2 Wirtschaft

Wie verhindert man Bankenkrisen?

Die Bankenkrise schürt auch die Angst vor einem Banken-Run. Doch die Gefahren lassen sich in den Griff bekommen. Was aber kurzfristig hilft, ist langfristig ein Problem. Denn das Sicherheitsnetz nimmt den Kunden die Entscheidung ab, welcher Bank sie ihr Geld anvertrauen sollen. Die Folge: Banken gehen zu hohe Risiken ein, wodurch die Branche krisenanfälliger wird. Nur wenn Banken pleite gehen können, wird das System falscher Anreize durchbrochen. 


Das Schreckgespenst des „Banks Run“ geht um und verbreitet Furcht und Schrecken. Allerdings sollten wir nicht vor Angst erzittern, denn gegen Schalterstürme hat die moderne Finanzmarktarchitektur mittlerweile ein Sicherungsnetz entwickelt, das solche Stürme (fast immer) verhindert. Eine Bank kann sich durch Hinterlegung von werthaltigen, langfristigen Forderungen bei der EZB ausreichend Liquidität beschaffen, um ihre Kunden auszuzahlen. Letztere sind durch die Einlagensicherung sogar im Insolvenzfall abgesichert. Entscheidender für aktuelle Krisen ist das Zusammenspiel von Vermögenspreisen, Bilanzierungsrichtlinien und Eigenkapitalvorschriften. Wenn  hierdurch langfristige Aktiva auf die Schnelle zu verkaufen sind, sinken die Kurse dieser Papiere. Nicht nur die nach mehr Liquidität strebende Bank erleidet Verluste, sondern alle Banken, bei denen auf der Aktivseite solche Forderungen stehen. Beginnen sie ihrerseits auf die Schnelle zu verkaufen, kommt es zu einer Abwärtsspirale. Während die Öffentlichkeit auf die Schlangen vor den Schaltern als Zeichen einer bevorstehenden Apokalypse starrt, frisst sich die eigentliche Krise über die Vermögensmärkte und damit über die Aktiva der Banken fort.

Ein populärer Irrtum betrifft die Entstehung von Schalterstürmen. Ursache ist weniger das Gefangenendilemma, sondern vielmehr das Vorhandensein asymmetrischer Informationen. Da Einleger die Qualität der Bankaktiva (die ja letztlich die Deckungsmasse für die Einlagen darstellen) nicht beurteilen können, kann die Insolvenz einer Bank dazu führen, dass auch die Kunden anderer, eigentlich solventer Banken anfangen, ihre Einlagen abzuziehen. Denn aufgrund fehlender Informationen bezüglich der Werthaltigkeit der Aktiva wird die „Pleite“ eines Institutes – gerade in Zeiten systemischen Stresses – als Indikator für die wirtschaftliche Lage der eigenen Bank heran gezogen. Dies kann auch bei solide wirtschaftenden Kreditinstituten zu einem Liquiditätsproblem führen, das den Verkauf von Aktiva im Rahmen von Notverkäufen auslösen kann. Die dadurch sinkenden Marktpreise wiederum erhöhen die Unsicherheit bezüglich der Solvenz weiterer Banken: Ein Teufelskreis entsteht, so dass die Gerüchte über wirtschaftliche Schwierigkeiten einer Bank zur selbsterfüllenden Prophezeiung führen und zugleich andere Banken in den gleichen Strudel geraten.

Es gibt einen zweiten populären Irrtum. Die Anfälligkeit der Banken für Schalterstürme hat nämlich weniger mit ihrer Funktion als Finanzintermediäre, sondern mit dem Teilreservesystem zu tun, das heißt Banken haben nur einen kleinen Teil der jederzeit fälligen Einlagen als liquide Mittel vorrätig, der Rest ist zu meist langfristig angelegt. Diese (extreme) Fristentransformation ist Teil des Geschäftsmodells, bedingt aber auch das Risiko, dass eine Bank in die Illiquidität (wie gesagt: nicht zu verwechseln mit der Insolvenz) rutscht, wenn viele Einleger auf einmal ihr Geld abheben wollen. Normalerweise ist der Liquiditätsbedarf über die Masse der Kunden hinweg relativ gut berechenbar. Die Banken wissen in etwa, welche Barreserven sie halten müssen, um Auszahlungen (plus einen gewissen Sicherheitspuffer) zu gewährleisten. In Krisenzeiten reichen aber die Puffer oft nicht aus und die Banken können ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen: Es kommt dann zum Schaltersturm. Um ein solches Szenario zu verhindern, ist verschiedentlich versucht worden, dass Teilreservesystem abzuschaffen, beispielsweise durch den als „100 % Money“ bekannten Vorschlag führender amerikanischer Ökonomen aus den 1930er Jahren. Danach dürfen Einlageninstitute die kurzfristigen Einlagen ihrer Kunden nicht mehr ausleihen. Die Finanzintermediation würde in einen solchen System über spezialisierte Investmentbanken erfolgen, die nur langfristig angelegte Kundengelder auch langfristig verleihen können. Die Krisenanfälligkeit hat also damit zu tun, dass im Teilreservesystem die Liquiditätsbereitstellung und die Finanzintermediation nicht klar getrennt sind.

