6 Politik

Eurokrise: Die Traumtänzer von Bonn und Berlin

Der populistische Spruch „Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa“ ist falsch und gefährlich. Das Gegenteil kommt der Wahrheit näher. Gegenwärtig ist der Euro der gefährlichste Anti-Europäer überhaupt.


Inzwischen ist klar, dass der Euro „in der bisher institutionalisierten und praktizierten Form“ -  der Klammerausdruck ist das Entscheidende -   gescheitert ist. Der fatale Geist des wirtschaftspolitischen Opportunismus von „befreundeten“ Regierungen ist aus der Flasche. Moral Hazard dominiert die Szene. Die Folgen werden für Deutschland und andere Länder extrem teuer und politisch unbequem sein.

Das Euro-Projekt ist (unter französischem Druck) von den deutschen Politikern in den 90er Jahren allein aus politischen und nicht aus ökonomischen Gründen unterstützt worden. Warum sollte man auch die D-Mark, die sich aufgrund einer unabhängigen Zentralbank und vor allem wegen der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu einer der besten Währungen der Welt entwickelt hatte, freiwillig abschaffen? Das fanden auch die deutschen Bürger, die damals zu 70 Prozent für den Erhalt der D-Mark waren. Aber darüber kann man sich als Politiker leicht hinwegsetzen, wenn man die Macht hat und eine echte Opposition fehlt.

Maßgeblich war die Absicht, das politische Ziel der Integration Europas mittels des Euro zu fördern. Das war schon damals Traumtänzerei von Kanzler Helmut Kohl und vielen anderen Bonner Politikern. Es erfordert aber viel Staatspädagogik. Wenn wir in Europa alle mit der gleichen Währung zahlen, haben wir uns alle viel mehr lieb. Leider tritt jetzt das Gegenteil ein.

Länder wie Italien und Portugal (von Griechenland gar nicht zu reden) mit solchen wie Deutschland und den Niederlanden in einer gemeinsamen Währung zusammenzubinden, ist gelinde gesagt ein tollkühner Versuch. Jeder VWL-Student, der in der Vorlesung von der Theorie der optimalen Währungsgebiete gehört hat, kennt die Probleme als Folge unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit und der divergierenden wirtschaftspolitischen Interessenlagen.

Wusste Kohl überhaupt, was er tat? Dies muss man in der Rückschau auf die Verträge und die Ereignisse in der Tat bezweifeln. War er aus Europabegeisterung und wegen der Aussicht auf seine erhoffte Rolle in späteren Geschichtsbüchern blind für die ökonomischen Zusammenhänge und Fakten?

War den anderen Parteien im Bonner Parlament bewusst, welcher Euro-Konstruktion sie zugestimmt haben? Kannten sie die Risiken? Wenn sie schon das Volk für dumm und belehrungsbedürftig gehalten haben, warum fragten sie nicht wenigsten die unabhängigen Experten? Diese haben nämlich schon damals die Folgen antizipiert. Aber die harte Realität ist für Traumtänzer immer unbequem.

Einem „adäquat konzipierten Euro“ mit den richtigen Länder haben damals viele grundsätzlich positiv gegenüber gestanden. Aber es war auch bekannt, dass eine Tendenz zu einer überhöhten Staatsverschuldung ein immanentes Problem von parlamentarischen Demokratien ist (vgl. Kruse, Staatsverschuldung ist ein Problem des politischen Systems) Stattdessen wurden die erforderlichen institutionellen Sicherungen gänzlich unzureichend und viel zu unverbindlich konstruiert. Vertrauen ist gut. Kontrolle ist nicht nur besser, sondern muss auch verbindliche und automatische Folgen haben, ohne dass diskretionäre politische Spielräume, die durch moralischen Druck beeinflussbar sind, dazwischen stehen. Auch dies ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Eine Sicherung, die als Bedingung Deutschlands eingeführt wurde, war die No-bail-out-Klausel des Maastricht-Vertrages. Dass diese nur auf dem Papier existent war, zeigte sich gleich am Anfang der Verschuldungskrise, als dieses zentrale Element mit der bloßen Politikerbehauptung der „Alternativlosigkeit“ ignoriert wurde. Dass ein solcher eklatanter Rechtsbruch nicht nur für die Glaubwürdigkeit aller europäischen Politiker verheerende Folgen hat, sondern auch für die Rolle des Rechts in unserer Gesellschaft, beschreibt Kirchof in der FAZ vom 12. Juli 2012 (Paul Kirchhof zur Krise der EU: Verfassungsnot!)

