Dass die Ziele der Energiewende erreicht werden, ist unwahrscheinlich. Eine Studie des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) empfiehlt deshalb der Bundesregierung ihre Ziele zu ändern und die steigenden Kosten transparent zu machen.
Im Herbst 2010 beschloss die Bundesregierung eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke. Sechs Monate und eine Natur- und Atomkraftkatastrophe später machte das schwarz-gelbe Bündnis eine Rolle rückwärts. Begleitet von großer Zustimmung in der Bevölkerung läutete Angela Merkel die Energiewende ein.
Die Ziele sind ambitioniert. Und der Fahrplan der Bundesregierung ist es auch. In zehn Jahren soll der Ausstieg aus der Atomenergie geschafft sein. Eine Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) untersucht die Konsequenzen dieser Entscheidung rund um die Energiewende.
Um 10 Prozent (25 Prozent) will die Bundesregierung den Stromverbrauch bis 2020 (2050) reduzieren. Bislang spricht wenig dafür, dass das gelingt. Der Stromverbrauch der Industrie und der Haushalte steigt seit Jahren, lediglich im Krisenjahr 2008 gab es einen Einbruch. Was steigen muss, ist die Energieproduktivität. Und das um rund 3 Prozent pro Jahr – dann sind die Ziele erreichbar. Das entspricht einer Verzehnfachung der Steigerungsrate der letzten zehn Jahre.
Die Zielerreichung ist unwahrscheinlich. Ein Beispiel dafür ist der Rebound-Effekt in privaten Haushalten. Ein Rebound ist ein Abpraller beim Basketball. Fängt ein Spieler den Abpraller, kann er ihn im zweiten Versuch im Korb unterbringen. Genauso funktioniert der Rebound-Effekt. Wenn die Haushaltsgeräte effizienter werden, spart man Energie. Die wird aber meist sofort wieder verwendet. In der Regel für mehr und größere Haushaltsgeräte – insbesondere Informations- und Telekommunikationsgeräte. In der Industrie verhindert das Produktionswachstum eine signifikante Einsparung des Strombedarfs.
Ein probates Mittel, um mehr Effizienz zu erreichen sind Preiserhöhungen. Das belastet aber nicht nur die Haushalte stark, sondern auch die Industrie. Besonders die energieintensiven Branchen leiden darunter. Gerade diese Unternehmen schaffen aber eine hohe Wertschöpfung und Beschäftigung. Steigende Preise könnten zur Produktionsverlagerung ins Ausland führen.
Neben der Nachfrage ist auch das Stromangebot ein Problem. Wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, muss für Ersatz gesorgt werden. Insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg ist ihr Anteil am Strommix hoch – 50 Prozent. Bislang ist der entsprechende Ausbau der erneuerbaren Energien noch nicht ausreichend – und der Trend ebenfalls nicht. Bei 17 Prozent lag der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung 2010. Bis 2020 soll sich der Anteil nach dem Willen der Bundesregierung mehr als verdoppelt haben auf 35 Prozent. Das größte Potential liegt dabei in der Offshore-Windenergie. Hier sind erst 200 der bis 2030 geplanten 25.000 Megawatt realisiert. Das ist weniger als ein Prozent. Die Probleme sind realwirtschaftlicher Natur – in der Technik, Logistik oder unzureichenden Netzanschlüssen und behindern die Investitionen.
Stand heute wird also eine Stromlücke überbrückt werden müssen. Die Experten vom HWWI schätzen, dass Deutschland 10 Prozent seines Strombedarfs aus dem Ausland beziehen wird. Deutschland wird vom Stromexporteur zum Stromimporteur. Das schließt die Möglichkeit ein, dass der Strom aus ausländischen Kohle- oder Kernkraftwerken stammt. Also genau die Energiearten, die Deutschland verabschieden will.
Ähnlich ist die Lage beim Netzausbau. Auch hier stimmen Soll und Haben nicht überein. Die aktuelle Netzstudie der Deutschen Energie-Agentur geht von einem zusätzlichen Bedarf von 3600 Kilometern neuer Übertragungsnetze bis 2020 aus. Gebaut sind bisher 90 Kilometer. Für die Nutzung der erneuerbaren Energien sind die Übertragungstrassen aber unersetzlich. Denn Ballungszentren liegen oftmals weit entfernt von wind- und sonnenstarken Standorten. Um die Nutzungsbedingungen weiter zu verbessern, sind auch Energiespeicher notwendig. Denn Solar- oder Windenergie unterliegen naturgemäß starken Schwankungen. Die Speicherkapazitäten liegen aber noch im vernachlässigbaren Bereich. Während die Stromerzeugung der Erneuerbaren Energien bei etwa 117 TWh (Terawattstunden) liegt, sind die Speicherkapazitäten bei 0,04 TWh.
Aufgrund der hohen Kosten der Speicherung – bisher sind lediglich Pumpspeicherkraftwerke rentabel – sind hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig, um die Technologien effizienter zu machen. Eine Empfehlung der Studie ist es, die Förderung der erneuerbaren Energien zu reduzieren und stattdessen die Speichertechnologien zu fördern.
Das HWWI beziffert die Kosten der Energiewende auf insgesamt 335 Milliarden Euro. Die Summe setzt sich zusammen aus 85 Milliarden Euro Investitionskosten für den Ausbau von Speichern und Leitungen und dem Barwert der Netto-EEG-Kosten (bis 2030) in Höhe von 250 Milliarden Euro.
Bei diesen Summen gibt es natürlich Gewinner und Verlierer. Neben den Anlagenbauern profitieren Bauunternehmen und das Handwerk von der Energiewende. Auch kleine Energieversorger genießen die Vorteile der Energiewende aufgrund der Förderung der Erneuerbaren Energien. Genau das wiederum gereicht den größeren Kraftwerksbetreibern zum Nachteil. Ebenso verlieren wird die energieintensive Industrie. Die allerdings ist von großer wirtschaftlicher Bedeutung aufgrund hoher Beschäftigungszahlen. Bereits jetzt sind viele stromintensive Unternehmen von der EEG-Umlage befreit. Das führt auf der anderen Seite zu einer Mehrbelastung anderer Branchen und der privaten Haushalte durch steigende Strompreise.
Angesichts der Diskrepanz von Zielen und Realitäten der Energiewende empfiehlt das HWWI der Bundesregierung, ihre Ziele zu überarbeiten. Parallel sollten die Kosten – die zu höheren Strompreisen führen werden – transparent gemacht und kommuniziert werden.
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