Das aktuelle System wird aber trotz dieser Schwäche beibehalten, weil auf diese Weise mehr liquide Mittel für die Kreditvergabe bereitstehen. Was in einer Welt ohne Banken als Notgroschen unter dem Kopfkissen schlummert, liegt vermeintlich genauso sicher bei der Bank – wird aber von dieser verliehen. In beiden Fällen hat das Individuum eine Liquiditätsreserve, aber unter dem Kopfkissen findet keine Kreditvergabe statt. Wir haben aber inzwischen Institutionen entwickelt, um mit den Gefahren des Schaltersturms fertig zu werden: Zentralbanken und Einlagensicherung.

Tatsächlich fungierten die Zentralbanken – neben der Notenausgabe und der Verrechnung der Interbankenforderungen – vor allem als „Lender of Last Resort“ (Verleiher der letzten Instanz). Im Falle einer Liquiditätskrise können die Geschäftsbanken ihre langfristigen Aktiva dort gegen frisches Geld beleihen, anstatt sie zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Seit dem Ende des Goldstandards und dem Übergang zu Fiat-Geld (kurz: durch die Wirtschaftsleistung gedecktes Papiergeld) sind also Zentralbanken theoretisch in der Lage, jede Liquiditätskrise durch das Drucken und Verleihen von Geld abzuwenden. Allerdings kann es dazu führen, dass die Banken ihnen dabei nicht werthaltige Sicherheiten unterschieben. Geht die Geschäftsbank dann in die Insolvenz, bleibt die Zentralbank – und damit wir alle – letztlich auf den Verlusten sitzen. Um dies zu verhindern, sind nur bestimmte „gute“ Aktiva zentralbankfähig und das gegen einen Zinsaufschlag. Diese Regel ist übrigens bald anderthalb Jahrhunderte alt und wird nach ihrem Begründer Bagehot-Doktrin genannt.

Da sich die Zentralbanken (theoretisch) nur um die solventen, aber illiquiden Institute kümmern, haben die meisten Länder zusätzlich noch Einlagensicherungssysteme geschaffen. Im Falle einer Bankenpleite zahlen sie den Einlegern ihre Einlagen aus. Gesetzlich vorgesehen sind derzeit 100.000 Euro pro Einleger. Die freiwillige Einlagensicherung der Kreditinstitute geht aber noch viel weiter. So garantiert der Sicherungsfond privater Banken derzeit noch Einlagen bis zur Höhe von 30 Prozent des haftenden Eigenkapitals des ausfallenden Institutes. Zwar wird diese Grenze bis 2025 auf 8,75 Prozent reduziert, schaut man sich aber das Eigenkapital größerer Finanzinstitute an, sind die meisten Einleger quasi voll versichert (die Zahlen stammen aus der F.A.Z. vom 10. Juli 2012). Solange dies glaubhaft ist, stellen wir uns nicht in die Schlange am Bankschalter, sondern bleiben zu Hause im Warmen. Insofern kann der Schaltersturm bei Northern Rock als Indikator dafür gesehen werden, dass die Einlagensicherung in Großbritannien als unzureichend erachtet wurde.

Der „Lender of Last Resort“ und die Einlagensicherung bilden eine Art Sicherheitsnetz für die Passivseite der Banken. Theoretisch dürften solvente Banken durch einen Schaltersturm niemals illiquide werden, da sie jederzeit ihre werthaltigen Aktiva bei der Zentralbank in Bargeld umtauschen können. Und solange die Einlagensicherungssysteme glaubhaft sind, wird es zum „Run“ gar nicht kommen.

So sinnvoll „Lender of Last Resort“ und Einlagensicherung für Krisenzeiten erscheinen, so destabilisierend ist aber ihre Wirkung auf lange Sicht. Da die Einlagensicherung dem Einleger die Entscheidung abnimmt, welcher Bank er sein Geld anvertrauen sollte, ist die Kontrolle der Kreditinstitute durch diese Gläubigergruppe und damit die Marktdisziplin geringer. Dies erlaubt den Banken höhere Risiken einzugehen, sich höher zu hebeln und damit stark zu wachsen. Größere Krisenanfälligkeit ist die Folge. Auch wenn zuletzt die empirische Evidenz dieses Wirkungszusammenhangs in Frage gestellt worden ist, halte ich ihn nach wie vor für plausibel.

