebnis des Leipziger Experiments bildet diesen Zusammenhang in nuce ab: Die Tatsache, dass zum Erreichen des Erfolgs im Team gearbeitet werden musste, ließ die Dreijährigen einsehen, dass Verteilungsgerechtigkeit garantiert werden muss, um den Gemeinsinn und damit auch die Aussicht auf zukünftige, nur in Zusammenarbeit zu erreichende Gewinne nicht zu gefährden. Man darf also die Bereitschaft der Kinder zum Teilen nicht als selbstlose Wohltätigkeit verstehen, sondern muss die strategische Komponente ihres Handelns im Blick haben.
Gleiches gilt für die Verfassung der Sozialen Marktwirtschaft. Sie gründet ebenfalls auf der Prämisse, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist und wirtschaftlicher Erfolg Kooperation zur Voraussetzung hat. Eine hochtechnologisierte Wirtschaft ist auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Wo öffentliche Einrichtungen die adäquate Ausbildung des Nachwuchs nicht mehr gewährleisten können, leidet nicht nur der unqualifizierte Arbeitslose, sondern mittelbar auch die Wirtschaft. Die Väter der Sozialen Marktwirtschaft teilten somit die Einsicht der Leipziger Dreijährigen, dass Wohlstand auf Dauer nur durch Solidarität gesichert werden kann. Marktwirtschaftliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit schließen einander nicht aus. Sie stehen vielmehr in einem dialektischen Wechselverhältnis, das als Doppelhelix unserer politischen Kultur, der Garant von Freiheit und Wohlstand ist.
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