- Ökonomik

Wie macht man Ökonomie greifbar? – Eine studentische Sicht

Wer darf sich zu Recht Ökonom nennen? Jemand der Interesse am Diskurs zeigt und versucht, Ökonomie greifbar zu machen, argumentiert VWL-Student Julius Weddigen von Knapp.


Die größte Enzyklopädie der Welt, Wikipedia, definiert die Ökonomie als Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen. Der Teil der Wissenschaft, der sich mit der nationalen Ökonomie beschäftigt, ist die Volkswirtschaftslehre, die Vertreter dieser Fachrichtung nennen sich “Ökonomen”.

Was aber macht einen guten Ökonom aus? Viele Studenten der Volkswirtschaftslehre – auch ich – hegen den Anspruch, nicht nur die Einzelteile (Makro hier, Mikro dort, irgendwo etwas Steuerlehre) der Ökonomie zu verstehen. Wer nur die Modelle für die nächste Prüfung auswendig lernt, der hat nichts gewonnen. Genauso aber sieht die Prüfungsvorbereitung des Durchschnittsstudenten aus: Meine Interessen kommen vor lauter Auswendiglernen unter die Räder. Ich glaube nicht, dass ich mich zurecht „Ökonom“ nennen darf, wenn ich die Vorlesungsfolien auswendig lerne.

Ich möchte hier daher so etwas wie mein Wunschmodell der Lehre vorstellen:

  • Sowohl die Studenten, als auch die Professoren müssen sich der Ökonomie neu nähern. Ökonomie greifbar machen heißt zuerst einmal das Verständnis der in der Vergangenheit und Gegenwart angewandten Modelle vermitteln – das ist auch ein Plädoyer für mehr Vorlesungen in Theoriengeschichte.
  • Die Modelle werden in Vorlesungen vorgestellt und – im Idealfall – diskutiert. Man muss auf den Stoff gestoßen werden und einen Diskussionsansatz haben. Der Professor gibt den Impuls. Den muss der Student aufnehmen und dann die kritischen Fragen erörtern.
  • Sicher geht Ökonomie nicht ohne Beweise und Herleitungen. Wenn aber der Professor dazu Raum für Diskussion über das Modell schafft, dann gewinnen die Studenten doppelt: Das Thema ist häufig nicht am Ausgang des Vorlesungssaals abgeschlossen, danach wird in der Mensa weiterdiskutiert. Denn schließlich gilt: Wer sich zu wenig dem kritischen Diskurs stellt, bleibt in seinen Denkstrukturen verwurzelt.
  • Die Ökonomie ist aber nicht den Ökonomen vorbehalten und sollte daher nicht nur in der Universität erörtert werden. Wer Ökonomie verstehen will, muss auch lernen, sein eigenes Wissen anderen verständlich zu machen. Das geht nicht in der Tutorengruppe, dort können allenfalls Diskussionsbausteine aus der Vorlesung erweitert werden. Über Weltwirtschaft, Staatsbankrotte, Target 2-Salden und Steuersysteme diskutiert man am besten mit Freunden beim Feierabendbier. Wenn sich dann der Geschichtsstudent, der Soziologiestudent und der angehende Volkswirt treffen, profitieren alle von den Sichtweisen der Anderen.

Nur wer Interesse am Diskurs zeigt und Ökonomie greifbar machen will, der dürfte sich meiner Ansicht nach zu Recht Ökonom nennen.

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Autor

Julius Weddigen von Knapp

studiert VWL im Master an der FU Berlin.

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