Die Energiewende bringt Vor- wie Nachteile. Zu ersterem gehören die sinkende Gefahren durch die Atomkraft, zu letzterem die abnehmende Versorgungssicherheit. INSM-Blogger Markus Hessler wägt ab.
Im Jahr 2000 wurde der stufenweise Ausstieg aus der Atomenergie von der damaligen rot-grünen Bundesregierung beschlossen. Am Ende des Jahres 2010 wurde dann die Restlaufzeit der Atomkraftwerke von der schwarz-gelben Koalition moderat verlängert. Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima im Frühjahr 2011 wurde dem Druck der Bevölkerung nachgegeben und die Laufzeitverlängerung rückgängig gemacht, sowie die Beschleunigung der Energiewende beschlossen. Acht deutsche Kernkraftwerke mussten sofort abgeschaltet werden, die weiteren neun Kraftwerke sind gestaffelt bis 2022 abzuschalten.
In der Rückschau erscheint Vielen diese schnelle Entscheidung übereilt, emotional und von der damals aktuellen Stimmungslage getrieben. Es wurde weder ein auf fundierten Informationen und Studien aufbauender Plan erstellt, wie die Energiewende in dieser Zeit unter Berücksichtigung von Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und Versorgungssicherheit realisiert werden kann, noch wurden dem potenziellen Nutzen der Energiewende die erheblichen entstehenden Kosten gegenüber gestellt. Vermutlich wäre eine nüchterne Abwägung von Vor- und Nachteilen mit größerem zeitlichen Abstand zu der Katastrophe sinnvoller gewesen, um eine bessere fundiertere Entscheidung zu treffen. So hätte man auch den Bürgern Zeit geben können, sich eingehend mit den Konsequenzen einer schnelleren Energiewende vertraut zu machen und sich eine begründete Meinung zu bilden.
Die Energiewende – also der Verzicht auf Atomkraft, die Reduzierung der Nutzung konventioneller Kraftwerke und der Ausbau erneuerbarer Energien – hat zweifelsohne gewisse Vorteile. Dazu zählen etwa umweltpolitische Gründe, wie der geringere Verbrauch endlicher Ressourcen oder die Vermeidung von Atommüll. Ein erheblicher Vorteil dürfte auch die Reduktion der Abhängigkeit von Exporteuren der benötigten Energierohstoffe sein. Zumal diese Exporteure oftmals aus politisch eher unsicheren Weltregionen stammen. Das Hauptargument dürfte jedoch die Gefahr sein, die von der Atomkraft im Fall von Katastrophen ausgeht.
Auf der anderen Seite stehen aber auch deutliche Nachteile, insbesondere wenn die Energiewende überhastet umgesetzt werden soll. Die Produktion von Strom aus Wind und Sonne ist sehr volatil. Der Strom steht also nicht planbar zur Verfügung und kann auch nicht genutzt werden um Lastschwankungen auszugleichen. Stattdessen ruft diese Wetterabhängigkeit sogar Lastschwankungen hervor, die wiederum mit konventionellen Kraftwerken ausgeglichen werden müssen, was die Stromerzeugung verteuert. Außerdem ist ein erheblicher und teurer Netzausbau notwendig, um dem Problem der Entkopplung von Zentren der Stromerzeugung und des Stromverbrauchs entgegen zu wirken. Aus Umweltgesichtspunkten ist der Ausbau erneuerbarer Energien auch nicht ganz unproblematisch, da diese zum Teil in Konkurrenz zur Nahrunsmittelerzeugung stehen und der Auf- bzw. Ausbau einen erheblichen Eingriff in die Umwelt darstellt. Die Kosten der Energiewende sind von den Endverbrauchern zu tragen und verteuern die Strompreise für Haushalte, Handwerker, Industrie und Dienstleister signifikant. Der Ausbau erneuerbarer Energieträger allein in Deutschland führt nicht zu einer Reduktion der CO²-Emissionen, er verschiebt diese lediglich.
Wie einem Bericht der Bundesnetzagentur (BNA) zu entnehmen ist, war die Situation in den Stromnetzen im Winter 2011/12 sehr angespannt. Der hohe Stress im Netz entsteht vor allem durch den ungebremsten Zubau von Erneuerbaren Energiequellen (Wind, Sonne). Die starke Schwankung der Einspeisung aus diesen Quellen führt teilweise zu einem deutlich geringeren und zu anderen Zeitpunkten zu einem zu hohen Stromangebot im Netz. Der rasante Abbau konventioneller Stromerzeugung wirkt sich negativ auf die Versorgungssicherheit aus. Wenn viel Strom aus Erneuerbaren Quellen in das Netz eingespeist wird, dann werden konventionelle Kraftwerke verdrängt und es kommt zu Stromexporten aus Deutschland. Dadurch wird das Netz stark belastet. Die BNA empfiehlt daher, dass eine Abkopplung Erneuerbarer Energiequellen möglich sein muss, wenn mehr Strom aus diesen angeboten wird als das Netz transportieren kann. Durch die zunehmende Abkopplung von Stromerzeugung und -verbrauch, ist es nötig, immer mehr Strom durch das Netz z.B. von Nord- nach Süddeutschland zu transportieren. Dies zwingt die Netzbetreiber dazu um ein Vielfaches häufiger gegenzusteuern als früher. Dies trägt zu einer Erhöhung der Strompreise bei, da Kraftwerke häufiger herauf- und heruntergeregelt werden müssen und der Verlust im Netz höher ausfällt.
