7 Gesellschaft

„Der kann doch Sozialhilfe beziehen”: Wie der Staat die Menschen entsolidarisiert

Solidarität ist ein Begriff, der eine zentrale Rolle spielt im gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Dabei bestimmt schon lange ein zentrales Missverständnis diesen Diskurs: Solidarität ist nicht etwas, das man verordnen kann. Einen „Solidaritätsbeitrag“ etwa als Steuer einzuziehen, ist schlichtweg nicht möglich. Es widerspricht zutiefst dem Wesen von Solidarität, wenn sie mit Hilfe von Zwang durchgesetzt wird. Solidarisch kann immer nur ein einzelner sein, indem er sich freiwillig dafür entscheidet. Diese echte Solidarität aber bringt im Menschen das Beste hervor.


Die meisten Menschen empfinden das Bedürfnis, anderen zu helfen. Man kann trefflich streiten, ob es sich dabei um einen geschickten Überlebenstrick unserer Gene, um eine Kulturtechnik oder um den Beweis für das Gute im Menschen handelt. Fakt ist: Wir wollen Gutes tun und wir tun es.

Erst jüngst rollte wieder eine Welle der Hilfsbereitschaft über das Land, um Flüchtlinge zu unterstützen. Solche Aktionen widerlegen die Vorstellung, dass der Mensch immer nur auf sein Eigeninteresse ausgerichtet sei. Der englische Philosoph Thomas Hobbes schrieb einst „homo homini lupus“ – „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Er hatte damit nur insofern Recht als Wölfe ebenso wie Menschen Rudeltiere sind, die auf Gemeinschaft angewiesen sind.

Präzisere Beschreibungen des Menschen liefern uns die Philosophen der sogenannten „Schottischen Aufklärung“, also Francis Hutcheson, David Hume, Adam Ferguson, Adam Smith und etliche andere. Für sie war die sogenannte „Moralphilosophie“ ein ganz zentrales Projekt Ihres Denkens. Anders als ihr englischer Kollege Thomas Hobbes waren sie der Überzeugung, dass Menschen sich durch Kooperation auszeichnen. Adam Smith, bekannt vor allem als Autor des Werks „Der Wohlstand der Nationen“, hat auch ein Buch mit dem Titel „Theorie der ethischen Gefühle“ geschrieben. Es beginnt mit einem Paukenschlag:

„Mag man den Menschen für noch so selbstsüchtig halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst das Wohlergehen der anderen zu einem Anliegen machen, auch wenn er daraus keinen anderen Vorteil zieht als das Vergnügen, es zu beobachten.“

Markt und Solidarität hängen zusammen

Wenn wir kooperieren und uns auf andere Menschen einlassen, führt das aber nicht nur dazu, dass wir uns besser fühlen. Wir profitieren auch alle voneinander. Zusammenarbeit führt dazu, dass wir unsere jeweiligen Nachteile und Schwierigkeiten ausgleichen können. Smith nennt das Arbeitsteilung. Diese Arbeitsteilung ist der Kern des marktwirtschaftlichen Systems, dessen Erfolg beispiellos ist. Der Markt sichert so nicht nur wachsenden weltweiten Wohlstand. Er trägt auch wesentlich zu einer friedlicheren Welt bei: Kaum etwas ist für einen Markt schädlicher als Krieg und Gewalt. Der Markt bietet uns die Möglichkeit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Das Angenehme: indem ich jemandem etwas abkaufe oder verkaufe, verbessert sich dessen Situation. Das Nützliche: auch ich stelle mich damit besser.

Die meisten Menschen sind der Überzeugung, dass es richtig ist, auf den anderen acht zu geben, ihm zu helfen, zu teilen. Aber nicht jeder hält sich immer daran. Es gibt Menschen, die die Vorstellung komplett ablehnen. Und kein Mensch schafft es durchgehend, diesem Anspruch gerecht zu werden. Da ist die Idee durchaus naheliegend, dass man dafür sorgen müsste, dass so etwas nicht vorkommt. Wenn jemand Hilfe braucht, sollte er nicht von dem Zufall abhängig sein, dass es um ihn herum Menschen gibt, die ihm helfen. Und deswegen müsse man ein System konstruieren, in dem jeder immer Hilfe bekommen kann. Das ist der Ursprung des Wohlfahrtsstaates.

 Verlieren wir unser Verantwortungsbewusstsein?

