3 Politik

Bildung in Deutschland: Wir brauchen mehr Durchlässigkeit

Das duale Ausbildungssystem ist eine deutsche Besonderheit. Vor allem im Ausland wird es gelobt und für die niedrige Jugendarbeitslosikgkeit verantwortlich gemacht. Auf der anderen Seite ist in Deutschland die Akademikerquote im internationalen Vergleich gering. Was also tun? Braucht es mehr Ausbildung oder mehr Akademiker? Vor allem braucht es mehr Durchlässigkeit, argumentiert Julius Weddigen von Knapp.  


Julia Saalmann forderte vor einigen Tagen in diesem Blog mit Bezug auf eine Studie der Forschungsweisen: „Mehr Akademiker müssen […] her und zwar schnell“. Diese Forderung gilt es meiner Meinung nach zu differenzieren, sonst verleitet sie die Politik zu falschen Maßnahmen.

Denn: Die Regierung möchte die Steigerung der Akademikerquote mit einer Erhöhung der Abiturquote erreichen. Sie stützt sich auf Aussagen der OECD, wonach Deutschland eine zu geringe Abiturquote hat.

Entscheidend ist aber weniger die Akademikerquote an sich, sondern welche Fachrichtungen studiert werden. Nachweislich auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind vor allem die sogenannten MINT-Studenten (MINT = Mathematik / Informatik / Naturwissenschaften / Technik). Steigt aber durch eine höhere Abiturquote der Anteil der MINT-Studenten in Deutschland?

Für Deutschland sagt die Empirie: Absolut gesehen Ja, relativ gesehen Nein. Eine höhere Abiturquote erhöht primär den Anteil der gesellschaftswissenschaftlich orientierten Studienbeginner. Die Abiturquote als Stellschraube für eine stärkere MINT-Quote unter den Akademikern ist daher nicht geeignet. *

Um die MINT-Quote zu erhöhen, muss an einer anderen Stellschraube gedreht werden, die auch die Forschungsweisen in ihrer Studie erkannt haben:

„Die deutsche Bildungspolitik muss verstärkt darauf ausgerichtet werden, die vertikale und horizontale Durchlässigkeit zu erhöhen. Im Zuge zurückgehender Schülerzahlen müssen die Stärken des Berufsbildungssystems  besser herausgearbeitet und seine Attraktivität über eine Erhöhung der vertikalen Mobilität verbessert werden.“

Was das konkret heißt: Für eine bessere MINT-Quote an den Universitäten ist eine bessere Verzahnung von dualem Ausbildungssystem und Hochschulen unabdingbar. Insbesondere in den naturwissenschaftlich/technischen Ausbildungen muss ein leichterer Übergang zu Fachhochschulen und Universitäten möglich werden.

Unserer Nachbarn können als Vorbild dienen: Die Schweiz hat eine Maturiätsquote von etwa 20 Prozent, in Deutschland liegt die Abiturquote bei knapp 43 Prozent. In der Schweiz kann aber einen erzielten Abschluss relativ einfach ein höherer folgen. Wenn dies auch in Deutschland lückenlos möglich wird, wird sich das schlummernde Potenzial des dualen Ausbildungssystems entfalten.

Der Autor hat sich in seiner Bachelorarbeit mit dem „Einfluss wirtschaftlicher Umgebung auf die Erststudienfachwahl in der Bundesrepublik Deutschland“ beschäftigt. Die mit “*” gekennzeichneten Erkenntnisse in diesem Beitrag entstammen dieser Bachelorarbeit. Die Resultate sind aus einer OLS-Regression der deutschen Erststudienfachwähler (Erhebung: Kreisebene, Quelle: Statistisches Bundesamt) auf die Abiturquote der zugehörigen Kreise (Quelle: Regionalatlas des Statistischen Bundesamts ) herausgezogen.

  • Andrea Schubert

    Ich bin immer wieder hoch erfreut, wenn mal jemand mitdenkt….Danke für diesen Weitblick.

  • Janna Sommerfeld

    Es ist nach meinem Kenntnisstand bereits schon unglaublich einfach, eine Hochschulzugangsberechtigung zu erwerben nach einer Ausbildung. In jedem Fall reicht ein Meistertitel als vollwertige Berechtigung (auch Uni und alle Fächer), genauso wie eine Fachwirt-, Techniker-, oder ähnliche Qualifikation! Aber ebenso genügt die bloße 3-jährige Berufstätigkeit im Ausbildungsberuf – zumindest für Fachhochschulen und verwandte Fächer.

    Am meisten stört mich an der gesamten Diskussion sowieso die Idee des Fachkräftemangels. Die angeführte Studie, die überhaupt den Zusatzbedarf gerade an MINT-Absolventen beweisen soll, halte ich für sehr einseitig geschrieben, in seiner Datenauswahl sehr beschränkt und nicht stichhaltig. Es zieht sich das Grundargument durch die gesamte Studie, dass die absolute MINT-Beschäftigung steigt, was implizieren soll dass ein Bedarf vorhanden ist. Diese Argumentation halte ich für nicht überzeugend. Die Arbeitslosenquoten in einer Tabelle sucht man dagegen vergebens. Es geht nur einmal kurz um Arbeitslosigkeit. Wieder in absoluten Zahlen, aber nur in sachtem Diagramm und keinesfalls im Vergleich zu anderen Akademikern. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier ein MINT-Fachkräftemangel herbeigeschrieben werden soll (ein Blick auf beauftragtes Institut und beteiligte Verbände legt diesen Verdacht nahe), den es so bzw so akut und MINT-fixiert nicht gibt. Sowas drückt langfristig Löhne.

    • julius_wvk

      Ich halte es für etwas weit hergeholt den Arbeitgebern zu unterstellen
      sie würden nur auf Ausbildung pochen um die Löhne zu drücken. Von den
      führenden Wirtschaftsforschungsinstituten ist meines Wissens nach nur
      das DIW davon überzeugt dass es keinen Fachkräftemangel gibt. (Hinweis: Der Wikipediaartikel zum Fachkräftemangel ist eine Katastrophe…) Einzig der demographische Wandel wäre ein Lohndrückargument. Aber keine Leute auszubilden, weil wir sonst in 20 Jahren zu viele haben finde ich kurzsichtig. Zum ersten Argument: Ich finde den Zwang einer Meisterausbildung nach der Lehre für eine HZB ganz schön einschränkend…Wenn sie da anderer Meinung sind habe ich kein Problem damit.

Autor

Julius Weddigen von Knapp

studiert VWL im Master an der FU Berlin.

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