Trotz der Abschaltung der Kernkraftwerke bleibt Deutschland Nettostromexporteur. Dies liegt daran, dass erhebliche Strommengen exportiert werden, wenn die Sonne scheint und Wind weht. In den Verbrauchsspitzen hingegen ist Deutschland trotz auf Hochtouren laufender konventioneller Kraftwerke immer häufiger auf erhebliche Stromimporte aus dem umliegenden Ausland angewiesen. Der Gasmangel hat im Februar 2012 zu einer bedrohlichen Situation geführt, der Ausfall nur eines konventionellen Kraftwerks hätte zu einem Zusammenbruch des Netzes geführt. Auch wenn die Abschaltung der Atomkraftwerke nicht direkt zu Ausfällen im Netz geführt hat, so hat diese dennoch die Versorgungssicherheit gesenkt, da weniger gesicherte Reserven zur Verfügung stehen. Ohne Reservekapazitäten aus den umliegenden Ländern (z.B. Österreich) wäre in Deutschland die Stromversorgung nicht mehr sicherzustellen gewesen. Durch die Abschaltung der Atomkraftwerke müssen auch alte Kraftwerke, die nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik entsprechen, eine geringe Effizienz aufweisen und hohe Emissionen ausstoßen, länger am Netz bleiben und auch häufiger eingesetzt werden.
Aus den aufgezeigten Gründen warnt die BNA vor der weiteren Stilllegung konventioneller Kraftwerke. Außerdem weist sie auf die Notwendigkeit des Netzausbaus hin, um den höheren Anforderungen an die Netze (insb. die Entkopplung von Stromerzeugung und -verbrauch) durch die Energiewende zu begegnen.
Die McKinsey-Studie geht davon aus, dass Deutschland den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 um 31 Prozent senken kann. Ein Großteil dieser Einsparung stammt jedoch aus dem Zusammenbruch der Industrie in Ostdeutschland nach der Wende. Demgegenüber stehen steigende Kosten der Energiewende, die durch Unternehmen und Haushalte zu tragen sind. Diese steigen gemäß der Studie von derzeit 13,5 Milliarden Euro pro Jahr um etwa 60 Prozent auf 21,5 Milliarden Euro pro Jahr im Jahr 2020. Außerdem ist mit einem Sinken der Versorgungssicherheit zu rechnen, die Wahrscheinlichkeit von Stromausfällen wird also steigen.
Steigende Strompreise für Haushalte und Unternehmen werden die Folge sein. Bis 2020 werden Haushalte fast 30 Cent pro Kilowattstunde bezahlen müssen. Die Kosten der Energiewende steigen dabei um über 60 Prozent auf 6,3 Cent pro Kilowattstunde. Obwohl energieintensive Unternehmen, z.B. aus der Chemie- oder der Stahlbranche, von der EEG-Umlage und den Netzkosten weitgehend befreit sind, leidet schon heute ihre Wettbewerbsfähigkeit unter den hohen Stromkosten in Deutschland. Würden diese Kosten auch auf die energieintensiven Unternehmen umgelegt werden, wäre mit Gewinneinbrüchen bis 50 Prozent in diesen Branchen zu rechnen.
Die steigende Unabhängigkeit von Kohle- oder Erdgasimporten nennt auch diese Studie als Vorteil der Energiewende. Allerdings wird in der Studie auch ausdrücklich auf die gefährdete Stabilität der Stromnetze und damit wahrscheinlicher werdende Stromausfälle hingewiesen.
Dafür nennen die Autoren drei Gründe. Die regelbare Kraftwerksleistung nimmt ab, da die Erzeugung aus Wind und Sonne nicht beeinflusst werden kann. Dadurch sinkt die Reservemarge deutlich um etwa zwei Drittel. Ein weiteres Problem wird auch hier in der Entkopplung von Erzeugungs- und Verbrauchsschwerpunkten gesehen, da diese erhöhte Anforderungen an die Netze stellt. Ein dritter Punkt ist der viel zu langsame Netzausbau. In Anbetracht der zunehmenden Widerstände in der Bevölkerung gegen kleinere und größere Bauvorhaben dürfte dieser Punkt auf absehbare Zeit auch nicht deutlich besser werden.
Die Studie empfiehlt die Ergreifung von Maßnahmen, welche wirtschaftlich und ökologisch am ehesten geeignet sind die Ziele zu erreichen. Gemeint ist hier das ökonomische Prinzip, ein bestimmtes Ziel mit minimalem Einsatz oder mit gegebenem Einsatz eine möglichst hohe Zielerreichung zu erzielen. Hier werden insbesondere die Steigerung der Energieeffizienz aber auch der Ausbau von Windkraftanlagen gefordert. Dies würde wiederum die Notwendigkeit eines Netzausbaus erhöhen. Als Vorteil dieser Maßnahmen wird außerdem die hohe lokale Wertschöpfung gesehen.
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