Gesellschaften, in denen Vertrauen und Akzeptanz über die familiären Bande hinaus reichen, sind wirtschaftlich erfolgreicher. Wie eine Studie jetzt belegt, kann der Ursprung dieses so genannten “sozialen Kapitals” Jahrhunderte zurückliegen, deren Auswirkungen aber noch heute messbar sein.
Führen ausschließlich Sparquote und Kapitalakkumulation zu Wachstum und Wohlstand? Oder spielen auch Geographie, Geschichte und Institutionen eines Landes eine Rolle? Und wenn ja, warum und wie? Die Frage nach den Bestimmungsfaktoren des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist eine zentrale Frage der Volkswirtschaftslehre (VWL), die nicht nur wichtig für unser Verständnis vom Auf- und Abstieg von Nationen in der Vergangenheit ist, sondern auch für die Gestaltung heutiger Reformen.
Ein Forschungszweig der VWL untersucht den Einfluss kultureller Unterschiede auf den Erfolg einer Volkswirtschaft. Luigi Guiso, Paola Sapienza und Luigi Zingales definieren Kultur als diejenigen Vorstellungen und Werte ethnischer, religiöser und sozialer Gruppen, die weitgehend unverändert von Generation zu Generation weitergegeben werden. In einer Studie überprüfen sie Robert Putnam’s These aus „Making Democracy Work“, wonach die Unabhängigkeitserfahrung norditalienischer Städte im 12. bis 14. Jahrhundert zur Entwicklung „sozialen Kapitals“ geführt hat und somit Voraussetzungen für Wachstum geschaffen hat.
Schwächer ausgeprägtes soziales Kapital im Süden erklärt Putnam damit, dass es dort aufgrund der Fremdherrschaft durch normannische Könige keine unabhängigen Städte gegeben hat. Soziales Kapital umfasst politische und gesellschaftliche Teilhabe, generelles gegenseitiges Vertrauen und Akzeptanz der allgemeinen Spielregeln sowie Kooperation zwischen Bürgen auf verschiedenen Ebenen.
Eine Vorstellung davon, wie Gesellschaften mit schwach ausgeprägtem sozialen Kapital aussehen, liefern Schilderungen Edward C. Banfield’s aus seinem Buch „The Moral Basis of a Backward Society“. Banfield war ein amerikanischer Politikwissenschaftler, der 1955 einige Zeit in einem süditalienischem Dorf verbracht hat und dort das Vorherrschen eines „Amoralischen Familismus“ festgestellt hat, nach dem ein jeder Bürger nur mit Mitgliedern seines engsten Familienkreises kooperiert, die Zusammenarbeit mit anderen verweigert und erwartet, dass sich jeder nach dieser „Regel“ verhält.
Um herauszufinden, ob die bis zu 800 Jahre zurückliegenden Unabhängigkeitserfahrungen tatsächlich den Unterschied zwischen „amoralischen Familismus“ und stark ausgeprägtem sozialen Kapital heutzutage machen, überprüfen Guiso, Sapienza und Zingales Putnam’s Nord-Süd-These empirisch. Als Indikatoren für ausgeprägtes „soziales Kapital“ verwenden sie dabei eine hohe Anzahl von Non-Profit Organisationen, hohe Wahlbeteiligungen und die Existenz einer Organspende-Organisation in einer Stadt heutzutage.
Weil Norden und Süden sich jedoch noch in vielen anderen Belangen unterscheiden und die Autoren eine Verfälschung der Ergebnisse durch diese Faktoren vermeiden möchten, vergleichen sie nur Städte innerhalb des Nordens bezüglich ihrer Unabhängigkeitserfahrung im 12. bis 14. Jahrhundert und finden, dass alle Indikatoren in Städten mit Unabhängigkeitserfahrung stärker ausgeprägt sind.
Mit ihrer Studie liefern Guiso, Sapienza und Zingales eine Antwort auf die Frage, warum und wie Geschichte heute eine eine Rolle spielt. Dass nämlich der unterschiedliche Gang der Geschichte in Nord- und Süditalien zu unterschiedlichen Institutionen geführt hat, wodurch die Kultur des Zusammenlebens beeinflusst wurde. So kehrten die Bürger von unabhängigen Städten nicht mehr zu ihren vorherigen Kooperationsregeln – „kooperiere nur mit deinen engsten Verwandten“ – zurück, da sie erkannt hatten, dass Kooperation mit anderen Bürgern eine Verbesserung darstellte. Diese Einsicht wurde von Generation zu Generation weitergegeben und beeinflusst noch heute das Verhalten der Bürger und die Wirkungsweise von Institutionen. Nach Rechnungen der Autoren erklären diese kulturellen Unterschiede zwischen Norden und Süden 50 Prozent des wirtschaftlichen Nord-Süd-Gefälles.
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