Wir können dankbar sein, dass zumindest in den Staaten der westlichen Hemisphäre eigentlich keiner mehr verhungern, erfrieren muss oder keinen Anspruch auf medizinische Hilfe hat. Das ist eine Errungenschaft. Diese Errungenschaft hat ihren Ursprung aber nicht in der Weisheit von Bürokraten oder Politikern, sondern ist Ausdruck eines Willens der Gesellschaft zu Humanität. Trotzdem ist die Verwirklichung dieser Humanität sehr schnell von staatlichen Instanzen gekapert worden. Und das hat leider zu einer unglücklichen Entwicklung geführt: Solidarität hat ihren ursprünglichen Charakter zum Teil verloren. Solidarität erhält ihren ethischen Wert daraus, dass sie gelebter Ausdruck unseres Verantwortungsgefühls für andere ist: Ich sehe mich in der Pflicht für den Nachbarn.

Indem heute oft auf dem Umweg des Staates für Hilfe gesorgt wird, ist das Verantwortungsgefühl in Gefahr, verloren zu gehen. Seien wir einmal ehrlich: Wie oft gehen wir an einem Bettler vorbei ohne etwas zu geben, weil wir uns denken: „Der kann doch Sozialhilfe beziehen. Ich zahle schließlich mit meinen Steuern dafür.“ Wer nimmt noch die alternde Großmutter bei sich auf? Schließlich hat sie jahrelang in die Pflegeversicherung eingezahlt … Die ganz große Gefahr eines übermächtigen Wohlfahrtsstaates ist, dass unser Verantwortungsgefühl verloren geht. Wir verstaatlichen Solidarität und kaufen uns aus der Verantwortung frei.

 Solidarität wieder zum Leben erwecken!

Nicht nur wegen der zunehmenden Probleme, das heutige Niveau des Wohlfahrtsstaates finanziell noch zu halten, ist es an der Zeit, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Es gilt auch, die Grundidee der Solidarität wieder zum Leben zu erwecken, weil sie eine enorme zivilisatorische Errungenschaft ist. Die Reaktion vieler Menschen im Land auf die wachsende Zahl an Flüchtlingen zeigt, dass dieses ursprüngliche Gefühl der Solidarität noch quicklebendig ist. Es gibt viele erfolgreiche zivilgesellschaftliche Initiativen, die es sich zum Ziel gemacht haben, freiwillige Solidarität zu organisieren und zu fördern.

Das Weihnachtsfest ist eine gute Gelegenheit, um daran zu erinnern. Wenn viele im Kreis ihrer Familien und Freunde wieder die Wichtigkeit persönlicher Nähe spüren, ist es durchaus angebracht, sich für das neue Jahr etwas vorzunehmen: Solidarität ist zu wichtig, um sie Politikern und Bürokraten zu überlassen. Es gibt zum Glück in unserem Land sehr viele Initiativen, die freiwillige Hilfe organisieren. Vielleicht finden wir im Jahr 2015 auch Gelegenheiten, uns dort zu engagieren: mit unserem Geld, unserer Zeit und vor allem mit unserem Herz. Es ist dieser Einsatz, der alle Beteiligten glücklicher macht, weil Solidarität dort wieder zu einem menschlichen Akt wird. Füreinander einzustehen bekommt dann wieder ein Antlitz.

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  • Axel Sänger

    Dass die soziale Verantwortung gegen Zwänge des Arbeitsmarktes durchgesetzt werden muss, ist deutlich. Allerdings sind diese Zwänge des Arbeitsmarktes nicht auf die sozialen Notwendigkeiten zurück gebunden. Soziale Notwendigkeiten werden aus einer anderen Perspektive erkannt, als aus der Perspektive der Wachstumsideologie. Beides wird immer weniger miteinander vereinbar.

  • Ulf Diebel

    Solidarität ist die luziferische Variante der von Jesus gepredigten Nächstenliebe.

    Wenn kein Bewusstsein einer Verantwortung gegenüber Gott vorhanden ist, dann übersieht man das Gebot “liebe Gott”, welchem dem Gebot der Nächstenliebe voran steht. Nur wer sich selber liebt, kann andere lieben wie sich selbst. Nur wer sich geliebt fühlt, kann Liebe weiter geben.

    Wenn Adam Smith feststellt: “Mag man den Menschen für noch so selbstsüchtig halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen,…” dann übersieht er, wie auch andere Ökonomen diese stärkste Kraft: Liebe

    Du übersiehst sie ebenfalls Clemens:

    “Diese Errungenschaft hat ihren Ursprung aber nicht in der Weisheit von Bürokraten oder Politikern, sondern ist Ausdruck eines Willens der Gesellschaft zu Humanität.”

