1 Gesellschaft

Small, still beautiful? – Plädoyer für ein selbstbestimmtes Landleben

Carsten Dethlefs hat ein Plädoyer für ein Leben auf dem Land geschrieben. Dieses Leben sei bedroht. Durch die demografische Entwicklung, durch fehlende Mittel für die Infrastruktur. Dabei seien doch kleine Einheiten die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben, sagt der Diplom Kaufmann und stellt acht Thesen auf, wie das Leben außerhalb von Großstädten gelingen kann. Am Ende, so Dethlefs, könnten Randgebiete Vorreiter für eine Gesellschaft voller Selbstverantwortung, Kreativität und Pioniergeists werden.


Wer kann sich, ob nun aus alten Filmen oder eigener Erfahrung, nicht noch an diese Bilder erinnern? Ein ländliches Idyll mit Bauernhöfen, selbstständigen Handwerkern, kleine Kirchen und Menschen, die noch aufeinander Acht geben und sich selbst in den unterschiedlichsten Situationen helfen können. Interessant ist, dass diese Bilder nicht nur einer alten Romantik entspringen, sondern von einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung konkret gefordert wurden, welche wir heute unter dem Namen „Soziale Marktwirtschaft“ kennen.

Doch scheint dieses Gesellschaftsbild immer mehr in das Reich der Utopie abzugleiten. Dieses gilt umso mehr, je weniger die öffentliche Hand wegen der leeren Kassen die Ausstattung des ländlichen Raumes mit öffentlicher Infrastruktur versorgen kann, und je mehr Menschen es in die Städte zieht. Diese Entwicklung ist vielerorts zu beobachten. Ein Beispiel für die negative demografische Entwicklung auf dem Land gibt der älteste und sehr ländlich geprägte Landkreis Deutschlands, Dithmarschen.

Laut Bevölkerungsvorausberechnung des statistischen Landesamtes Hamburg und Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2007 liegt die Geburtenrate bei 1,5 Kindern pro Frau und damit bei weitem unter dem Wert, der zur Erhaltung des Status quo nötig wäre. Und wenngleich dies leicht höher ist als der Bundesdurchschnitt, reicht es angesichts der Finanznot der öffentlichen Hand nicht aus, um die öffentliche Infrastruktur (Schulen, Ämter, Straßen, Internetversorgung) flächendeckend aufrechtzuerhalten. Man hat den Eindruck, eine Spirale der räumlichen Zentralisierung schreitet immer weiter voran.

Die Soziale Marktwirtschaft hat jedoch seit jeher gerade diese räumlichen Einheiten gefördert. Beispielgebend ist hier Wilhelm Röpke, der sein Gesellschaftsideal an einem kleinen Schweizer Bergdorf in seinem Werk „Civitas Humana“ verdeutlicht. Dieses auf selbstständigen Existenzen gründende Gemeinschaftswesen sei „eine menschliche Siedlung, wie sie nicht erfreulicher gedacht werden kann“. An anderer Stelle greift Röpke die zentrale staatliche Massenfürsorge mit folgendem Zitat an: „Zusammen mit den gleichzeitigen Bestrebungen, den Massen sowohl das Denken wie die Ausfüllung der Muße abzunehmen und sie bei gleichzeitigem Verlust elementarer Freiheiten – ja sogar des Bedürfnisses nach solchen Freiheiten – mit allen möglichen Annehmlichkeiten des Zivilisationskomforts einzulullen, entwürdigen wir den Menschen schließlich zur völlig domestizierten Kreatur, zum schweifwedelnden Haustier“. Auch Alfred Müller-Armack, der Begriffsschöpfer der Sozialen Marktwirtschaft, hatte den ländlichen Raum, allerdings durch die Umverteilung öffentlicher Mittel, im Blick.

Aufgrund der leeren öffentlichen Kassen und des Primats der Selbsthilfegesellschaft, wie sie insbesondere von den Protagonisten der Sozialen Marktwirtschaft befürwortet wurde, muss es also darum gehen, Wege zu finden, wie man die Dezentralität der Wirtschaft und Gesellschaft auch ohne öffentliche Zuschüsse sichern kann.

