7 Politik

ESM: Gekommen um zu bleiben

Organisationen, die Probleme lösen sollen, neigen selten dazu, diese auch tatsächlich zu lösen. Es würde sie überflüssig machen. Deshalb ist der ESM schlimmer als Eurobonds. 


Kürzlich diskutierten einige INSM-BloggerInnen über Eurobonds und ESM. Im Raum stand die Frage, welches von beiden das größere Übel wäre (von einem kleineren Übel zu sprechen, klingt in diesem Zusammenhang unangemessen).

Für mich persönlich spielt bei der Beantwortung solcher Fragen neben den konkreten Umständen des Einzelfalls vor allem folgende Beobachtung eine Rolle: Institutionen zeigen, wenn sie erst einmal existieren, wenig Neigung, auf ihre eigene Überwindung hinzuarbeiten. Eine Organisation, die ein bestimmtes Problem lösen soll, wird nur selten etwas tun, was das Problem ernsthaft gefährden könnte. Stattdessen ist es wahrscheinlich, dass sie noch viel mehr Probleme und Gefahren entdeckt und neue Aufgaben und Kompetenzen und vor allem: neue Mittel bekommt.

Das ist kein böser Wille, sondern reiner Selbsterhaltungstrieb. Allerdings sollte man das nicht laut sagen und die Kommunikation den Fachleuten von der PR-Abteilung überlassen. Die dort herauskommenden Selbstbeweihräucherungen und Rechtfertigungen der eigenen Existenz, die solche Einrichtungen dann in die Welt posaunen, könnten komisch sein – wenn nicht in ihrem Namen unser aller Freiheit so stark beschnitten würde und wir dieses Trauerspiel und Affentheater obendrein finanzieren müssten.

Leider verfangen entsprechende Parolen viel zu oft. Und wenn die Institutionen erst eingerichtet, ihre Regeln in Kraft getreten sind, dann steht ihnen auch ein ganz anderes Verhaltensmuster zur Verfügung. Es folgt dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Etwas Ähnliches befürchte ich auch für den ESM. Dass dessen Befugnisse weitreichend, die Beschränkungen aber nur schwammig formuliert sind (wie Thorsten Polleit hier anschaulich erklärt), trägt nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Sicher, auch eine etablierte Praxis, die Schulden anderer Staaten zu bezahlen, wäre eine Form von Institution. Eine solche Praxis zu beenden wäre aber bedeutend einfacher, als einen einmal existierenden ESM wieder abzuschaffen.

Die Wahl zwischen ESM und Eurobonds ist also weniger eine Wahl zwischen Pest und Cholera als eine Wahl zwischen einer Krankheit, für die derzeit kein Heilmittel existiert und einer Infektion, die man durch die Gabe von Antibiotika bekämpfen kann. Um im Bild zu bleiben: der ESM verhält sich zu Eurobonds eher wie AIDS in Afrika zu einer Choleraepidemie in Europa.

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  • http://twitter.com/woksoll Wolfgang Ksoll

    Der Wirkunsgmechanismus von Eurobonds ist folgender: Alle zahlen den gleichen Zins: Deutschland statt 0% dann 5%, Griechenland statt 15% dann auch 5%. Man hofft (ohne jeden empirischen Beleg), dass es mit der griechischen Verschuldung dann besser wird. Es ist ja zu begrüßen, dass die falsche Einschätzung der kreditwürdigkeit nicht alleine von den Griechen getragen wird, da ja auch Kreditgeber und Ratingagenturen völlig falsch Griechenland eingeschätzt haben.

    Aber was passiert mit Deutschland? Die Deutschen zahlen aus Mehrwertsteuer und Einkommenssteuer dann 5% Zinsen mehr. Bei der Nettoneuverschuldung von 30 Mrd € des Schuldenkönigs Schäuble sind das dann 1,5 Mrd €. Kommt das Geld den Griechen zu gute? Nein. Es bekommt die Kreditgeber: inländische Käufer von Bundesschätzchen oder gar die kalifornische Calpers, die dringend 6% und mehr Rendite für ihre Kapitanlagen für die Altersversorgung kalifornischer Beamten brauchen. Mehrwertsteuer von deutschen Hartz4-Empfänger zu Finanzierung der Renten kalifornischer Lehrer über Eurobonds? Und Griechenland sieht keinen Pfennig von dem Geld?

