3 Ökonomik

„Der Euro währt 5 bis 15 Jahre“: Was Milton Friedman über den Euro wusste

Heute wäre Milton Friedman 100 Jahre alt geworden. Der große Ökonom, Liberale und Geldtheoretiker trat sein Leben lang für mehr Markt und weniger Staat ein. Inflation und den Wohlfahrtsstaat sah Friedman, der 2006 starb, als große Bedrohung an. Seine Ideen scheinen heute aktueller denn je zu sein, denn Friedman schrieb über die Zusammenhänge von Geldmenge, Konjunktur und Inflation. Josef Girshovich hat aus dem, was Friedman zum Euro gesagt hat, einen fiktiven Brief an die Europäer verfasst.


Liebe Europäer,

heute, am 31. Juli 2012, wäre ich 100 Jahre alt geworden. Aus Anlass meines runden Geburtstages möchte ich mich mit ein paar Zitaten von mir zur europäischen Schuldenkrise zu Wort melden.

Vor zehn Jahren habe ich in einem Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ gesagt: „Euroland bricht in 5 bis 15 Jahren auseinander. Die Menschen sprechen verschiedene Sprachen und haben unterschiedliche Kulturen. Und die Mitgliedsländer reagieren zu unterschiedlich auf ökonomische Einflüsse von außen – deshalb ist etwa die für Irland richtige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank für Deutschland völlig ungeeignet.“

Das war ein halbes Jahr nach der offiziellen Einführung des Euro. Indem ich „5 bis 15 Jahre“ sagte und wir heute zehn Jahre seit Einführung des Euro zählen, habe ich die Krise mit Verlaub durchaus genau vorhergesagt. Niemals drohte der Zerfall des Euro so unmittelbar wie im Jahr 2012.

Meinen Widersachern empfehle ich ein Zitat meines Namensvetters John Milton, das fälschlicherweise häufig mir zugeschrieben wird: „Silence was pleased.“

Für die Aussage, dass die Menschen in Europa verschiedene Sprachen sprechen, ernte ich regelmäßig Kritik. Ich bin bereit, diese Kritik zu akzeptieren, wenn sie mir in der Art und Weise entgegengebracht wird, wie dies jüngst eine Studentin der Columbia University getan hat: „Die verschiedenen Sprachen und Kulturen der Eurovölker sollten nicht als Erklärung akzeptiert werden, weshalb die Eurozone auseinanderbrechen muss. Soviel dürfen wir Europa zutrauen. Lieber halten wir es mit dem kanadischen Volkswirten Robert Mundell, der mit den unterschiedlichen wirtschaftlichen Kräfteverhältnissen argumentiert. Griechenland und Deutschland, die Niederlande und Spanien oder auch ein vor wirtschaftlicher Gesundheit strotzender junger Eurostaat wie Slowenien und Italien – das sind Paare, die nicht harmonieren.“

Nichts anderes meine ich. In einem Interview mit dem Wirtschaftsblogger John Hawkins, in dem ich ebenfalls auf die Unterschiede der europäischen Sprachen eingegangen bin, betonte ich einmal: „Der Welthandel ist abhängig von den Unterschieden zwischen den Staaten und nicht von ihren Gemeinsamkeiten. Verschiedene Staaten befinden sich in verschiedenen Entwicklungsstufen. Es ist angemessen, dass sie verschiedene Muster haben und eine unterschiedliche Politik bei Umweltfragen, Arbeitsbedingungen und so fort verfolgen.“ Gerade diese Voraussetzungen für Handel zwischen den verschiedenen  europäischen Staaten schafft die europäische Gemeinschaftswährung ab.

Im Jahr 2000 lud mich die Bank of Canada nach Ottawa ein. In der Fragerunde, die sich an meinen Vortrag anschloss, habe ich mich auch zum Thema Euro geäußert: „Ich meine, dass sich der Euro derzeit auf Hochzeitsreise befindet. Ich hoffe, dass er erfolgreich sein wird, aber meine Erwartungen halten sich sehr gering. Ich meine, dass sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten akkumulieren und dass nichtsynchrone Schocks diese beeinflussen werden. Derzeit benötigt Irland eine ganz andere Geldpolitik als Spanien oder Italien. Die einzelnen Euro-Staaten sind keine natürliche Währungsgruppe. Sie sind keine gemeinsame Währungsregion. Es gibt sehr wenig Mobilität zwischen den Staaten. Dafür gibt es erhebliche Kontrollen, Vorschriften und Regeln, was umso mehr die Einführung  von Anpassungsmechanismen angesichts nichtsynchroner Schocks notwendig macht. Der flexible Wechselkurs war ein solcher Anpassungsmechanismus. Jetzt haben sie keinen Mechanismus mehr. Geben wir dem Euro Zeit, dass er seine Probleme entwickelt.“

Wie sehr diese Anpassungsmechanismen der Eurozone fehlen, merken wir angesichts der aktuellen Krise. Schon wird über Doppelwährungen diskutiert, um mehr wirtschaftliche Flexibilität zu ermöglichen.

Auf das Dilemma, wie wir mit Euro-Krisenstaaten umgehen sollen, habe ich übrigens bereits 1998 in einem Interview mit dem australischen Radio ABC hingewiesen:  „Angenommen, es läuft schlecht und Italien wird zum Problemfall – wie kommt Italien dann wieder heraus aus dem Euro-System? Die Lira gibt es nicht mehr, also haben wir es mit einem gewaltigen Glücksspiel zu tun.“ Dass ich auf Italien und nicht etwa auf Griechenland verwiesen habe, bitte ich, mir nachzusehen. Warten wir noch ein halbes Jahr.