Ich habe deshalb die Dithmarschen Thesen erarbeitet. Sie sollen Anhaltspunkte dafür liefern, wie eine Selbsthilfegesellschaft organisiert sein kann. Es wird deutlich werden, dass nicht nur der Staat für die Subventionierung der geografischen Randgebiete sorgen muss, sondern es in der Verantwortung eines jeden Bewohners, also freier Menschen selbst liegt, die strukturschwachen Gebiete zu fördern und sich somit selbst zu helfen.

Die Dithmarschen Thesen lauten im Kern:

Zentralisierung ist keine Lösung

Die allgemeine Finanznot der öffentlichen Hand und der demografische Wandel führen insbesondere auf dem Lande zu einer zunehmenden Zentrierung von Aufgaben und der Entvölkerung weiter Teile der Peripherie. Doch diese Tendenz ist keine Zwangsläufigkeit.
Jeder Mensch kann etwas dagegen unternehmen – nicht nur durch Demonstrationen, sondern durch persönliches Engagement. Durch eigene Ideen kann man etwas bewegen.

Daher wird vorgeschlagen:

  1. Bewusstmachung des Wissens und der Fähigkeiten in der Region
    Man glaubt häufig gar nicht, was auch auf dem Land alles möglich ist – bis man sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst wird. Es wäre daher möglich, einen Wissenspool, beispielsweise einen Wissenspool-Westküste aufzubauen, in welchem diese Fähigkeiten für Einheimische und Auswärtige transparent gemacht und mögliche Anwendungsbeispiele aufgezeigt werden. Dieses wird auch auswärtige Investoren anziehen, weil man sich durch das Wissen über die eigenen Stärken besser darstellen kann. Diese These geht auf Friedrich August von Hayek zurück, der in den 70er Jahren die „Anmaßung von Wissen“ in einer zentralen Verwaltungswirtschaft gegeißelt hat. Gleichzeitig erkennt Hayek aber auch die Problematik einer kleingliedrigen Wirtschaftsstruktur: „Der eigentümliche Charakter des Problems einer rationalen Wirtschaftsordnung ist gerade durch die Tatsache bestimmt, dass die Kenntnis der Umstände, von der wir Gebrauch machen müssen, niemals zusammengefasst oder als Ganzes existiert, sondern immer nur als zerstreute Stücke unvollkommener und häufig widersprechender Kenntnisse, welche all die verschiedenen Individuen gesondert besitzen“.
  2. Zwischenmenschliche Zusammenarbeit auf allen Ebenen
    Hat man sich erstmal darüber Klarheit verschafft, welche Fähigkeiten man selbst, andere Personen, aber auch die Region besitzen, ist es möglich, sehr effektiv zusammenzuarbeiten und viele Probleme ohne die öffentliche Hand zu bewältigen.
  3. Abkehr vom Anspruchsdenken
    In einer Bürgergesellschaft, wie wir sie anstreben, sind keine Wut- sondern Mutbürger gefragt, wie es auch kürzlich von den unterschiedlichsten politischen Verantwortungsträgern verlautbarte. Man braucht Mut, sich wieder auf sich selbst und auf seine Mitmenschen zu verlassen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.
  4. Zusammenarbeit zwischen starken und schwachen Gesellschaftsmitgliedern
    Kein Mensch ist in einer freiheitlichen Gesellschaft zur Gänze stark oder schwach. Ein jeder Mensch kann etwas zum Gelingen des gesellschaftlichen Miteinanders tun, ob jung oder alt, ob hier geboren oder nicht. Jeder Mensch hat unterschiedliche Begabungen, die sich wechselseitig ergänzen können.
  5. Selbst versuchen, statt fordern
    Durch das Nachdenken über eigene Problemlösungsstrategien für individuelle Probleme wird man das Empfinden, ungerecht behandelt zu werden, vermindern können. Das Fordern wird hierbei immer weniger Spaß machen, als eigene Lösungsansätze anzustreben.
  6. Investitionspool-Westküste
    Eine Möglichkeit, größere Unabhängigkeit vom öffentlichen Sektor zu bekommen, ist ein Investitionspool wie beispielsweise der einzurichtende Investitionspool-Westküste. Lokal ansässige Unternehmen aus unterschiedlichen Bereichen könnten sich zu einer Investitionsgesellschaft zusammenschließen, die durch eigene Kraft Projekte finanziert, die für alle Mitglieder des Pools vorteilhaft sind. Welche Projekte gefördert werden, ist von einem branchenübergreifenden Gremium innerhalb dieses Pools zu entscheiden.
  7. Habe keinen weltlichen Herrn über Dir und keinen Knecht unter Dir
    In einer sich wechselseitig ergänzenden Gesellschaft herrscht eine flache Hierarchie vor, die es jedem Einzelnen ermöglichen soll, seine eigenen Ideen zum Wohl des gesellschaftlichen Ganzen einzubringen. Diese Voraussetzung soll einen Wettbewerb der Ideen auslösen, der abermals die Vielfalt der Ressourcen verdeutlichen kann.
  8. Wir sind frei
    In den sieben vorangegangenen Thesen sollte klar geworden sein, dass kleine Einheiten weiter möglich sind. Sie sind die Voraussetzung für ein freies, selbstbestimmtes Leben, in welchem man seinen eigenen Wert erkennt und für die Gesellschaft nutzbar machen kann. Nicht gegeneinander, nur miteinander werden wir die Herausforderungen der Zukunft daher bewältigen können. Aber, wir werden sie bewältigen, denn wir sind frei!