    Der Humanismus und sein Verständnis von Humanität kam erst durch die Deklaration der Menschenrechte 1789 richtig in Schwung, als direktes Gegenüber zum Gottesglauben.

    Waisenhäuser, Krankenhäuser, Spitale, Armenspeisungen etc fingen diejenigen auf, die wirklich keine Familie hatten. Der gottlose Staat kam erst später mit “Solidarität” als einem Konkurrenzangebot auf den Markt.

    Da der Staat mittlerweile Solidarität für alles und jeden fordert, nimmt man vielen die finanziellen Möglichkeiten selbst Nächstenliebe zu zeigen.

  • zilti

    Das ist alles natürlich einfach und schnell gesagt, aber Solidarität hat ihre Grenzen, gerade gegenüber Fremden. Und nicht zuletzt gehört es zu den zentralen Staatsaufgaben (auch aus liberaler Sicht, u.a. auch Hayek!), jedem Menschen ein menschenwürdiges Dasein zu garantieren. Es ist ziemlich sinnbefreit, unter dem Argument “es fördert unser Solidaritäts- und Verantwortungsbewusstsein” nun die allergrundlegendsten Beiträge in Frage zu stellen.

    Warum nimmt man die alternde Grossmutter “nicht mehr” bei sich auf? Ganz einfach: Meist wird dies von beiden Seiten nicht gewünscht, nicht praktikabel, oder manchmal auch schlicht zu teuer. Soll man denn da plötzlich einen Spendenaufruf machen, “Wer finanziert meinem Grosi den Heimplatz?”?

    Ähnliches gilt für Bettler. Gemeinnützige Vereine haben durchaus Unterstützung. Aber dem einzelnen Bettler – wer trotz seiner Sozialhilfe auf der Strasse um Geld bettelt, warum gibt man dem wohl kein Geld? Weil niemand aus Solidarität jemandes Drogensucht finanzieren will (und das ist meist der Grund fürs Betteln). Gäbe es keine Sozialhilfe, es würde genau dasselbe passieren, zusätzlich würden noch Arme und Arbeitsunfähige darunter leiden, unter Generalverdacht zu stehen und deshalb nicht aus Solidarität Geld zu erhalten. Abgesehen davon, dass betteln eine ziemlich entwürdigende Handlung ist.

  • H. J. Weber

    Entsolidarisiert?

    Ja, ich habe mich entsolidarisiert, und zwar als ich 1986 gesehen habe, wie
    “die Rente ist sicher” an die Litfaßsäule geklebt wurde.

    Damals musste ich als selbständiger Handwerksmeister schon fasst 700,00 DM
    monatlichen Rentenbeiträge zahlen. Damals lebten schon alle Beitragszahler, die
    um 2030 in Rente gehen werden, wenn die Rente nur noch etwa 43% vom letzten
    Netto ausmacht. Das man uns belogen hat, konnte jeder schon damals ganz schnell ausrechnen.

    Ich habe gerechnet und habe der LVA meine Kündigung zugesandt.
    Von der Hälfte des Betrages habe ich regelmäßig Goldmünzen gekauft und die
    andere Hälfte in eine Lebensversicherung eingezahlt.
    Gut- die LV lief nicht so gut, aber an Gold hatte ich in den letzten 14 Jahren
    etwa 425% Kurssteigerungen zu verbuchen und die LV habe ich mir 2009 auszahlen lassen und haben auch Gold gekauft.

    Von 2009 bis heute 58% Kurssteigerung.

    Und die Rente?
    Für 22 Beitragsjahre habe ich 420,00 Euro zu erwarten.
    Für 44 Jahre wären es dann etwa 900,00 Euro, bzw. Altersarmut.