Viel schlimmer als meine Ängste hinsichtlich der Überlebensfähigkeit des Euro ist aber, dass ich mich in Europa und vor allem dem Mutterland der Demokratie so getäuscht habe. In einem Brief an den italienischen Ökonomen und späteren Verteidigungsminister Italiens Antonio Martino schrieb ich 1999: „Ich bin heute weniger pessimistisch als früher, weil ich schlicht nicht erwartet habe, dass die unterschiedlichen Staaten eine derartige Disziplin an den Tag  legen würden, wie sie vorausgesetzt wurde, um sich für den Euro zu qualifizieren. Die Konvergenzkriterien hinsichtlich Inflation, Zinsen und so fort waren strenger und deren Einhaltung wurde kurzfristiger eingefordert, als ich das erwartet hätte.“

Es war mein Irrtum, dass ich den Europäern geglaubt habe, dass sie sich an ihre eigenen Konvergenzkriterien halten würden. Ich sagte ja bereits: „Ich wünsche der Eurozone alles Gute.“ Aber dass gerade Griechenland schummeln, schwindeln und seine eigenen Bilanzen fälschen würde – das konnte nicht einmal ich, Milton Friedman, vorhersehen, weshalb ich mich nun umdrehen möchte.


Zitate und Verweise aus denen sich der Brief zusammen setzt:

 

Weiterführende Artikel:

Anlässlich seines hundertsten Geburtstags hat die Wirtschaftswoche Milton Friedman einen Artikel gewidmet. Ein weiterer interessanter Artikel anlässlich dieses Ereignisses findet sich im “The Economist”.

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  • pamfili

    Lieber Joseph,
     
    Trotz meiner Hochachtung für Milton Friedman, habe ich doch einige Einwände zu seiner/deiner Argumentation.
     
    ·         Dass der Welthandel von den Unterschieden zwischen Staaten (den jeweiligen komparativen Vorteilen) abhängig ist, wage ich hier zu bezweifeln. 1979 schon hat Krugman gezeigt, dass Handel gerade unter identischen Ländern entsteht, weil Konsumenten Vielfalt mögen, bzw. gerne die Wahl zwischen einem Peugeot und einem Golf haben. Zudem ist es empirisch eine Tatsache, dass Handel vor allem da betrieben wird wo Produktionsstrukturen und Präferenzen ähnlich sind. Nicht umsonst gehen um die 50% deutscher Exporte in die Eurozone. Die Einführung des Euro hat diese Entwicklung maßgeblich unterstützt.
    ·         Das Fehlen flexibler Wechselkurse bedeutet, dass Krisenbewältigung intern vollzogen werden müssen. Das ist kurzfristig politisch schwieriger umzusetzen, bringt langfristig aber auch mehr Wettbewerbsfähigkeit mit sich. Somit beinhaltet das Fehlen flexibler Wechselkurse in der Eurozone Anreize zu sinnvollen strukturellen Reformen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir die meisten Geldpolitiker in diesem Punkt beipflichten werden.
    ·         Es ist kein Geheimnis, dass die Eurozone kein optimaler Währungsraum ist. Um asymmetrische Schocks abzufedern, sind tatsächlich Anpassungsmechanismen notwendig, die am effizientesten an eine Fiskalunion angelehnt sein sollten. Das funktioniert in Deutschland und den Vereinigten Staaten relativ gut (hierzu empfehle ich Dir Thomas Sargent’s Nobelpreisrede).
    ·         Fiskalausgleiche auf Ebene der Eurozone werden selbstredend für Länder wie Deutschland teuer. Dass sie Deutschland mehr kosten würden als das Auseinanderbrechen der Eurozone ist allerdings nicht der Fall. Der Sachverständigenrat beziffert die potentiellen Kosten für Deutschland auf 3,3 Billionen Euro (fast das 5fache der 700 Milliarden für den ESM, von denen 27% auf Deutschland entfallen). Diese Zahlen beinhalten zudem nicht die Kosten die mit dem Ausfallen der Zahlungssysteme einhergingen und somit auf das marode deutsche (Landes)-Bankensystem zukämen. Letztendlich muss die obengenannte Ziffer auch um die Exportrückgänge erhöht werden, die Deutschland aufgrund einer Währungsaufwertung einzubüßen hätte.
    ·         Es war tatsächlich absehbar, dass die Eurozone um politische und fiskalische Mechanismen zu erweitern ist, um ihr Überleben zu sichern (diese Information kann man Standard  VWL-Werken entziehen). Was heute weitaus relevanter ist, sind die Kosten, die auf Europa zukommen, falls diese Mechanismen nicht implementiert werden. Friedman hatte diese Kosten wahrscheinlich nicht im Auge, ich meine, wir können uns das nicht leisten.
     
    Viele Grüße aus Paris,
     
    Pamfili

    • Mike Bike

      tja dann legen sie Ihr Geld weiter in Euro an und lassen alles auf der Bank, Viel Spass dann in 1-2 Jahren mit dem was Ihnen dann uebrigbleibt

  • Marta Salazar

      Ausgezeichnet! Danke!

    Ich empfehle auch (auf französisch): Milton Friedman avait prévu la crise de l’euro

    Liebe Grüße

Autor

Josef Girshovich

ist der Autor des Buches "Reise nach Jerusalem" und arbeitet im Deutschen Bundestag.

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