Dass Griechenland und Italien die No-bail-out-Klausel aus opportunistischen Motiven gern übersehen möchten, ist noch nachvollziehbar. Aber warum die Bundesregierung, deren Bürger die Zeche zahlen müssen? Im Nachhinein kann man getrost unterstellen, dass manche Regierungen schon bei ihrer Maastricht-Unterschrift davon ausgegangen sind, dass die Klausel im Krisenfall nicht so eng gesehen werden würde. Genau das produziert Moral Hazard.

Das jüngste Kind der (jetzt Berliner) Traumtänzer  - wenngleich auf massiven Druck von außen -  ist der ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus). Wenn man den Vertrag liest (und nicht selbst ein europäischer Traumtänzer ist) weiß man, dass der ESM ein Fass ohne Boden für die deutschen Bürger wird. Dies hat Stefan Homburg in der FAZ vom 28. Juli 2012 zutreffend beschrieben. (Stefan Homburg: Schuldenkrise. Retten ohne Ende).

Der populistische Spruch „Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa“ ist falsch und gefährlich. Das Gegenteil kommt der Wahrheit näher. Gegenwärtig ist der Euro der gefährlichste Anti-Europäer überhaupt. Die Gegensätze, die von den Politikern allein durch den Euro produziert worden sind, drohen Europa zu spalten und damit vielleicht auch die zahlreichen Vorteile Europas zu ruinieren, die sehr wohl schützenswert sind. Oberflächlich kann man dies an den anti-deutschen Stimmungen in den Medien Griechenlands und Italiens sehen.

Viel wichtiger ist die objektive Sackgassse, in welche die eurotrunkenen Politiker uns manövriert haben. Das wenig präzisierte Ziel der Integration Europas ist in der politischen Klasse Deutschlands zu einem Tabu geworden, das nicht zur Diskussion gestellt werden darf. Dafür sind offenbar keine Kosten zu hoch.

Die Bürger sehen das anders. Sie sind auch jetzt mehrheitlich gegen nicht-enden-wollende Rettungsschirme in inzwischen absurden Größenordnungen. Sie ahnen, dass sie das letztlich bezahlen müssen. Wenn sie allerdings das Ausmaß der Risiken für ihren Lebensstandard tatsächlich kennen würden, hätten wir vermutlich Massendemonstrationen.

Klar ist, dass die jetzige Konstruktion des Euro mit seinen institutionellen Rahmenbedingungen und politischen Erwartungen zum Scheitern verurteilt ist. Fraglich ist nur der verbleibende Zeitraum und die Höhe der Kosten, die das verursachen wird. Den meisten ist inzwischen klar (warum nicht früher?), dass dem fundamentalen marktwirtschaftlichen Grundsatz „Einheit von Entscheidung und Haftung“ auch in Europa’s Finanzwesen wieder Geltung verschafft werden muss. Charles B. Blankart beschreibt dies zutreffend in der FAZ vom 12. August 2012; Schuldenkrise. Die Euro-Zauberlehrlinge).

Aber wie? Viele Politiker reden jetzt nebulös davon, dass wir „mehr Europa“ brauchen. Aber was heißt das? Entscheidet dann die strukturelle Mehrheit der Südländer, wohin das Steueraufkommen aller europäischen Bürger fließt bzw. wer ihre bereits aufgenommenen Schulden trägt? Welcher Politiker erklärt den deutschen Bürgern die Konsequenzen?  Leider muss man feststellen, dass in der Euro-Frage keine Partei die Bürgermehrheit inhaltlich vertritt. Was ist das für eine Demokratie, in der die Mehrheit keine Stimme hat?