Das Sicherheitsnetz schützt zwar die Passivseite der Banken, sein Aufbau kann aber Krisen nicht völlig verhindern. Denn die  geltenden Eigenkapitalrichtlinien können Kreditinstitute dazu zwingen, schnell Bilanzpositionen abzubauen. Diese Notverkäufe können dann den Marktwert der Aktiva unter den Fundamentalwert (vereinfacht vorstellbar als ab-diskontierte Summe aller zukünftigen Zahlungsströme) treiben. Wird zu Marktpreisen bilanziert, müssen auch eigentlich solvente Banken hohe Abschreibungen tätigen und werden zu weiteren Notverkäufen gezwungen. Dieser Prozess ist umso stärker, je niedriger die Kapitalausstattung Banken ist.  Soll beispielsweise der Anteil des Eingenkapitals an der Bilanzsumme bei 4 Prozent gehalten werden, folgt aus einem Verlust von einem Euro ein Verkaufsbedarf von ca. 25 Euro. Auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis und die Krise breitet sich trotz Sicherungsnetzes aus.

Durch den Abbau von Aktiva („Deleveraging“) droht ein Schwelbrand.  Ausmaß und die Geschwindigkeit hängen von der Durchsetzung der Bilanzierungs- und Eigenkapitalvorschriften ab. Die werden dann in der Krise oftmals ausgesetzt bzw. aufgeweicht. So setzte die EU Kommission die Bewertung zu aktuellen Marktpreisen im Jahre 2008 kurzfristig aus, um die Krise nicht noch zu verstärken (Stichwort: Prozyklität). Beim Versuch, solvente Banken vor den Auswirkungen der systemischen Krise zu schützen, macht man es leider auch eigentlich insolventen Banken leicht, ihre Verluste zu verschleiern. Das Resultat war in Japan zu beobachten: Da Banken ihre schlechten Kredite nicht abschreiben konnten, ohne in die Insolvenz zu rutschen,  vergaben sie weiterhin Kredite an eigentlich nicht mehr konkurrenzfähige Firmen – und verhinderten so die realwirtschaftlichen Anpassungsprozesse.  Dieses Verhalten wird auch als „wetten auf die Wiederauferstehung“ (gamble for resurrection) bezeichnet. Banken investieren in Projekte mit erwartendem negativem Barwert – in der Hoffnung, dass es gut geht und die Insolvenz abgewendet werden kann. Mit effizienter Kapitalallokation hat das dann nichts mehr zu tun.

Nicht Schalterstürme sind das Problem, sondern es gilt, den Krisenmechanismus, den Schwelbrand, zu bekämpfen. Die japanische Erfahrung zeigt, dass eine Stützung des Bankensektors, die nicht mit einer Bereinigung des Bankensektors einhergeht, eine langfristige Wachstumsschwäche nach sich ziehen kann. Daher muss eine staatliche Unterstützung des Bankensektors einigen Anforderungen genügen, soll sie erfolgreich sein. Hierzu gehört eine ausreichende Rekapitalisierung aller Banken, die zügige Restrukturierung der ausfallenden Kredite und notfalls die Nationalisierung und Abwicklung insolventer Institute. Gleichzeitig sollten die Aktionäre und Manager sanktioniert werden, indem man sie insbesondere aus dem Unternehmen drängt. Einfach nur Geld in das System zu pumpen, um die vermeintliche Katastrophe eines Schaltersturms zu verhindern, hilft nicht und führt nur zur Sozialisierung privater Verluste.

Der Beitrag gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder.

Keinen INSM-Blog-Post mehr verpassen? Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter oder abonnieren Sie unseren RSS-Feed oder Newsletter.

  • Pingback: Wie lassen sich Finanzmärkte stabilisieren? | INSM Blog

  • Fynbo

    Mein Vorschlag: Arbeitgeber überweisen das Gehalt der Arbeitnehmer nicht mehr auf deren dann überflüssig werdende Privatkonten, sondern direkt an den Bankenrettungsfonds. Aus dem erhält jede Bank, soviel sie braucht und will. Reicht das Geld dafür nicht, werden Nebenjobs per Dekret verpflichtend für alle Bürger zwischen sieben und !10 Jahren. 

Autor

Dr. Cordelius Ilgmann

hat Geschichte, Politik und Volkswirtschaftslehre studiert und arbeitet bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Er gibt auf diesem Blog seine persönliche Meinung wieder.

Alle Beiträge von