2 Ökonomik

Euro, Drachme und Retour?

Die politische Instabilität in Griechenland vor der Neuwahl des Parlaments und das neuerliche Aufflammen der Bankenkrise in Spanien haben die europäische Krise zu einem neuen Höhepunkt geführt. Der Austritt Griechenlands aus der Eurozone wird auch in politischen Kreisen mehr oder weniger offen diskutiert. Unternehmen und Banken bereiten sich auf den so genannten „Grexit“ vor.  Der Post unseres neuen INSM-Bloggers Holger Zemanek analysiert das Akzeptanzproblem einer neuen schwachen Währung in Griechenland und deren Folgen. Sein überraschende Ergebnis: Griechenland könnte nach einem Euro-Austritt am Ende doch wieder den Euro einführen müssen.


Der Austritt Griechenlands aus dem Euro stellt für Griechenland eine Währungsreform dar. Die bisherige Währung Euro wird von einer neuen nationalen Währung, hier sei sie Drachme genannt, ersetzt. Allerdings wird die Drachme nach der Einführung sofort abwerten (was zur Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit durchaus gewollt ist). Durch die Abwertung wäre der Staat Griechenland sofort zahlungsunfähig (nun endgültig), da nach der Abwertung der Drachme der Wert der in Euro denominierten Staatsschulden explodieren würde, bei zukünftigen Staatseinnahmen in Drachmen. Die Abwertung würde außerdem über verteuerte Importe (zum Beispiel Öl, Gas) tendenziell zu Inflation führen und die griechische Zentralbank hat nicht gerade den Ruf Inflation einzudämmen. Die neue Drachme wäre somit per Definition eine schwache Währung gegenüber dem Euro.

Das bedeutet, dass die Griechen ihre Ersparnisse von der relativ starken Währung Euro in die schwache Drachme umtauschen müssten. Man kann hinterfragen, welcher Grieche freiwillig diese neue Währung eines bankrotten Staates akzeptieren und Vertrauen in diese haben würde, was beides Voraussetzungen für den Erfolg einer Währung sind. Die neue Drachme wird sicherlich nicht viele Anhänger finden. In der Vergangenheit wurde mit Währungsreformen in der Regel immer eine schwache Währung durch eine neue, potenziell stärkere Währung ersetzt, oft nach Hyperinflationen. Die neue Währung sollte die Inflation eindämmen und die makroökonomische Stabilisierung erleichtern. Beides kann man im Fall Griechenland anzweifeln.

Auch eine Studie des IFO-Instituts von Volker Nitsch aus dem Jahre 2004 zeigt, dass ein Auseinanderbrechen von historischen Währungsunionen oft durch vorangehende, massive Inflationsunterschiede zwischen den beteiligten Ländern erklärt werden kann. Der Austritt eines Landes mit hohen Inflationsraten aus der Währungsunion würde somit eine Verbesserung für dieses Land darstellen, die den Verlust der Vorteile einer Währungsunion kompensieren würde. Zwar gab es innerhalb der Eurozone auch Unterschiede zwischen den nationalen Inflationsraten; Griechenland hatte zwischen 1999 und 2008 mit durchschnittlich 3,3 Prozent eine höhere Inflationsrate als Deutschland mit 1,7 Prozent. Ob dies schon den Euro-Austritt begründen mag, ist unklar.

Übrigens: Interessanterweise zeigt obige Studie auch, dass Wachstumsunterschiede, wie sie heute in der Währungsunion zu beobachten sind, tendenziell eher nicht Ursache für das Auseinanderbrechen von Währungsunionen war.

Weil die neue Drachme eine Verschlechterung für griechische Bürger und Unternehmen darstellt, ist es nicht verwunderlich, dass bereits jetzt eine umfangreiche Kapitalflucht aus Griechenland eingesetzt hat. So sind die Einlagen von Nichtbanken (privaten Anlegern und Unternehmen) bei griechischen Finanzinstituten von ihrem Höchststand im Juni 2010 bis heute bereits um 25 Prozent gefallen. Dies sind etwa 75 Milliarden Euro, was etwa ein Drittel des griechischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in 2011 entspricht. Dazu kommt noch der Abfluss von Einlagen im Interbankenmarkt. So können sich griechische Banken bereits heute kaum noch über den so  geannten Interbankenmarkt refinanzieren und müssen überdurchschnittlich auf die Refinanzierungsinstrumente der Europäischen Zentralbank ausweichen.

