Geldausgeben ist die richtige Medizin gegen Wirtschaftskrisen, sagt Nobelpreisträger Paul Krugman. Dem widerspricht Dagmar Schulze Heuling. Die Produktion zu erhöhen, kann sogar wohlstandsvernichtend sein.
Kürzlich fragte mich eine Studentin nach dem ökonomischen Hintergrund der Argumentation Paul Krugmans in diesem Handelsblattartikel. Darin preist Krugman manisches Geldausgeben als Arznei gegen Wirtschaftskrisen.
Dahinter steht die keynesianische Theorie, dass Wirtschaftskrisen ein Problem mangelnden Konsums sind und demzufolge durch das Schaffen von Nachfrage überwunden werden können. Im allgemeinen Sprachgebraucht heißt das dann “Ankurbeln der Nachfrage”. Dem liegt eine auf den ersten Blick durchaus attraktive Annahme zu Grunde: wenn mehr nachgefragt wird, muss, um diese Nachfrage befriedigen zu können, die Produktion gesteigert werden. Auf diese Weise soll eine positive Dynamik ausgelöst werden, die zur Überwindung der Wirtschaftskrise führt.
Doch wie jedes Perpetuum Mobile hat diese Theorie einen Haken. Sie ist eine Illusion, die auf dem Papier funktioniert, aber nicht in der Realität.
Wenn jede Form von Nachfrage und jede Art der Produktion ökonomisch vorteilhaft wären, dann würden wir auch reicher, wenn wir z. B. schlechte Autos hätten, die oft kaputt sind und viele Ersatzteile brauchen. Ebenso wäre ein strenger Winter gut, in dem viele Frostschäden entstehen. Überhaupt sollten wir auf möglichst viel Komfort verzichten. Unsere Lasten befördern wir nicht mehr mit Lkw, sondern mit Pferd und Wagen. Das ist viel personalintensiver, bringt also viele Menschen in Lohn und Brot. Oh, noch besser wäre es natürlich, die Wagen nicht von Pferden, sondern auch von Menschen ziehen zu lassen. Der Beschäftigungseffekt wäre gigantisch!
Gigantisch wäre – und ist(!) – leider auch die Wohlstandsvernichtung, die solche Programme mit sich bringen. Denn das ist der Haken: die Lastenzieherinnen wären zwar sehr beschäftigt. Sie würden aber auch nicht mehr transportieren als eine einzige Lkw-Fahrerin in derselben Zeit. Insgesamt ist also kein Zugewinn geschaffen, kein Mehr an Leistung erbracht worden. Unter dem Strich ist die Volkswirtschaft nicht reicher, sondern im Gegenteil ärmer (auch wenn in diesem Beispiel kein Geld geflossen sein und die Lastenzieherinnen nur ihren Schweiß vergossen haben sollten). Und wie nannte man das noch gleich, wenn man deutlich mehr bezahlt als nötig? Richtig, Verschwendung.
Dasselbe Muster erkennen wir bei der Reparatur von Autos und Schlaglöchern. Selbstverständlich werden durch diese Tätigkeiten und die Herstellung der dafür erforderlichen Gerätschaften Menschen beschäftigt, die Lohn für ihre Arbeit bekommen, den sie dann ausgeben können. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn wäre der Winter milder gewesen, Auto und Straße heil geblieben, könnten ebendiese Menschen in der Zeit, in der sie anderenfalls Reparaturen ausgeführt hätten, etwas Neues schaffen.
Statt dem reparierten Auto und der geflickten Straße nach dem harten Winter haben wir nach dem milden Winter also Auto, Straße und das, was zusätzlich produziert wurde.
Um diesen Zusammenhang zu durchschauen, muss man die sogenannten Opportunitätskosten einer Handlung berücksichtigen. Hinter diesem Wort verbirgt sich nichts anderes als der Gewinn, den ich gemacht hätte, wenn ich anders gehandelt hätte (oder in diesem Fall: wenn der Winter weniger streng gewesen wäre). Besonders wichtig ist es, die Opportunitätskosten nicht zu vernachlässigen, wenn der Staat das Geld verteilt.
Ein gutes Beispiel dafür ist die sogenannte Abwrackprämie. Auf den ersten Blick war sie ein Gewinn für Herrn Meier, der sich ein neues Auto kaufen möchte. Der Abschied von seinem zwar durchaus fahrtüchtigen, aber schon etwas in die Jahre gekommenen Fahrzeug wird ihm mit 2.500 Euro versüßt. Das ist schön für Herrn Meier und vermutlich auch für die vielen Hände, die an der Herstellung des neuen Autos beteiligt waren. Doch auf den zweiten Blick wird klar: hier wird Wohlstand vernichtet. Denn das fahrtüchtige Auto landet in der Schrottpresse. Mehrere Jahre zukünftiger Nutzung bereits investierter Arbeit und Rohstoffe werden zerquetscht. Und obendrein die Prämie: das Geld fällt nicht vom Himmel (wenngleich hier nicht unterschlagen werden soll, dass die Geldschöpfung aus dem Nichts höchst problematisch ist), es musste vorher anderen Menschen aus der Tasche gezogen werden. Die 2.500 Euro, die Herr Meier jetzt mehr ausgeben kann, stehen Frau Müller nicht mehr zur Verfügung. Sie hätte vielleicht ein Fahrrad gekauft statt eines Autos, aber wer will sich anmaßen, darüber zu urteilen, ob ein Arbeitsplatz in einer Auto- oder in einer Fahrradfabrik mehr wert ist? Vielleicht hätte Frau Müller das Geld auch gespart und später ihrer Schwester geliehen, die einen Fahrradreifen entwickelt, der keine Löcher mehr bekommt.
Wir werden nie erfahren, was mit dem Geld passiert wäre. Fest steht allein, dass es weder mehr wird noch automatisch „besser“, segensreicher ausgegeben wird, nur weil es zwangsweise umverteilt wird – übrigens ein Zusammenhang, den schon Frédéric Bastiat erkannte und mit spitzer Feder beschrieb.
In seinem Handelsblattartikel lässt Krugman sich auf diese Argumentation aber gar nicht erst ein. Vielmehr führt er ein Scheingefecht, indem er gar nicht hinterfragt, ob die Steigerung der Nachfrage überhaupt ein taugliches Mittel zur Überwindung einer Wirtschaftskrise ist. Die Tauglichkeit seines Konzepts wird diskussionslos gesetzt, diskutiert wird nur noch, ob eine sogenannte “Sparpolitik” (die ja immer noch eine Schuldenpolitik ist) oder eine noch maßlosere Verschuldung besser geeignet sind, den erwünschten Konsum anzuregen. Auch die Antwort von Steffen Kampeter geht vor allem auf die Bedeutung solider Staatsfinanzen ein, versäumt es aber, das grundlegende Mißverständnis hinsichtlich der Nachfrage auszuräumen.
Dabei genügt ein Blick aus dem Fenster, um die Theorie als den Unsinn zu entlarven, der sie ist. Denn solange Sie draußen nicht Ihre Nachbarin sehen, die ihr Haus anzündet, weil man durch die sich daraus ergebende Nachfrage so verdammt reich wird, können Sie getrost auf den gesunden Menschenverstand vertrauen. Demzufolge wird man reich durch Arbeiten, Sparen und Investieren. Das ist vielleicht nicht so attraktiv wie hemmungsloses Konsumieren. Aber dafür wirkt es.
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