Der Stern-Report, bildet seit Jahren eine wichtige Leitlinie der europäischen Klimapolitik. Ein Fehler, stellt Oliver Treidler fest, denn der Report überschätzt das Ausmaß der zu erwartenden Schäden deutlich. Er beschreibt ein Worst-Case-Szenario.
In Ihrer Rede anlässlich des Petersberger Klimadialoges hat die Bundeskanzlerin die Klimapolitik an die Spitze der globalen politischen Agenda gestellt. Eine Zäsur war ihre Rede nicht, der Neuigkeitswert überschaubar. Ein zentraler Punkt in Merkels Rede war der Stern-Report. Dieser Report, welcher im Jahre 2006 im Auftrag der Britischen Regierung erstellt wurde, bildet seit Jahren eine wichtige Leitlinie für die Klimapolitik innerhalb der EU.
Der Stern-Report untersuchte auf etwa 600 Seiten die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung. Die bekannteste Aussage des Stern-Reports ist, dass die Folgen des Klimawandels schwere wirtschaftliche Konsequenzen haben könnten:
„[…] the overall costs and risks of climate change will be equivalent to losing at least 5% of global GDP each year, now and forever. If a wider range of risks and impacts is taken into account, the estimates of damage could rise to 20% of GDP or more”.
Auf diese Aussage nimmt die Bundeskanzlerin Bezug, wenn Sie entschiedene Aktionen fordert. Der Status-quo ist für Sie keine Option, da „dieses Nicht-Handeln […] – das hat spätestens der Stern-Report aufgezeigt – schreckliche Folgen haben wird“.
Wie viele andere Europäische Politiker versteht die Bundeskanzlerin den Stern-Report als einen dringenden Handlungsauftrag. Je frühzeitiger Korrekturmaßnahmen ergriffen werden, desto geringer werden die Schäden und somit auch die notwendigen Kosten sein. Der Appell, die Reaktionen auf den Klimawandel nicht auf die lange Bank zu schieben, ist nachvollziehbar. Doch die entscheidende Frage ist letztlich, wie umfangreich und kostenintensiv die Programme zum Klimaschutz gestaltet werden sollten. Die hohe Unsicherheit in Bezug auf die tatsächlich zu erwartenden Konsequenzen macht es schwierig, eine überzeugende Antwort zu finden.
Im Folgenden werde ich erläutern, warum der Stern-Report das Ausmaß der zu erwartenden Schäden überschätzt. Wenn der Stern-Report als Entscheidungsgrundlage genutzt würde ist davon auszugehen, dass ambitionierte Ziele und hohe Kosten die zukünftige Klimapolitik bestimmen werden. Die Bundeskanzlerin scheint entschlossen auf diesem Weg voranzuschreiten:
„Deshalb gehöre ich zu denen, die sagen: Wenn es um die Grundsatzdiskussion geht – Treffen nun alle Klimasimulationen genauso ein? Haben die Forscher […] schon bis ins letzte Detail alles erkannt? –, habe ich keine Lust, meine Zeit damit zu verbringen, jeden Fehler in den Voraussagen hundertmal länger zu diskutieren als jede Aktion, die wir eigentlich unternehmen müssen, um mit dem Klimawandel klarzukommen.“
In Anbetracht der Tatsache, dass der Stern-Report unter Ökonomen höchst umstritten ist, bringt die Aussage der Kanzlerin leider eine unangemessene Ungeduld zum Ausdruck. Beachtenswert und repräsentativ ist in diesem Zusammenhang das 2007 veranstaltete „Yale Symposium on the Stern Review“ an welchem viele renommierte Ökonomen teilnahmen (neben Stern waren dies unter anderem William Nordhaus, Jeffrey Sachs und Robert Mendelsohn). In dieser äußerst kontroversen Grundsatzdiskussion wurde der Stern-Report scharf kritisiert. In der Diskussion ging es um diverse technische Fragen, Klimasimulationen und auch um die wissenschaftliche Qualität des Reports.
Da die Konsequenzen des Klimawandels erst in der (fernen) Zukunft eintreten, stellt sich die Frage, wie diese aus heutiger Sicht zu bewerten sind. Der wirkliche Streitpunkt in der Grundsatzdebatte war und ist deswegen der von Stern verwendete, äußerst niedrige, Diskontierungssatz (0,1 Prozent).
Bei einem niedrigen Diskontierungssatz wird zukünftigen Umweltschäden gegenüber heutigen Aufwendungen ein hohes Gewicht beigemessen. Der betrachte Zeitraum ist sehr lang, daher ist der Diskontierungssatz die entscheidende Variable in Sterns Berechnungen. Bei einem Diskontierungssatz von fünf Prozent wäre man bereit für einen in zweihundert Jahren auftretenden Schaden in Höhe von einer Million Euro heute 58 Euro zu zahlen um diesen zu verhindern. Bei einem Diskontierungssatz von 1,5 Prozent wäre man bereit, rund 51.000 Euro zu zahlen und bei 0,1 Prozent über 800.000 Euro. Anders als von der Bundeskanzlerin unterstellt, geht es bei dieser Diskussion keineswegs um Details, oder akademische Quertreiberei, es geht um die wesentlichen Fragen zur Ökonomie des Klimawandels.