Und eine eine aktuelle Studie zeigt, dass privates Kapital aus Griechenland flüchtet, während öffentliche Gelder nach Griechenland fließen. Nur so lässt sich auch erklären, dass der griechische Leistungsbilanzsaldo noch ein Defizit, das heißt Nettokapitalimporte nach Griechenland, ausweist. Die Kapitalflucht würde sich noch weiter beschleunigen, je wahrscheinlicher ein Austritt aus dem Euro werden würde. Bank-Runs wären eine Konsequenz. Am Tag einer potenziellen Währungsreform hätten die meisten Griechen entweder ihre Sparanlagen bei Banken außerhalb von Griechenland oder Bündel mit Euroscheinen unter dem Kopfkissen.

Was hat eine neue griechische Währung aber für Erfolgschancen? Wohl eher wenige wenn die Griechen weiterhin den „harten“ Euro gegenüber der „schwachen“ Drachme präferieren würden. Dies gilt insbesondere für die Wertaufbewahrung von Sparanlagen und als Rechnungslegungswährung für Handelsgeschäfte mit den Haupthandelspartnern in Europa (aber sicher auch innerhalb Griechenlands). Ein wahrscheinliches Szenario könnte somit sein, dass der Euro als inoffizielle Parallelwährung in Griechenland bestehen bleibt. Diese Währungssubstitution zu verhindern dürfte schwer umzusetzen sein und drakonische Maßnahmen wie in der Argentinienkrise notwendig machen (Obergrenze für wöchentliche Bankabhebungen, Einfrieren von Bankguthaben, Zwangsumtausch), die im EU-Kontext nicht zulässig sein dürften. Zudem gäbe dies einem blühenden Schwarzmarkt Auftrieb. Griechenland würde, in Analogie zum Begriff der Dollarisierung lateinamerikanischer Länder, de facto Euroisiert. Zwar hätte Griechenland eine eigene Währung, aber dominiert vom Euro als Währung in der Wirtschaft.

Bei einer de facto Euroisierung wäre eine eigenständige griechische Geldpolitik nicht effektiv. Am Ende müsste die griechische Geldpolitik der europäischen Geldpolitik folgen, um zu große Kursschwankungen zum Euro zu vermeiden. Die Fiskalpolitik wäre ebenso negativ betroffen. Zudem wird es eine gesellschaftliche Spaltung in begünstigte Euro-Besitzer und eine arme Schicht geben. Um diese und weitere Nachteile der de facto Euroisierung zu verhindern oder zu beheben würde sich dann eine de jure Euroisierung anbieten – die unilaterale Anerkennung des Euros als alleiniges Zahlungsmittel wie im Beispiel von Montenegro. Griechenland hätte durch diese neuerliche Währungsreform den Euro zurück, nun aber ohne Stimmrecht im EZB-Rat, ohne Seigniorage-Gewinne der griechischen Notenbank durch die Emission von Zentralbankgeld, ohne direkte Refinanzierungsmöglichkeiten für griechische Banken bei der EZB und weitere bisherige Vorteile als Mitglied der Währungsunion.

Fazit: Selbst wenn es also für Griechenland ökonomisch sinnvoll sein könnte die Währungsunion zu verlassen, wäre eine neue nationale griechische Währung wohl schon heute zum Scheitern verurteilt. Denn selbst bei einem Euroaustritt kann man die ökonomischen Kräfte nicht ignorieren. Einer neuen, tendenziell schwachen griechischen Währung würden die Akzeptanz und das Vertrauen fehlen. Dies könnte Griechenland auf Umwegen wieder zum Euro führen, aber zu ungünstigeren Konditionen. Griechenland ist somit im Euro gefangen – wie derzeit alle Krisenländer.

Der Beitrag  gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder.

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  • Pingback: Kleine Presseschau vom 15. Juni 2012 | Die Börsenblogger

  • Chris Kyriasoglou

    Ich hätte gern auch eine glaubwürdige Annäherung zu den Chancen Griechenlands mit der Drachme in den Bereichen, in denen Griechenland sehr stark war (Landwirtschaft, Touristik, Seeverkehr), insbesondere unter der Perspektive der dann sehr interessanten PLUS-Generierungen, da ja sowohl billige Landwirtschaftsprodukte als auch sehr preiswerte Touristik-Angebote beinhalteten. Hinzu kämen Nebeneffekte wie bedeutender Beschäftigungsanstieg im Inland. Ich wäre dankbar für eine fachlich fundierte und nicht-tedenziöse Auswertung.

Autor

Dr. Holger Zemanek

hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig studiert und war dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Er arbeitet als Ökonom in Berlin.

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