Was Mario Draghi tut, nennt Otmar Issing, Ex-Chefvolkswirt der Bundesbank, schlicht “verboten”. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) handelt zunehmend wie Superhelden in Comics, meint Martin Zecher: populär, aber ohne Gesetzesgrundlage.
Seit zehn Jahren beleben Marvel und DC, zwei der größten Comic-Verlage der Welt, in neuen Kinofilmen alt gediegene Comic-Helden. Seien es DCs männliche Vorzeigehelden wie Superman und Batman oder Marvels „The Avengers“, die einen neuen Besucherrekord in den USA erreichten. Jedes Jahr erscheinen weitere Kinoverfilmungen mit noch mehr Action, Dramatik und Emotionen – der modernen Filmkunst sei Dank.
Es scheint wieder einen wachsenden Wunsch nach Helden zu geben, der die Zuschauer in die Kinos treibt. Das Verlangen nach Personen, die die vorherrschenden Probleme der Menschen mit leidenschaftlicher Selbstaufgabe lösen, wie ausweglos die Situation auch erscheinen mag, ist präsenter denn je.
Superhelden, die zu Publikumslieblingen avanciern, einen meist zwei Dinge. Zum einen besitzen sie besondere Fähigkeiten, Zugang zu außergewöhnlicher Technik oder schlichtweg Macht aufgrund ihrer gesellschaftlichen oder beruflichen Stellung. Zum anderen sind sie meinst Outlaws, fühlen sich somit an kein Gesetz gebunden und leben nach ihren eigenen Wertevorstellungen. Für sie gibt es nur Richtig oder Falsch, und das Richtige muss getan werden.
Diese Eigenschaften garantieren, für fast jedes Problem eine passende Lösung zu finden.
Eigentlich eigenartig, dass es noch kein fiktiver Super-Ökonom zu Weltruhm geschafft hat. Wirtschaftliche Probleme und somit Gründe für die Schaffung eines solchen Superheldens finden sich in der Geschichte schließlich zuhauf. Vielleicht dient ja bald der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi als Vorlage für einen verwegenen Finanzhelden, der das tun kann, was andere für unmöglich halten.
Der Italiener vereint die beiden Eigenschaften, die bei dem Zuschauer so gut ankommen. Als EZB-Chef besitzt er die Macht über die europäische Geldpolitik und gilt daher, vor allem in Krisenzeiten, als einer der mächtigsten Männer Europas. Seine Worte und Entscheidungen sind gewichtig und können so manchen Anleger zum Jubeln oder Schluchzen bringen.
Dazu kommt, dass sich Signore Draghi anscheinend auch nicht an die herrschenden Gesetze halten möchte. Wie schon sein Vorgänger Jean-Claude Trichet erwägt auch er Anleihenkäufe von schwächelnden Euro-Staaten, obwohl dies gegen das Mandat der EZB und dem geltenden europäischen Recht verstößt.
Erst in diesem Monat ermöglichte die EZB der griechischen Notenbank kurzfristige Staatsanleihen, sogenannte T-Bills, im Umfang von zusätzlich vier Milliarden Euro als Sicherheiten zu akzeptieren und somit den Staat indirekt durch die Notenpresse zu finanzieren.
Der ehemalige Chef-Volkswirt der EZB, Otmar Issing, nannte diese Praxis in einem ARD-Interview „verboten“. Das Interview macht deutlich, wie frei sich Draghi von geschlossenen Verträgen fühlt.
Eine comicreife Situation. Denn auch hier gibt es immer wieder die larmoyanten Personen (meist hohe Polizeibeamte, Bürgermeister oder Staatsanwälte), die pedantisch darauf hinweisen, dass niemand über dem Gesetz steht.
Die Staats- und Regierungschefs hingegen stören sich nicht an Draghis Kurs. Tut er doch das, was sie nicht können: schnell und effektiv Hilfeleisten. Sie gehören zu den stillen Bewunderern des Superheldens.
Draghis momentane Aufgabe scheint darin zu bestehen, Griechenland über den Sommer zu retten, bis der Mittelmeerstaat wieder von seinen europäischen Nachbarn und dem internationalen Währungsfond finanziert wird. Solange kämpft der Euro-Rächer gegen die drohende Zahlungsunfähigkeit der Griechen und den seiner Meinung nach dysfunktionalen Kapitalmarkt. Ganz wie es sich für einen wahren Superhelden gebührt.
Und wer sich darüber aufregt, dass bei dem Ganzen rechtlich nonkonformen Euro- und Griechenland-Gerette deutsche Steuergelder riskiert werden, der darf sich dann in die Ecke zu den ganzen anderen Polizeibeamten, Staatsanwälten und Bürgermeistern stellen. Superhelden tun ja schließlich per se das Richtige. Und beim Kampf für das Richtige gehören Kollateralschäden nun mal dazu.
Doch der Money-Man Draghi wandelt auf einem schmalen Grad. Wie bei so vielen Superhelden kann die Stimmung schneller kippen, als ihnen lieb ist. Wird der Einsatz zu hoch (zum Beispiel die Haftungssumme der EZB oder das Inflationsrisiko), lehnen sich die Bürger gegen ihre vermeintlichen Helden auf. Ab dann sind sie nur noch Gesetzlose.
Keinen INSM-Blog-Post mehr verpassen? Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter oder abonnieren Sie unseren RSS-Feed oder Newsletter.