Das eigentliche Problem ist das offensichtliche Denkverbot in der politischen Klasse. Der Euro und die europäische Integration sind sakrosankt. Das verhindert rationales Abwägen der Alternativen. Die Regierung kennt auch nicht den optimalen Ausweg aus der verfahrenen Situation, sondern tut nur so. Warum beauftragt sie (oder das Parlament) nicht ein pluralistisches, politikerfreies  Expertengremium? Aber natürlich müsste dieses ergebnisoffen arbeiten können, sonst kann man es gleich lassen.

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  • http://www.facebook.com/people/Michael-Mao-Schulz/100000736378685 Michael Mao Schulz

    Erstmal : Die Eurokriese ist keine Eurokriese, sondern es ist eine der Nachwehen einer auf hemmungsloses Gewinnstreben ausgelegten Politik der Banken, welche letztlich in die Pleite abzurutschen drohten durch eigene Gier und durch Regierungen gestützt werden mussten. Somit ist es eine Bankenkriese. Was noch zu sagen ist : Auf dieser Seite werden Thesen Pro-Kapital, Pro-Banken, Pro-Grossunternehmen und Pro-Regierung verbreitet und versteckt eine Manipulation der Bürger versucht nach dem Wolf-im-Schafpelz-Prinzip und somit darf den auf dieser Seite geäusserten Inhalten nur unter extremen Vorbehalten Glauben geschenkt werden. Fakt ist : Es ist egal, wer aus dem Euro ausschert und wer nicht, der Zusammenbruch des gesamten Systems durch und in Folge der Geldgeilheit aller Bänker (welche jetzt noch immer in Amt und Würden sind, denn es wird die “unehrliche Ratte” niemals entfernt, sondern befördert) steht in Kürze zu erwarten AUCH durch letztlich eine falsche Reaktion der Merkel-Administration und anderer Regierungen in Europa und somit ist es die Sache nicht wert, sich darüber aufzuregen, denn das Ende mit dem grossen Knall kommt ganz sicher. Fakt ist auch : Es wird nach dem Knall weniger Banken geben, weniger gebündeltes Grosskapital, aber mehr sozialistisch-demokratische Systeme, welche für eine Rückführung des dem Volk gestohlenen Kapitals aus den verbrecherischen Händen der Grosskapitalisten und Banken sorgen. Somit, alle, die noch für die Banken sprechen : Wir haben Euch spätestens nach dem von Euch zu verantwortenden grossen Knall, der kommen wird Dank Eurer Gier, und danach wird es endlich Gerechtigkeit und Ehrlichkeit geben OHNE die Lügen von Banken und Regierungen . . .

    • Malte Zabel

      Da hat wohl jemand immer noch nicht begriffen, dass Marx und Engels nicht funktionieren. Nicht, dass bei der gegenwärtigen Krise den Banken jede Schuld abzusprechen ist, aber es ist und bleibt nun mal eine Staatsschuldenkrise, an der die Banken freilich nicht ganz unbeteiligt sind/waren. Dennoch, was Sie da so vom Stapel lassen – Mann, Mann, Mann. Selten einen unsachlicheren Kommentar gelesen, Herr “Mao” Schulz. Und wenn ich mir Eines noch erlauben darf: Bitte “Krise”, nicht “Kriese”.

  • neueWut

    “…Wusste Kohl überhaupt, was er tat? Dies muss man in der Rückschau auf die Verträge und die Ereignisse in der Tat bezweifeln…” Nun, hatte Kohl nach der Ermordung von Alfred Herrhausen und Detlev Rohwedder, überhaupt eine Möglichkeit anders zu reagieren? Und bis heute kann die RAF nicht beweisen dass sie die Mörder waren. Also sollte man aufhören Kohl zu diskreditieren, sondern die wahren Mörder von Herrhausen und Rohwedder endlich in den mafiösen Banksterkreisen suchen. Wer sucht, der findet gewöhnlich auch.

