5 Politik

Währung ohne Staat: Warum der Somalische Schilling verlässlich ist

Somalia ist politisch wie wirtschaftlich ein Drama. Eine Sache funktioniert aber prima: die heimische Währung. Der Somalische Schilling ist eine verlässliche Währung. Der Grund ist verständlich und kurios zugleich: Die Politik nimmt keinen Einfluss auf die Währung, es gibt nämlich seit 20 Jahren keine Notenbank mehr. 


Die Zentralbank, die die sich aktuell im Umlauf befindenden somalischen Schilling-Noten gedruckt hat, wurde 1992 geschlossen. 2012 markiert somit den Abschluss des zweiten Jahrzehnts, in dem diese Währung als Hauptzahlungsmittel benutzt wird, ohne dass es weder Zentralbank, noch einen funktionierende Staat gibt, welche die Währung decken.

Der Somalische Schilling stellt damit einen bemerkenswerten Bruch mit der traditionellen Währungstheorie dar. Dieser zufolge ist Papiergeld ein Ausdruck des Vertrauens in den Staat, der es druckt. Wenn Zweifel über die Bonität eines Staates entstehen, werden die Besitzer dieses Geldes versuchen, es so schnell wie möglich in eine andere Währung oder andere Vermögensgegenständen wie Gold umzutauschen.

Der somalische Schilling hat aber dieser Theorie entgegen in mehr als 20 Jahren seinen Status als ein durchaus verlässliches Zahlungsmittel gehalten. Laut eines Word Bank Reports macht die Währung 80 Prozent der im Land benutzten Währungen aus.

Der Ökonom Professor Peter Little hat in seinem Buch „Somalia: Economy without a state“ mögliche Ursachen für das Bestehen der Währung untersucht. Eine Erklärung ist, dass es in den letzten 20 Jahren keine Zentralbank gegeben hat, die das Geldangebot hätte erhöhen können. Dadurch hat die Menge der sich im Umlauf befindenden Schilling nicht wachsen können und eine Wertreduktion des Schillings ist somit verhindert worden. Little schreibt, dass der Somalische Schilling nach dem Fall der Zentralbank sogar stabiler gewesen ist als in den Jahrzehnten davor. Trotzdem ist Somalia aber von hoher Inflation geplagt. Laut Little ist diese aber vor allem auf steigende Lebensmittelknappheit, die infolge einer längeren Trockenperiode entstanden ist, sowie eine Zuspitzung nationaler Konflikte zurückzuführen.

Außerdem: Parallel zu den ursprünglichen somalischen Schillingen, die vor der Schließung der Zentralbank gedruckt wurden, sind auch gefälschte Somali-Schillingen im Umlauf. Allerdings ist es aufgrund des Alters der ursprünglichen Schillinge schwierig, den Somali-Schilling glaubwürdig zu fälschen, denn die echten Schillingnoten haben bestimmte Alterszeichen, die kaum zu imitieren sind. Von gefälschten Banknoten werden nur diejenigen akzeptiert, die alt aussehen, so Little.

Rivalisierende lokale Warlords haben in den letzten Dekaden parallel zu den somalische Schillingen zeitweise ihre eigene Währung ausgegeben. Die Macht solcher Warlords ist aber flüchtig und deshalb bestehen solche lokale Währungen.

Ein zweiter Grund für das fortdauernde Bestehen der Schillinge von vor 1992 ist, dass eine funktionierende Währung für die täglichen Transaktionen essenziell ist. Große Transaktionen werden in Somalia normalerweise in Dollar erledigt. Für die alltäglichen Einkäufe ist aber ausländische Währung viel zu wertvoll. Außerdem ist der Nennwert beispielsweise US-amerikanischer Dollar in der Somalischen Volkswirtschaft viel zu hoch, um im täglichem Leben praktisch zu sein. Um die alltäglichen Transaktionen zu erledigen hat der somalische Schilling deswegen einen hohen praktischen Wert.

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  • http://www.facebook.com/michael.winkler.77398 Michael Winkler

    Mag ja sein, dass der Somalische Schilling verlässlich ist, weil der Staat Somalia verlassen hat, doch wie interpretieren Sie denn diese Zeilen aus Wikipedia (Somalia -> Staatshaushalt), Frau Syverud …
    “Weil der Staat Somalia faktisch nicht existent ist, gibt es derzeit auch keinen Haushalt für den Gesamtstaat. Die Staatsverschuldung betrug 1993 1,9 Mrd. US-Dollar oder 189 % des BIP.”
    … und …
    “Ein Großteil der somalischen Bevölkerung ist auf Geldüberweisungen von
    Verwandten im Ausland angewiesen, sodass im Dienstleistungssektor
    Geldüberweisungsinstitute – die meist nach dem informellen Hawala-System funktionieren – mit stetiger Nachfrage rechnen können.”

    … ???
    Bestenfalls könnte man Somalia ansatzweise als etwas kuriosen Regionalwährungsversuch ansehen … doch eine verlässliche Währung allein macht Mensch auch nicht glücklich.

  • Ahoffmann

    Lawrence White hat einen Vortrag zu dem Thema an der Uni Leipzig gegeben.

    Positively Valued Fiat Money after the Sovereign Disappears: The Case of Somalia

    • http://www.facebook.com/michael.winkler.77398 Michael Winkler

      Und?

      Sollte das eine Aufforderung zur Google-Nutzung sein, um White’s und Luther’s Paper zu finden, oder was? ;)

      Mal ehrlich … es ist ja interessant, dass eine Währung auch ohne Staat weiterlebt bzw. weiterleben kann. Keine Frage.
      Doch was sollte das für Europa bedeuten? … sollen Deutsche jetzt bzw. nach einem eventuellen Kollaps des Euro wieder ihre (immer noch bestehenden) Restbestände an D-Mark rausholen und’s damit mal im Supermarkt versuchen?

      Mir fehlt hier irgendwo eine Einordnung in die geschichtliche und politische Entwicklung. Ich lese die Somalia-Sache eher so: Auf den Staat braucht man in Kurz- oder Lang-Krisezeiten nicht hoffen. Aus Mangel an Alternativen helfen sich die Leute selbst, wenn sie Währungen brauchen. Und was liegt näher als die Währung zu nutzen, die man Jahre lang schon genutzt hatte?

      • Michael Crass

        Ich glaube, dass die Lehre aus dem Artikel die ist, dass eine Währung zu aller erst vom Vertrauen der Menschen abhängt. Wenn man sich darauf besinnt, müsste man sich mehr auf die Bürger der Eurozone konzentrieren und da die Akzeptanz stärken.

        • http://www.facebook.com/michael.winkler.77398 Michael Winkler

          Hmm, dass eine Währung vom Vertrauen der Menschen abhängt, ist zwar richtig, doch nicht unbedingt ein Spezifikum für den Fall Somalia ;)
          Dafür braucht man nich unbedingt eine Studie, sondern da wäre vielleicht eine allgemeine philosophische Erörterung (wieder mal ?) ganz hilfreich.

          Anyway, für mich war der Artikel insofern interessant, dass ich über den Begriff “Hawala-System” gestolpert bin.

Autor

Sigrun Syverud

kommt aus Norwegen, studierte VWL an der Humboldt Universität in Berlin und macht gerade ihren Master in Bergen. Spezialgebiete: Wachstum in Entwicklungsländern sowie internationale Handels- und Wirtschaftskooperationen.

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