Diese Thesen sind vielleicht gerade für den protestantischen Norden kennzeichnend, erinnert der Titel „Dithmarscher Thesen“ doch an den Thesenanschlag von Wittenberg durch Martin Luther. So lassen sie sich auch in die lutheranische Tradition einreihen, sind sie doch sehr stark gegen den gesellschaftspolitischen Mainstream ausgerichtet, wie es auch beim Reformator der Fall gewesen ist. Die Hoffnung besteht, dass sich die Menschen in den geografischen Randgebieten wieder stärker ihrer Freiheit jenseits des Staates gewahr werden und daher die Herausforderungen der Zukunft bewältigen können. Eine Mentalität, wie sie diese Thesen erfordern, ist aber nicht nur für die Menschen auf dem Lande wichtig. Selbstverantwortung, Kreativität und Pioniergeist stellen ein Fundament dar, auf dem eine Gesellschaft aufbaut, die sich von Schwierigkeiten nicht gleich aus der Fassung bringen lässt. Gleichwohl können die Randgebiete hier Vorreiter sein.

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  • http://twitter.com/stheophil Sebastian Theophil

    Sehr geehrter Herr Dethlefs,

    so ganz verstehe ich ihre Punkte nicht. Ich verstehe natürlich das Problem des Lebens auf dem Land, der Finanzierung von ländlicher Infrastruktur und unterstütze jeden, der sich unter diesen Bedingungen trotzdem für das ländliche Leben entscheidet. Sie scheinen aber ländliches Leben grundsätzlich normativ aufwerten zu wollen und werten damit implizit städtisches Leben ab. 

    Sie identifizieren “Zentralisierung” gleichzeitig mit Bevölkerungskonzentration und Verwaltungszentralisierung. Beides geht ja nicht zwingend Hand in Hand. Es gibt starke ökonomische und ökologische Argumente für das Leben in der Stadt (*) und sicherlich starke Argumente gegen eine Zentralisierung aller gesellschaftlichen Entscheidungen in einem Beamtenapparat. 

    Wenn ihnen an einer Gesellschaft der freien Bürger gelegen ist, dann würde ich Ihnen ganz dringend das Leben in der Stadt nahelegen. Schließlich waren es freie Bürger die Städte zum Zwecke des Handels geschaffen haben. 

    Städtische Infrastruktur bietet aufgrund der Bevölkerungsdichte eine Vielfalt der Angebote, die es auf dem Land nicht geben kann. Städtische Infrastruktur ist aufgrund der hohen Nutzung durch die Bürger selbst finanzierbar und Städte brauchen wiederum aufgrund ihrer Dichte vor allem weniger Infrastruktur insbesondere für den Verkehr. Städte produzieren technischen Fortschritt, Kreativität und Kultur. 

    Sebastian

    * siehe z.B: http://theophilsblog.com/post/21202826139/die-schrumpfende-stadt,
    http://theophilsblog.com/post/20834442596/zieh-in-die-stadt-rette-die-umwelt-werde-reich und
    http://theophilsblog.com/post/16970805969/stadte-schaffen-arbeit 

Autor

Carsten Dethlefs

ist Promovend des Promotionskollegs "Soziale Marktwirtschaft" der Konrad-Adenauer-Stiftung. Webseite von Carsten Dethlefs

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