Folgende Anmerkung von Mendelsohn fasst die tiefe Skepsis gegenüber der Aussagekraft des Stern Reports zusammen:
“Unfortunately, my job today is to take the role of Toto in the Wizard of Oz. Just how powerful is this wizard and what is his command of the truth? Is the Stern Review a complete revision of the economics of climate change or is it merely smoke and mirrors? Is the Review substantive and authoritative or is it mostly hand waving? As my role indicates, I think the Report largely is the latter”
Der von Stern angegebene Verlust von fünf bis zwanzig Prozent des weltweiten BIP muss als ein Worst-Case-Szenario angesehen werden. Viele Teilnehmer des Symposiums bewerteten Sterns Ansatz entsprechend als unangemessen oder zumindest als fragwürdig (ein Diskontierungssatz zwischen 1,5 und drei Prozent würde als realistischer angesehen). Bei dieser Grundsatzdiskussion ist es wichtig zu verstehen, dass es keinen objektiv „richtigen“ Diskontierungssatz gibt. Individuen haben unterschiedliche Zeitpräferenzen und bevorzugen somit unterschiedlich hohe Diskontierungssätze. Die Wahl des Diskontierungssatzes ist darum eine ethische Frage, keine ökonomische. An dieser Stelle ist Stern kein Vorwurf zu machen. Das gesamte zweite Kapitel erläutert detailliert die dem Report zugrundeliegenden ethischen Prämissen. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist es folglich wichtig darauf hinzuweisen, dass diese maßgeblich von den Prämissen abhängen. Wer die ethischen Prämissen des Reports nicht teilt wird auch die Ergebnisse nicht akzeptieren. Während Stern auf diesen Zusammenhang nachdrücklich hinweist, übergeht die Bundeskanzlerin diesen entscheidenden Punkt.
Welchen Wert messen wir der Zukunft bei? Diese Frage müssen wir uns stellen. Es sollte auch beachtet werden, dass es beachtliche kulturelle Unterschiede in Bezug auf Zeitpräferenzen gibt. Wang, Rieger und Hens haben in einer entsprechenden Studie festgestellt, dass Kulturen mit einer relativ hohen Gegenwartspräferenz (Afrika, Osteuropa und Latein Amerika) in Fragen des Umweltschutzes generell höhere Diskontierungssätze bevorzugen. Die entsprechenden Länder bewerten die zu erwartenden wirtschaftlichen Konsequenzen folglich bei Weitem nicht so drastisch wie vom Stern-Report prognostiziert. Neben wirtschaftlichen Gründen, müssen also auch kulturelle Faktoren berücksichtigt werden um zu verstehen warum einige Länder sich nicht an die ambitionierten Europäischen Klimaziele binden wollen. Die unterschiedlichen Bewertungen der zu erwartenden Schäden werden es in den Verhandlungen auf künftigen Klimagipfeln erschweren, sich auf gemeinsame Programme (Kosten) zu verständigen. Bei der Suche nach Lösungen und Kompromissen kann es nur hilfreich sein, die unterschiedlichen Positionen der Verhandlungspartner besser zu verstehen. Ohne ein hohes Maß an Flexibilität, welches sowohl den unterschiedlichen Lebensstandards als auch den unterschiedlichen Zeitpräferenzen Rechnung trägt, wird sich kein Konsens erzielen lassen.
Der Status quo der Grundsatzdiskussion wurde von Nordhaus im Jahr 2007 wie folgt beschrieben:
„The Review’s unambiguous conclusions about the need for extreme immediate action will not survive the substitution of assumptions that are consistent with today’s market place real interest rates and savings rates. So the central questions about global-warming policy – how much, how fast, and how costly – remain open”.
Diese Bestandsaufnahme ist noch immer zutreffend. Das Yale Symposium hat eine Reihe von ernsthaften Schwachstellen im Stern-Report aufgezeigt. Am wichtigsten ist es zu erkennen, dass die Ergebnisse des Reports maßgeblich von einer eigenwilligen ethischen Prämisse bestimmt werden. Durch den niedrigen Diskontierungssatz beschreibt der Report ein Worst-Case-Szenario. Dieses wird in globalen Verhandlungen einen Konsens eher verhindern als fördern, da viele Länder die ethischen Prämissen nicht teilen. Sie werden den aus Ihrer Sicht zu ambitionierten Zielen und den damit verbundenen hohen Kosten nicht zustimmen. Als Leitlinie für die zukünftige Klimapolitik ist der Stern-Report daher aus meiner Sicht nicht zu gebrauchen. Um die von Nordhaus angesprochenen offenen Fragen zu beantworten ist eine Vertiefung der Grundsatzdiskussion notwendig. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Bundeskanzlerin dieser Diskussion nicht verschließt.