  • Geyer

    Was man gerne vergisst, ist dass Deutschland maßgeblich für die Niedrigzinspolitik der EZB verantwortlich war, als hierzulande Deflation drohte. Folglich konnten sich in Folge dessen die heutigen Krisenländer sehr günstig finanzieren und überhitzten, da sie nicht dem regulären Markt ausgesetzt waren. Wo war denn damals die Stimme für die stabile Geldpolitik? Ein Herr Sinn bspw. forderte damals eine solche “Unvernunft”.

  • 0acht15

    Nichts
    ist vergessen betreffs der „Genesis des Euro“, Schuldzuweisungen
    aber haben WIR an unsere eigene Adresse zu richten, wenn und solange
    wir JETZT lediglich lamentierend hinnehmen, daß de facto per
    Gesetzesbruch (Verstoß u.a. gegen Art. 123, 125 AEUV) die
    bundesdeutsche Staatskasse, sprich unser Steuergeld, veruntreut wird.
    Man muß sich nur die geradezu perverse Arroganz der derzeit
    hierzulande in der politischen Verantwortung Stehenden vor Augen
    führen, wenn sie z.B. „von Griechenland“ die Einhaltung von
    Vereinbarungen einfordern für ein Dilemma, welches in seiner
    jetzigen Dimension überhaupt erst durch Gesetzesbruch (u.a. Verstoß
    gegen die „NO-BAIL-OUT-KLAUSEL“ in Art. 125 I AEUV) von Merkel
    und Co. entstanden ist. Und damit folgen sie ganz offensichtlich den
    „Doktrin“ des Eurokraten Jean-Claude Juncker, dessen Devisen von
    jeher lauten:

    “Wir
    beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige
    Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und
    keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da
    beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis
    es kein Zurück mehr gibt” (Der
    SPIEGEL 52/1999, S. 136) und: „Wenn es ernst
    wird, muß man lügen“ („Hart aber fair“ berichtete darüber).

    Der feine Herr Juncker,
    er sorgt sich um die „kleinen Leute in Griechenland”. . .
    (Fernsehinterview mit dem WDR). Vor dem Hintergrund, daß von den
    Milliarden nach Griechenland transferierter € kein einziger bei dem
    sogenannten „kleinen Mann” dort angekommen ist, entlarvt sich
    nämlich Herrn Junckers bekundete Fürsorglichkeit für die „kleinen
    Leute” sehr schnell als perfider Versuch, eben die „kleinen
    Leute” als moralisch bemäntelten Schutzschild für die von ihm
    unterstützten Transferleistungen an Griechenland zu mißbrauchen,
    die nichts anderes sind als eine Sozialisierung der „von den oberen
    Zehntausend” eingefahrenen Verluste/Schulden, also eine
    Umverteilung von „unten nach oben” an Leute, die
    wahrscheinlich ihre Konten „im Ausland”, z.B. in Luxemburg
    haben . . . Luxemburg belegte im Schattenfinanzindex 2011 den
    unrühmlichen 3. Platz in der Rangliste der weltweit schmutzigsten
    Finanzzentren. Jean-Claude Juncker ist dort seit 1995
    Premierminister.

    Das geht z.Z. ab in
    Europa, und fast alle schauen hierzulande gottergeben zu, fast so,
    als hätten sie sich auf die Fahne geschrieben . . . „freiwillig
    gehen wir in den Tod! Sie treffen mich nicht mit ihrem Gelächter. Ich bin ein Ochse von
    altem Schrot und stehe in Treue zu meinem Schlächter!“ (Erich
    Weinert).

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Autor

Prof. Dr. Jörn Kruse

ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wettbewerb und Regulierung, an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

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