    Alle Menschen die in
    eine Rentenkasse oder Lebensversicherung einzahlen, machen einen Fehler: Sie
    vertrauen dem Staat.
    Es ist schon schlimm genug, dass es diese Zwangsabgaben in die Rentenkassen
    gibt, mit der man sich eine Rente erarbeitet, die später nicht zum Leben
    ausreicht.
    Aber wer dann noch zusätzlich in Rentenkassen einzahlt, bei denen der Staat
    eingreifen kann, der kann den Knall nicht gehört haben.
    In Deutschland hat der Gesetzgeber den Lebensversicherungen erlaubt Leistungen
    zu stoppen, wenn sie in finanzielle Schieflage geraten; natürlich bei voller
    Beitragszahlung des Versicherten.
    In 4 europäischen Staaten sind die kapitalgedeckten Renten schon vom Staat
    beschlagnahmt worden; zuletzt auch in Polen
    Jetzt geht es an die Betriebsrenten.
    Ich kann nur jedem raten für seine private Altersversorgung eine Variante zu
    finden, bei der:
    1. Keine Provisionen abgezogen werden, wie bei Allianz,
    Riester u. Co.
    2. Die Gewinne legal nicht versteuert werden müssen.
    3. Der Staat keine Kenntnisse von hat
    4. Nicht besteuert wird, wenn die Vorsorge im Alter
    verbraucht wird.
    5. Keine Krankenkassenbeiträge von bezahlt werden
    müssen; daher auch keine Zuzahlungen für
    Medikamente usw. usw.
    6. Alles sofort und augenblicklich in einen anderen
    Staat gebracht werden kann.
    7. Auf der ganzen Welt als Zahlungsmittel anerkannt wird.
    8. Seit Jahrtausenden seinen Wert erhalten hat.
    9. Nicht durch Inflation oder Währungsreform wertlos
    werden kann.
    10. Beim Ableben des Inhabers der Altersversorgung,
    den Hinterbliebenen die Werte bleiben.
    Wer kann da an Edelmetallen vorbei?
    Hätte ich mich nicht entsolidarisiert, stände mir in 2 Jahren die Altersarmut
    bevor.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

  • http://endlessgoodnews.blogspot.de/ Dan Chris

    Netter Text, nur eben etwas weltfremd. Eine Frage an den Autor. Wie solidarisch zeigen sich die Deutschen auf der Straße den normalen griechischen Bürger gegenüber, welcher Steuern gezahlt hat, keine Schulden hatte und jetzt Obdachtlos ist? Solidarität wirkt nur in gewissen Rahmen und nur gegenüber Leuten in die wir uns hineinversetzen können. Weiterhin geben Menschen natürlich wenn sie etwas geben können. D.h. ein solidarisches System, welches auf Freiwilligkeit beruht ist immer ein Stück weit prozyklisch. Es wird gegeben wenn man es den meisten gut geht und gespart wenn dem nicht so ist. Die Errungenschaft des Sozialstaats ist es, dass man unabhängig von den äußeren Umständen Hilfe bekommt. D.h. die “Entmenschlichung” und “Objektivierung” die teilweise zu Recht als Schwäche abgetan wird, ist gleichzeitig eine Stärke. Das Beispiel mit der Großmutter zeigt das. So kann man seine Großmutter “abschieben”. Manchmal muss man es sogar, z.B. wenn sie Dement ist und man selbst nicht immer zu Hause ist. Man kann sie aber auch zu sich holen. In einem solidarischen System hat man diese Wahl nicht mehr. Man ist auf die Nächstenliebe seiner Nachbarn angewiesen. Die Presozialstaatära der industriellen Revolution zeigte wie gut das funktionierte.

    “Kaum etwas ist für einen Markt schädlicher als Krieg und Gewalt.”
    In meinen Augen ist das nur bedingt richtig. Für die Waffenmärkte gibt es kaum etwas besseres als Kriege. Für die Sicherheitsindustrie, z.B. in Israel gibt es kaum etwas besseres als Gewalt.

    “Das Angenehme: indem ich jemandem etwas abkaufe oder verkaufe,
    verbessert sich dessen Situation. Das Nützliche: auch ich stelle mich
    damit besser.”
    Das setzt voraus, dass unter Gleichgestellten gehandelt wird oder eine seht abstrakte Vorstellung von besser gestellt hat.

  • Bernd

    Genau so sehe ich das auch. Die Menschen helfen sich einfach nicht mehr Gegenseitig. Diese “Der Staat wird’s schon richten” Einstellung ist sehr gefährlich und macht den Menschen abhängig.
    Mit besten Grüßen,
    Bernd von http://www.infodienstnet.de

    • http://www.insm.de/ INSM

      Hallo Bernd, wir sind fast auf einer Linie. Der Staat hat sich aus den meisten Angelegenheiten rauszuhalten. So auch in dem hier dargestellten Beispiel. Wir erkennen jedoch, dass in Deutschland eine außerordentliche Hilfsbereitschaft und Solidarität vorhanden ist. (kun)

Autor

Clemens Schneider

Clemens Schneider ist Mitbegründer des freiheitlichen Think Tanks "Prometheus - Das Freiheitsinstitut" und arbeitet in Katholischer Theologie an einer Dissertation über den englischen Historiker Lord John Acton.

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