Was ist heute links, was rechts? Definitionen werden immer schwieriger. Das spüren auch die Parteien: Studien zeigen, dass zunehmend keine Unterschiede mehr zwischen den großen Parteien und ihren Programmen wahrgenommen werden. Das Grundproblem haben nicht nur Parteien. Um als politischer oder wirtschaftlicher Anbieter erfolgreich zu sein, reicht es nicht mehr, sich auf eine große, homogene Masse zu konzentrieren, weil es die Masse als einheitlichen Resonanzkörper nicht mehr gibt.
Es sind schwere Zeiten für politische Blockwarte. Jahrzehntelang sicher geglaubte Grundfeste rinnen ihnen binnen Monaten durch die Finger: Die CDU tritt für eine Lohnuntergrenze ein, schafft die Wehrpflicht ab und beendet das Atomzeitalter im Schnellverfahren. Die SPD kämpft nach wie vor mit dem Erbe ihrer Agenda 2010 und sieht sich als neuen Hüter der Sozialen Marktwirtschaft. Die FDP unterstützt eine Börsenumsatzsteuer, die Grünen sind plötzlich die Partei der Besserverdienenden. Selbst die stets eisern konservative FAZ beginnt in Person ihres Mitherausgebers Frank Schirrmacher zu glauben, dass die Linke recht hat. Wie würden Sie einem Heranwachsenden heute den gesellschaftlichen Unterschied zwischen rechts und links erklären?
Studien zeigen, dass zunehmend keine Unterschiede mehr zwischen den großen Parteien und ihren Programmen wahrgenommen werden. Passend dazu erklärte Norbert Röttgen im abgelaufenen NRW-Wahlkampf „das Lagerdenken alten Stils bei Koalitionen sei vorbei“. Was zähle, sei nicht mehr das Bündnis, sondern die Schnittmenge der Inhalte. Die Erosion des klassischen Lagerdenkens ist Sinnbild für eine Gegenwart, in der klassische Schablonen nicht mehr geeignet sind, um die in immer kürzeren Abständen auftretenden politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern. Die Finanzkrise, eine zunehmend alternde und individualisierte Gesellschaft, aber auch vermeintlich erfolgreichere Gegenmodelle wie der chinesische Staatskapitalismus verunsichern. Sie verlangen Orientierung, die den alten links-rechts Gegensatz zwischen sozialer Gerechtigkeit und individueller Entfaltungsmöglichkeit zum Gleichklang vereint.
Um als politischer oder wirtschaftlicher Anbieter erfolgreich zu sein, reicht es nicht mehr, sich auf eine große, homogene Masse zu konzentrieren, weil es die Masse als einheitlichen Resonanzkörper nicht mehr gibt. Ein Psychiater würde von einer Gesellschaft mit multiplen Persönlichkeiten reden. Denn Kauf- und Wahlentscheidungen werden immer mehr situativ und kurzfristig getroffen. Insbesondere junge Leute suchen heute abseits klassischer Parteien- und Kundenmuster flexible, kontextabhängige und auf punktuellen Anlässen beruhende Angebote, die weniger grundsätzlich denn ergebnisorientiert sind. Die Piraten und Zalando lassen grüßen. Die Volksparteien, der Einzelhandel, die Printmedien und die Musikindustrie dagegen schauen in die Röhre. Alte Rezepte, wie man Verkaufszahlen nach oben treibt, funktionieren ebenso immer weniger, wie traditionelle Konzepte zur Gewinnung der Wählergunst. Alle Anbieter, ob in Wirtschaft oder Politik, müssen ihre Strategien zunehmend kurzfristiger gestalten und sich intensiver auf einzelne gesellschaftliche Strömungen einlassen, ohne dabei ihren Markenkern und damit ihre Glaubwürdigkeit aufzugeben. Das heißt vor allem: mehr Partizipationsangebote und sozial korrektes Verhalten. Bei der Gestaltung von Politikinhalten ebenso wie beim Design sowie der Produktion neuer Schuhe und Möbel.
Was bleibt bei all dem Einreißen alter Lagergrenzen an verlässlichen Grundsätzen? Um es kurz zu sagen: Die Logik der gefühlten Vernunft. Politische Angebote für die neue deutsche „Befindlichkeitsgesellschaft“ müssen ebenso wie Produkte im Regal mehr denn je durch ihren unmittelbaren, situativen Nutzen bestechen, ohne dabei einen gefühlten moralischen Rahmen zu verlassen. In der Politik zeugen Atomausstieg und die geplante Lohnuntergrenze davon, dass auf Dauer nicht gegen große Teile der öffentlichen Meinung regiert werden kann – und sei es noch so kostspielig. In der Wirtschaft lässt sich der Gegensatz zwischen Erfolg als sozialem Unternehmen und Scheitern als verzichtbarer Sünder auf den aktuellen Befund bringen: dm olé, Schlecker adé.
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