    Diese Umverteilung von unten nach oben im Inland und von D nach USA mit Eurobonds wird es nicht geben. Da sind gezilete Hilfen für Staaten undBakne treffgenauer als diese neoliberale Umverteilung durch Eurobonds.

    • julius_wvk

       Herr Ksoll, was bitte schön ist an dieser Umverteilung Neoliberal? Nichts. Es ist schlicht Umverteilung.

    • oscarchen.

      Wenn wir “neoliberal” einmal nicht als linken Kampfbegriff sondern in wissenschaftlich zutreffender Weise verwenden (siehe auch Wikipedia), dann ist leicht zu erkennen, dass der Vorhalt “neoliberaler Umverteilung” falsch ist.

      Die Verschuldung der Staaten hat viele Ursachen. Da wäre der Wettlauf von nicht nachhaltig finanzierten Leistungsversprechen in Wahlkämpfen, Keynes’sches Deficit Spending, leider ohne Rückführung in guten Zeiten. Der Vorhalt des Neoliberalen wirkt in diesem Punkt besonders lächerlich, basiert diese Politik doch auf den Theorien der Gegenspieler der (neo)liberalen Vordenker insbes.der österreichischen Schule.

      Ursache ist auch mangelnde Refomfähigkeit staatlicher Institutionen (insbes. in Griechenland) und leider auch das (Fehl-) Konstrukt des Euro selbst. Eine gemeinsame Geldpolitik für völlig unterschiedliche Volkswirtschaften.

      Als Deutschland vor 10 Jahren der “kranke Mann” Eurapas war, wurden wir mit Niedrigzinsen gepäppelt. Das hat den Immobilienboom in Spanien erst richtig befeuert, dessen Zusammenbruch das Land und seine Banken jetzt abwürgt.

  • http://www.facebook.com/people/Clemens-Gutsche/1538266266 Clemens Gutsche

    Pacta sunt servanda 

    Insbesondere zu denken gibt mir, daß es sich vorliegend im Euroraum um eine Krise handelt, aus der im „Krisengebiet“ etliche ihren persönlichen Nutzen ziehen, insoweit also auch Interessen an (dem Fortlauf) der Krise bestehen. Um so mehr gilt – gemäß den vollmundigen Vertragseinhaltungsforderungen der dt. Bundesregierung z.B. Griechenland gegenüber – , daß bestehende elementare vertragliche Regelungen ALLERSEITS eingehalten werden. Wie – bitteschön – ist der ESM (in der mir bekannten Form) mit Art. 125 AEUV (“No-Bail Out”-Klausel) zu vereinbaren. Käme Art. 125 AEUV wirklich zur Anwendung, wäre es gar nicht “so weit gekommen” bzw. würde sich der ESM von selbst erledigen . . .

  • http://www.saperionblog.com/author/mab Dr. Martin Bartonitz

    So lange wir  den räuberischen Zins (leistungslose Bereicherung an der Arbeit anderer) wetIer erlauben 

  • http://www.facebook.com/people/Clemens-Gutsche/1538266266 Clemens Gutsche

    Das Schema der EU bzw. des ESM . . .

    . . . getreu den Worten des “EU-Granden” Jean-Claude Juncker:

    “Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige
    Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und
    keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da
    beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis
    es kein Zurück mehr gibt”; DER SPIEGEL 52/1999, S. 136.

    Und wenn nun jemand – wie u.a. der Ökonom Hans-Werner Sinn – kritisch
    die Stimme erhebt, ist das nach Auffassung von Schäuble & Co.
    falsch und unerhört, denn von einer „Vergemeinschaftung“ der
    Verluste im Euroraum stünde – so die promt folgende Rüge des Sprechers des
    Finanzministeriums – nichts in den Brüsseler Beschlüssen.

    Ach nee, wenn das so ist, dann haftet die BRD – sprich der Steuerzahler – also lediglich für andere verschuldete EU-Länder und für deren bankrotte Banken . . .

  • Pingback: Kleine Presseschau vom 9. Juli 2012 | Die Börsenblogger

Autor

Dagmar Schulze Heuling

ist Politikwissenschaftlerin. Sie forscht und lehrt an der Freien Universität Berlin.

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